Supplement: Perspektiven der Infektiologie

Reiseimpfungen: Vorbehalte unbegründet

Dtsch Arztebl 2018; 115(27-28): [12]; DOI: 10.3238/PersInfek.2018.07.09.003

Eckert, Nadine

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Eine höhere Zahl von Simultanimpfungen führt zwar zu einer schrittweisen Zunahme von Nebenwirkungen, diese sind aber von leichter Ausprägung.

Unter Reisenden herrschen mitunter Vorbehalte gegenüber indizierten Reiseimpfungen. Dies betrifft insbesondere die als nebenwirkungsbehaftet geltende Tollwutimpfung. Simultanimpfungen gelten zudem als schlechter verträglich als Einzelimpfungen. Doch zeitlich prolongierte Impfschemata führen nur allzu leicht zu verpassten Impfchancen. Eine neue Studie könnte helfen, die Skepsis auszuräumen.

Mediziner von der Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus und dem Universitätsklinikum Tübingen ließen Patienten 1 Woche nach ihrem ersten Impftermin einen Onlinefragebogen ausfüllen. Gefragt wurde nach Auftreten und Schweregrad von Nebenwirkungen. 781 Personen machten Angaben. Frauen nahmen etwas häufiger teil als Männer, die Studienpopulation war außerdem relativ jung. Mit einem Anteil von 36,1 % stammten viele der Teilnehmer aus der Altersgruppe von 20–29 Jahren.

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Bei den Befragten wurden insgesamt 1 415 Impfungen durchgeführt, und zwar als Einzel- oder Simultanimpfungen mit bis zu 7 Vakzinen. Die häufigsten Impfungen waren gerichtet gegen

  • Tollwut (n = 277, davon 97 embryonale Hühnerzellen, 180 humane diploide Zelllinien),
  • Gelbfieber (n = 250),
  • Typhus (n = 198),
  • Meningokokken-Meningitis (n = 126) und
  • japanische Enzephalitis (n = 104).

Weitere Impfungen umfassten Hepatitis A, Hepatitis A/B, Tetanus/Diphterie/Keuchhusten/Polio, Hepatitis A/Typhus, Influenza, Masern/Mumps/Röteln, Hepatitis B, durch Zecken übertragene Enzephalitiden, Polio, Cholera und Pneumokokkeninfektionen.

Etwas mehr als ein Viertel der Geimpften (n = 217; 27,8 %) gab Nebenwirkungen an, die sie auf einer Skala von 1 (geringfügig) bis 5 (sehr schwer) beurteilen sollten. Nebenwirkungen von höherem Schweregrad traten demnach bei 82 Patienten auf (Grad 3: 61; Grad 4: 18; Grad 5: 3). Lebensbedrohliche Nebenwirkungen wurden nicht berichtet.

Nebenwirkungen vom Schweregrad 5 bezogen sich auf eine Meningokokkenimpfung (Kopfschmerzen, 2 Tage Fieber über 39 °C), eine Tollwut/Typhus/japanische-Enzephalitis-Simultanimpfung (39 °C Fieber, Abdominalkrämpfe, Übelkeit, Diarrhoe, Exanthem) und eine Hepatitis-A-Impfung (Schwindel, Übelkeit, Abdominalschmerzen).

Von 167 systemischen Nebenwirkungen waren die häufigsten Müdigkeit (75), Kopfschmerzen (46) und Fieber (31). Zu den 94 berichteten lokalen Nebenwirkungen zählten am häufigsten Schmerzen (66), Myalgie (25) und Schwellungen (12). Systemische und lokale Nebenwirkungen gaben 37 (4,7 %) Befragte an.

Tollwutimpfungen waren als Einzelimpfung mit einer erhöhten Zahl an Nebenwirkungen assoziiert (OR 2,2 [95-%-KI: 1,2–4,2]). Systemische Nebenwirkungen traten häufiger nach Meningokokkenimpfungen (OR 2,91 [1,27–6,65]) auf, lokale Nebenwirkungen nach Impfungen gegen Tollwut (OR 2,55 [1,12–5,83]) und Hepatitis A/Typhus (OR 3,17 [1,22–7,73]). Bei Impfungen gegen Gelbfieber wurden lokale Nebenwirkungen seltener beobachtet (OR 0,36 [0,15–0,9]).

Mit der Zahl der Impfungen, die simultan verabreicht wurden, stieg auch die Zahl der beklagten Nebenwirkungen an: bei Einzelimpfungen 24,1 % der Patienten (88/365), bei 2 Impfungen 26,6 % (73/274) und bei 3 oder mehr Impfungen 39,4 % (56/142).

Allerdings galt dies nicht für schwere Nebenwirkungen: Sie standen in keinem eindeutigen Zusammenhang mit der Zahl der Simultanimpfungen.

Die am häufigsten simultan durchgeführten Impfungen waren:

  • Gelbfieber plus Tollwut (28),
  • Tollwut plus Typhus (28) und
  • Tollwut plus japanische Enzephalitis (25).

Keine dieser Simultanimpfungen war statistisch signifikant mit Nebenwirkungen assoziiert (OR 0,91 [0,37–2,24] bzw. OR 0,73 [0,28–1,88] bzw. OR 0,86 [0,33–2,24]).

Fazit der Autoren

  • Eine höhere Zahl von Simultanimpfungen führe zwar tatsächlich zu einer schrittweisen Zunahme von Nebenwirkungen, aber nicht zu mehr schweren Nebenwirkungen.
  • Sie empfehlen deshalb, Patienten zu Simultanimpfungen zu ermuntern, um möglichst keine Gelegenheiten zur Immunisierung zu verpassen.

DOI: 10.3238/PersInfek.2018.07.09.003

Nadine Eckert

Quelle: Slesak G, Fleck R, et al.: Adverse events in vaccinations for travelers – a 1-year prospective survey in a travel clinic in Germany. Travel Med 2018; 25 (1).

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