ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2018Hypertonie in der Schwangerschaft: Das Risiko für Bluthochdruck ist selbst 20 Jahre nach der Entbindung noch erhöht

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Hypertonie in der Schwangerschaft: Das Risiko für Bluthochdruck ist selbst 20 Jahre nach der Entbindung noch erhöht

Dtsch Arztebl 2018; 115(27-28): A-1335 / B-1128 / C-1120

Leinmüller, Renate

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Foto: Astroid / stock.adobe.com
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Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft (HES) sind ein langfristiges Risiko für Mutter und Kind. Offen war bisher die wichtige Frage, wann das Post-partum-Risiko für eine mütterliche Hypertonie am stärksten erhöht ist und wie lange eine Prävention notwendig ist. Antworten liefert eine nationale Kohortenstudie aus Dänemark, in der die kumulative Inzidenz einer behandlungsbedürftigen Hypertonie über 10 Jahre bei 482 972 Primiparae (Geburt oder Abort) zwischen 1995 und 2012 anhand nationaler Register ermittelt wurde. Bei 16 611 Graviden (4,8 %) waren HES dokumentiert.

Das Risiko für einen Post-par-tum-Hochdruck wurde ermittelt anhand aller Schwangerschaften (n = 1 025 118) im Zeitraum von 1978–2012. In beiden Gruppen waren Frauen mit präexistenter Hypertonie ausgeschlossen. Alter, Geburtsjahr der Mutter, Diabetes, Rauchen und BMI wurden als bekannte Einflussfaktoren berücksichtigt.

Berechnet wurde das Risiko für eine Hypertonie innerhalb eines Jahres, innerhalb von 10 Jahren und 20 Jahren nach der Entbindung (Hazard Ratio [HR]). Es lag bei Müttern mit HES-Anamnese erheblich höher als bei Frauen mit normotensiven Schwangerschaften: 14–32 % versus 4–11 %. Im ersten Jahr post partum war die HR für Frauen mit HES in der letzten Schwangerschaft im Vergleich 12- bis 25-fach höher. Sie blieb auch 10 Jahre nach der Entbindung um circa 10 % erhöht und war selbst 20 Jahre danach noch verdoppelt.

Das Hochdruckrisiko stieg mit dem Alter der Mütter bei Entbindung. Die kumulative Inzidenz 10 Jahre später lag bei einer Geburt zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr bei HES-Müttern bei 13,7 %, bei Entbindung zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr lag sie bei 20,3 % und erhöhte sich danach auf 32,4 %. Die entsprechenden Werte bei normotensiven Schwangerschaften betrugen 4,0 %, 5,7 % und 11,3 %.

Eine HES-Anamnese barg ein stärkeres Risiko als eine Präek-lampsie. Wurden zwei Schwangerschaften berücksichtigt, verdoppelte sich das Risiko im Vergleich zu 2 normotensiven, wenn in der ersten ein HES auftrat und in der zweiten nicht. War die erste Gravidität nicht betroffen, aber die zweite, war die Assoziation noch stärker. Am höchsten lag die Rate bei 2 betroffenen Schwangerschaften (HR: 2,6–7,8).

Fazit: Ein Drittel der Schwangeren mit HES entwickelt in der darauf folgenden Dekade eine behandlungsbedürftige Hypertonie. Das Risiko ist im ersten Jahr nach Entbindung am höchsten, bleibt aber für einen Zeitraum von 20 Jahren noch erhöht. Blutdruckkontrollen sollten deshalb bereits früh erfolgen und langfristig eingeplant werden.

Für Prof. Dr. med. Holger Stepan, Leiter der Abteilung für Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Leipzig und Koordinator der HES-Leitlinie, hat die dänische Studie weitreichende Konsequenzen. „Wir müssen alle hypertensiven Schwangerschaftskomplikation – nicht nur die Präeklampsie – aus internistischem Blickwinkel sehen, weil sie als „Stresstest“ ein Prädiktor für eine spätere Hypertonie sind.“ Alarmierend ist aus seiner Sicht, dass in Deutschland überhaupt kein Nachsorgeprogramm existiert für die betroffenen Frauen, das seien immerhin 6–8 % der Schwangeren. Wünschenswert wäre außerdem ein Algorithmus, um die Frauen mit dem individuell höchsten Risiko zu identifizieren und engmaschig zu kontrollieren.

Dr. rer. nat. Renate Leinmüller

Behrens I, Basit S, Melbye M, et al.: Risk of post-pregnancy hypertension in women with a history of hypertensive disorders of pregnancy: nationwide cohort study. BMJ 2017; 358: j3078.

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