ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2018Von schräg unten: 20 Stunden

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: 20 Stunden

Dtsch Arztebl 2018; 115(26): [68]

Böhmeke, Thomas

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Bis vor Kurzem habe ich jeden Morgen dasselbe furchtbare Erweckungserlebnis durchgemacht: Beim Rasieren glotzte mich im Spiegel eine abgetakelte Gestalt an, voller Faltenwurf, gesäumt von fahler Haut. Jeden Morgen dasselbe Theater, das optische Alter mit dem numerischen in Einklang zu bringen; ach, wie oft bin ich daran gescheitert. Aber dann kam unser neuer Ge­sund­heits­mi­nis­ter und brachte mir die Erlösung, indem er sprach: Niedergelassene Ärzte arbeiten nur 20 Sprechstunden pro Woche!

Flugs habe ich meinen Eintritt in das niedergelassene Leben, bisher absolvierte Sprechstunden mit dieser Wochenarbeitszeit hochgerechnet und freudestrahlend festgestellt: Ich bin schon 100 Jahre alt! Was war das für eine Erleichterung, endlich stimmte das objektiv Sichtbare mit dem knallharten Kalkulatorischen überein! Der Knochenbau, der Kreislauf, die Arbeit: hinfällig; die Rente: überfällig. Denn jetzt ist es amtlich: Ich bin zwar ein kluges Kerlchen, das noch rechnen kann, ansonsten ein alter Sack. Dies wiederum hindert mich aber nicht daran, mich fröhlich mit anderen Kollegen auszutauschen, deren Sprechstundenalter auch schon dreistellig ist und dem zu frönen, was alte Säcke am liebsten tun: Sie erzählen von vergangenen Zeiten, tauschen Anekdoten aus und trauern gemeinsam darüber, dass heute alles schlechter ist.

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Weißt Du noch, – so die übliche Ouvertüre zu Höhepunkten der glorreichen Vergangenheit – wie der Assistenzarzt nach dem Nachtdienst während der OP einschlief, die instrumentierende Schwester aber blitzschnell reagierte, bevor sein müdes Haupt in das offene Abdomen fiel, und der Operateur danach nur trocken meinte, man möge den Haken aus seinem Kiefer bitte nicht entfernen, damit dies nicht nochmal passiere?! Heute gehen die jungen Kolleginnen und Kollegen nach der Schicht nach Hause, wie jeder anständige Bus- oder Lokführer auch. Oder die Geschichte des Studenten, der, universitär gestählt in der Kunst der Anamnese, einen 92-jährigen Patienten so lange über seine Kinderkrankheiten ausquetschte, bis dieser es mit Kammerflimmern quittierte. Nach erfolgreicher Reanimation bat der alte Herr bestens gelaunt, man möge nicht mehr nach Masern fragen! Tja, heutzutage sind unsere Eleven vorbildlich gedrillt, heute müssen sie nicht über derartige Umwege unser Handwerk lernen.

Ja, das waren noch Zeiten … aber die sind lange vergangen, es gibt aus den letzten Jahren einfach nichts wirklich Schönes mehr zu berichten ... oder doch: Weißt Du noch, als die Praxisgebühr eingeführt wurde? Das war doch wunderbar! Plötzlich waren die Ambulanzen leergefegt wie das Colon nach Hydrotherapie, die Notaufnahmen so verwaist wie die Magenwand nach Helicobacter-Eradikation! Da war keiner mehr, der bei einem banalen Schnupfen die sofortige Myokardbiopsie forderte, weil er seine triefende Nase zu tief in Dr. Google gesteckt hat, der ihm zuraunte, dass Ärzte zu blöd seien, eine akute Herzmuskelentzündung zu diagnostizieren. Keiner mehr, der vor fünf Jahren mal Palpitationen hatte und die sofortige umfassende Abklärung fordert, weil er tags darauf in Urlaub fliegt. Keiner mehr, dessen seit Monaten schmerzhafter Rücken samstags nachts einer sofortigen Magnetresonanztomographie, gar einer neurochirurgischen Intervention unterzogen werden müsse. Ach, was waren das für Zeiten! Endlich konnten wir uns hingebungsvoll um Herzinfarkte und Hüftluxationen, um Abszesse und akute Nierenversagen kümmern.

Und heute? Erkennt man von Weitem, wo Notfallambulanzen ihren Standort haben, weil sich die Menschenmassen über mehrere Straßenzüge stauen! Heutzutage ist alles einfach nur schlimm … schlimm ist, dass niemand auf uns alte Säcke hören möchte, besonders die Jugend. Daher habe ich kaum Hoffnung, dass unser Ge­sund­heits­mi­nis­ter, da jung an Jahren, mir zuhört. Da ich ihm aber etwas schuldig bin, rufe ich ihm zu: Herr Minister Spahn, im Namen der überrannten Ambulanzen, geben Sie uns die Praxisgebühr zurück!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck

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