ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2018Organspende: Wege aus der Krise

POLITIK

Organspende: Wege aus der Krise

Dtsch Arztebl 2018; 115(27-28): A-1312 / B-1110 / C-1102

Richter-Kuhlmann, Eva

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Bei der Suche nach Ansätzen, die die Zahl der Spenderorgane erhöhen könnten, haben strukturelle Verbesserungen an den Kliniken zunächst Priorität. Transplantationsbeauftragte sollen zudem mehr Wertschätzung erfahren.

Foto: picture-alliance
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Das Anliegen der Ärzteschaft ist klar: „Wir möchten endlich die Situation der Organspende entscheidend verbessern“, betonte Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery bei der gemeinsamen Sondersitzung der Ständigen Kommission Organtransplantation (StäKo) am 28. Juni in Berlin. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) ist zuversichtlich: Man werde viel bewirken können, wenn es dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium jetzt gemeinsam mit den Ländern gelänge, den Koalitionsvertrag umzusetzen. Darin formulierten Union und SPD bereits das Ziel, die Organspendezahlen zu erhöhen. Als Maßnahmen genannt werden explizit eine verbindliche Freistellungsregelung für Transplantationsbeauftragte sowie eine höhere Vergütung der Organentnahme. „Diese Punkte müssen jetzt aufgegriffen und umgesetzt werden“, forderte Montgomery. Dabei gehe es um die Finanzierung sowie um die Frage, wie man den Kliniken helfen könne, die logistische Herausforderung der Organspende besser zu bewältigen.

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Gemeinsames Handeln gefragt

Rückenwind kommt aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG): Die Transplantationsmedizin arbeite in den letzten Jahren vorbildlich. Jetzt müsse man gemeinsam Wege aus der Krise finden, unterstrich Sabine Weiss (CDU), Parlamentarische Staatssekretärin im BMG. „Das Thema Organspende ist in der Bevölkerung positiv besetzt, was sich allerdings leider nicht in den tatsächlichen Spenderaten widerspiegelt“, bedauerte sie. Weiss verwies auf die bundesweite Repräsentativbefragung, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erst im Juni vorstellte. Bei dieser hatten 84 Prozent der von November 2017 bis Februar 2018 befragten 4 000 Bürgerinnen und Bürger im Alter von 14 bis 75 Jahren eine positive Einstellung zum Thema Organ- und Gewebespende angegeben (Grafik). Trotzdem sank im vergangenen Jahr die Zahl der Organspender auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Bundesweit gab es nur 797 Spender, 60 weniger als im Jahr zuvor. Die Zahl der gespendeten Organe ging um 9,5 Prozent auf 2 594 zurück.

Einstellung zur Organ- und Gewebespende, Bundesweite Repräsentativbefragung der BZgA, 2018
Einstellung zur Organ- und Gewebespende, Bundesweite Repräsentativbefragung der BZgA, 2018
Grafik
Einstellung zur Organ- und Gewebespende, Bundesweite Repräsentativbefragung der BZgA, 2018

Angesichts der Daten sehen viele in der Einführung einer Widerspruchslösung den Weg aus der Krise. „Doch eine Debatte um einen grundlegenden Systemwechsel braucht Zeit. Sie darf nicht über das Knie gebrochen werden“, sagte Weiss. Zudem wisse man, dass derzeit die Strukturen in den Krankenhäusern „nicht förderlich für die Organspende“ seien. „Diese Strukturen kann man rasch verändern und Hürden und Hemmnisse abbauen. Organspende darf kein Minusgeschäft für die Krankenhäuser sein“, betonte Weiss. Nach der Sommerpause wolle das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium dazu einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen.

Für ein zweistufiges Verfahren plädierte auch der Vorsitzende der StäKo, Prof. Dr. jur. Hans Lilie: Zunächst müssten „die Hausaufgaben gemacht“ und die Strukturen an den Kliniken optimiert werden, mahnte er. Dann könne man diskutieren, ob die Widerspruchslösung das richtige Modell für Deutschland sei.

Deutlich unterschiedliche Realisationsquoten der Organspende an den einzelnen Krankenhäusern sind für die Autoren ein Hinweis darauf, dass ein Erkennungsund Meldedefizit der Entnahmekrankenhäuser besteht (Seite M-463).
Deutlich unterschiedliche Realisationsquoten der Organspende an den einzelnen Krankenhäusern sind für die Autoren ein Hinweis darauf, dass ein Erkennungsund Meldedefizit der Entnahmekrankenhäuser besteht (Seite M-463).

Ansatz „Krankenhaus“

Bei den Problemen im Krankenhaus möchte auch die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ansetzen. Sie mahnte bereits bei ihrem Jahreskongress im vergangenen November einen Initiativplan mit klar definierten Handlungsschritten an und begründete die sinkenden Organspendezahlen unter anderem mit „organisatorischen Schwachstellen“ in den Kliniken. „Die Spenderrealisierung unterscheidet sich deutlich zwischen einzelnen Häusern. Dies zeigt, dass es noch Luft nach oben gibt“, sagte Dr. med. Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO. Geld allein löse sicher keine Wende in der Organspende aus, sei aber ein wichtiger Baustein, betonte er.

Prof. Dr. med. Thorsten Feldkamp vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, untermauerte dies mit Zahlen. Allein zwischen den deutschen Universitätskliniken (A-Krankenhäuser) unterscheide sich die Anzahl der Organspendemeldungen an die DSO um den Faktor 20, erklärte er. Bemerkenswert sei zudem, dass zwischen 2010 und 2017 die Zahl der potenziellen Organspender zwar um 13,9 Prozent gestiegen, die Zahl der realisierten Organspenden jedoch um 32,3 Prozent gesunken sei (Originalarbeit in diesem Heft, Seite M-463). Feldkamp ist sich sicher: „Strukturelle Veränderungen an den Kliniken können künftig zu einer enormen Verbesserung der Organspende führen.“

Doch wie ist der Alltag derzeit? In den Krankenhäusern herrsche noch viel Skepsis gegenüber der Organspende, erläuterte Irmtraut Gürkan, Kaufmännische Direktorin des Universitätsklinikum Heidelberg. Insbesondere das Intensivpersonal, das in engem Kontakt zu den Patienten stehe, erlebe viele Probleme. „Die direkten Kosten für die Organentnahme werden derzeit zwar gedeckt, nicht aber die Aufwendungen für die verlängerten Liegezeiten auf der Intensivstation“, sagte sie. Dies ließe sich leicht ändern. „Eine Anpassung der Vergütung würde unser Gesundheitssystem nicht sprengen.“

Defizite erlebt auch Dr. med. Gero Frings, Transplantationsbeauftragter am St. Bernhard-Hospital in Kamp-Lintfort: Die Organspende werde von Krankenhausträgern, Geschäftsführern und Vorgesetzten häufig kritisch bewertet, bestätigte er. „Wir haben zwar die Schlüsselfunktion bei der Detektion und Realisierung von Organspenden, aber wir werden noch immer nicht ausreichend unterstützt“, sagte er. „Warum wird Transplantationsbeauftragten in kleineren Krankenhäusern kein Neurologe oder Neurochirurg mit Blaulicht geschickt, damit sich die Hirntoddiagnostik durchführen lässt?“, fragte er mit Verweis auf das große Potenzial an Organspenden, die an den C-Krankenhäusern (ohne Neurochirurgie) nicht realisiert würden. „Nur 22 Prozent der C-Krankenhäuser haben pro Jahr überhaupt Kontakt zur DSO“, kritisierte Dr. med. Götz Gerresheim, Transplantationsbeauftragter an den Kliniken des Landkreises Neumarkt/Oberpfalz. Gerresheim hält dies für bedenklich, zumal 87 Prozent aller Kliniken in Deutschland C-Krankenhäuser seien. „Das Problem liegt nicht bei der Bevölkerung, sondern bei den Krankenhäusern“, konstatierte er.

Kultur pro Organspende

Für einen Kulturwandel plädierte Prof. Dr. med. Bernhard Banas, Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft. Zu erreichen ist dieser nach seiner Ansicht durch die Einführung der Widerspruchslösung in Deutschland. „Sie ist kein Allheilmittel, aber sie steht für eine Kultur pro Organspende.“ Diese werde zum Regelfall, wie in vielen anderen europäischen Ländern auch. In Deutschland gilt dagegen die Entscheidungslösung. „Bei einer Debatte über die Wege aus der Krise darf es keine Denkverbote geben“, forderte Banas.

Er persönlich halte die Widerspruchslösung auch für richtig, erklärte Montgomery. Momentan sei sie jedoch nicht umsetzbar. Eine Debatte darüber müsse „mit großer Sensibilität“ geführt werden. Zudem mahnte der Bundes­ärzte­kammerpräsident: „Die Politik muss das Thema forcieren, nicht die Ärzteschaft.“ Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Einstellung zur Organ- und Gewebespende, Bundesweite Repräsentativbefragung der BZgA, 2018
Einstellung zur Organ- und Gewebespende, Bundesweite Repräsentativbefragung der BZgA, 2018
Grafik
Einstellung zur Organ- und Gewebespende, Bundesweite Repräsentativbefragung der BZgA, 2018

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