ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2018Gesundheitskompetenz: Gut informiert im Netz

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Gesundheitskompetenz: Gut informiert im Netz

Dtsch Arztebl 2018; 115(27-28): A-1344 / B-1134 / C-1126

Kahl, Kristin

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Damit Patienten ihr Mitbestimmungsrecht im Behandlungsverlauf wahrnehmen können, brauchen sie Zugang zu verlässlichen und verständlichen Informationen. Webseiten, auf die Ärzte verweisen können, gibt es bereits.

Foto: vege/stock.adobe.com
Foto: vege/stock.adobe.com

Knapp die Hälfte der Deutschen nutzt das Internet, um sich über Gesundheitsthemen zu informieren. Das ergab eine Studie der Bertelsmann Stiftung Anfang des Jahres. So überprüfen Patientinnen und Patienten zum eine die Informationen vom Arzt und recherchieren alternative Behandlungsmethoden, zum anderen suchen sie Austausch und emotionale Unterstützung. Die Informationsflut stellt die Nutzer dabei oft vor die Schwierigkeit einschätzen zu müssen, welche Informationen verlässlich und evidenzbasiert sind. Und auch Ärztinnen und Ärzte werden immer wieder mit den negativen Folgen des Überangebotes konfrontiert – nämlich dann, wenn Patienten durch falsche oder kommerziell beeinflusste Informationen verunsichert sind oder mit unangebrachten Erwartungen oder Leistungsansprüchen in die Praxis kommen.

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Ärzte schätzen informierte und proaktive Patienten – auch das hat die Studie ergeben. Umso wichtiger ist es, dass sie auf zuverlässige Quellen verweisen können. Webseiten, die Gesundheitswissen bündeln, unabhängig und transparent informieren und die Gesundheitskompetenz fördern, gibt es bereits. Eine davon hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) 2006 ins Leben gerufen. Die Plattform Gesundheitsinformation.de bietet gesunden wie erkrankten Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit, sich einen Überblick über Vor- und Nachteile von Behandlungsoptionen und Gesundheitsangeboten zu verschaffen.

Ergänzung zum Arztgespräch

Die Webseite ist nach Themengebieten wie Allergien, Herz und Kreislauf, Immunsystem und Infektionen, Psyche und Gemüt oder Zähne und Zahnfleisch sortiert. Zu jedem Krankheitsbild werden Symptome, Ursachen und Risikofaktoren aufgeführt und Angaben zum Risiko und Verlauf der Erkrankung, deren Folgen sowie zur Diagnose und der Behandlung gegeben.

Neben Krankheitsthemen informiert die Webseite aber auch über Vorsorge und allgemeine Themen wie die evidenzbasierte Medizin und individuelle Gesundheitsleistungen. Ziel ist es, eine Ergänzung zum Arztgespräch zu bieten ohne dieses zu ersetzen. Die Inhalte der Gesundheitsinformationen orientieren sich an häufigen Krankheiten, Diagnosen und Gesundheitsfragen. Es fließen aber auch Gutachten und Berichte aus anderen Ressorts des IQWiG ein und es werden Themenvorschläge aus der Öffentlichkeit entgegengenommen. Zudem können das Bundesministerium für Gesundheit oder der Gemeinsame Bundes­aus­schuss das Institut mit Themen beauftragen.

Ein weiteres Patientenportal hat das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) ins Leben gerufen. Auf der im Jahr 2000 gegründeten Webseite Patienten-Information.de werden die vom ÄZQ erstellten Patienteninformationen präsentiert und Unterstützungsangebote von Selbsthilfeorganisationen vorgestellt. Die Gesundheitsinformationen orientieren sich an der „Guten Praxis Gesundheitsinformation“ (GPGI) des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin (EbM). Diese definieren nicht nur Anforderungen an die Inhalte. Sie halten auch dazu an, entscheidungsrelevante Informationen verständlich zu vermitteln und dabei die Gesundheitsbildung (Health Literacy) der Zielgruppe zu berücksichtigen. Zudem fordert das EbM-Netzwerk die Offenlegung von Interessenkonflikten, Angaben zu Geldgebern sowie Informationen zu den Vor- und Nachteilen von Behandlungsalternativen.

Evidenzbasierte Inhalte

Das Patientenportal des ÄZQ bietet sowohl Informationen für Ärzte als auch Patienten. Mediziner können die Patientenleitlinien des Programms für Nationale Versorgungsleitlinien einsehen und erhalten so Entscheidungshilfen für ihre ärztliche Praxis. Alle Empfehlungen sind laut ÄZQ weitestmöglich evidenzbasiert und sollen die Diagnose und Therapie und damit eine angemessene und wissenschaftlich gesicherte medizinische Versorgung fördern. Zusätzlich stellt das ÄZQ die Patientenleitlinien des Leitlinienprogramms Onkologie bereit, das von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, der Deutschen Krebsgesellschaft und der Stiftung Deutsche Krebshilfe getragen wird.

An Patienten gerichtete Informationen finden sich in der Rubrik „Kurzinformationen für Patienten“. Diese können beispielsweise im Wartezimmer ausgelegt oder Patienten an die Hand gegeben werden. Die doppelseitigen A4-Blätter informieren auf der Grundlage ärztlicher Leitlinien und Studien über Gesundheits- und Krankheitsthemen und stehen zum kostenfreien Download bereit.

Neben diesen Angeboten stellt das ÄZQ zudem Checklisten und zwei Wörterbücher für Volkskrankheiten und Krebserkrankungen zur Verfügung.

Das dritte Angebot kommt von der Schweizer regierungsunabhängigen Stiftung Health On the Net (HON). Diese hat den sogenannten HONcode entwickelt. Der ethische Verhaltenskodex soll die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit von medizinischen Informationen im Internet verbessern. Als freiwilliges Angebot gibt der Code Webseitenentwicklern Richtlinien und einen Standard vor. Das Siegel erhält, wer sich zur Bereitstellung objektiver und transparenter medizinischer Informationen, also der acht HONcode-Richtlinien (siehe Kasten) verpflichtet und bereit erklärt, diese an den Bedürfnissen der Nutzer auszurichten. Die Einhaltung wird durch das HON-Team und die Internetgemeinschaft überprüft.

Neben dem Zertifikat entwickelt HON verschiedene Tools für Internetnutzer. Dazu zählt die medizinische Suchmaschine KConnect und die Browser-Erweiterung Health Trust Indicator, die ebenfalls als Suchmaschine fungiert, darüber hinaus aber auch anzeigt, wie vertrauenswürdig und wie leicht verständlich eine Seite ist. Health Curator ist eine Evaluationsplattform, auf der registrierte Nutzer Gesundheitsseiten im Internet und anderen Applikationen bewerten können.

Ergänzung für den Browser

Um den Akkreditierungsstatus einer Webseite schnell zu erkennen, können Nutzer zudem ein Toolbar für die Symbolleiste ihres Internetbrowsers herunterladen. Einmal eingebettet zeigt das HON-Icon an, ob die besuchte Seite das Siegel trägt.

Generell wird Ärzten empfohlen, sich einen Überblick über verlässliche Gesundheitsinformationen zu verschaffen, die wichtigsten Quellen zu kennen und Informationsmaterialien vorzuhalten oder darauf verweisen zu können. So leisten sie einen Beitrag zur Patientenorientierung und Patientensicherheit. Kristin Kahl

www.gesundheitsinformation.de

www.patienten-information.de

www.hon.ch

Leitliniengerecht

Für die Erstellung von Informationen haben das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin und die Fachwissenschaft Gesundheit der Universität Hamburg eine „Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitsinformation“ herausgegeben. Sie soll dabei helfen, die Qualität von Gesundheitsinformationen zu verbessern, und gibt Empfehlungen dafür, welche Inhalte wie kommuniziert werden. So sollten unter anderem Angaben zu Verlauf und Auswirkungen von Erkrankungen sowie Maßnahmen zur Gesunderhaltung, Früherkennung, Diagnostik, Nachsorge, Pflege oder Krankheitsbewältigung gemacht werden. Die Darstellung der Inhalte sollte umfassend, verständlich, transparent, unverzerrt und objektiv sein und auf einer transparenten Methodik fußen.

http://daebl.de/LW46

HONcode-Prinzipien

1. Sachverständigkeit : Angabe der Qualifikationen der Verfasser

2. Komplementarität : Information zur Unterstützung – nicht als Ersatz – der Arzt-Patienten-Beziehung

3. Datenschutz: Einhalten des Datenschutzes und der Vertraulichkeit persönlicher Daten, die der Webseitenbesucher eingegeben hat

4. Quellenangaben : Angabe der Quelle(n) der veröffentlichten Information sowie des Datums medizinischer und gesundheitsbezogener Seiten

5. Belegbarkeit: Die Seite muss Behauptungen bezüglich Nutzen und Effizienz untermauern

6. Transparenz: Zugängliche Darstellung, genauer E-Mail-Kontakt

7. Offenlegung der Finanzierung: Angabe der Finanzierungsquellen

8. Werbepolitik: Werbeinhalt wird klar von redaktionellem Inhalt unterschieden

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