ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2018Psychotherapie im Internet: Unübersichtliches Angebot

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Psychotherapie im Internet: Unübersichtliches Angebot

PP 17, Ausgabe Juli 2018, Seite 306

Gießelmann, Kathrin

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Verschiedenste Internet- und mobil-basierte Interventionen stehen psychisch Kranken im Netz zur Verfügung. Welches Programm für sie am besten geeignet ist und auch erstattet wird, entscheidet aber nicht der Psychotherapeut sondern die Krankenkasse.

Das Angebot Internet- und mobilbasierter Interventionen (IMI) für psychische Störungen nimmt stetig zu. Einige IMIs konnten ihre Wirksamkeit in randomisierten kontrollierten Studien nachweisen.
Das Angebot Internet- und mobilbasierter Interventionen (IMI) für psychische Störungen nimmt stetig zu. Einige IMIs konnten ihre Wirksamkeit in randomisierten kontrollierten Studien nachweisen.

Einige Menschen mit psychischen Erkrankungen wollen diese aus eigener Kraft im Selbstmanagement bewältigen. Sie bevorzugen Internet- und mobil-basierte Interventionen (IMI). Das Onlineangebot dazu ist vielfältig, die Auswahl entsprechend schwierig. „Die Suche über Google liefert eine ganze Reihe verschiedenster Angebote, deren Qualität teils fragwürdig erscheint“, warnte Dr. med. Jan Philipp Klein vom Zentrum für Integrative Psychiatrie ZiP gGmbH am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck im Juni beim Median Wissenschaftsforum in Berlin. Auch die Krankenkassen vereinfachen Betroffenen, Ärzten und Psychotherapeuten die Wahl nicht. Mindestens fünf Onlineinterventionen sind im Umlauf, die von verschiedenen Kassen bezahlt werden. So bietet die Techniker Krankenkasse ihren Versicherten beispielsweise den DepressionsCoach an, die AOK hat das Onlinetraining Moodgym im Programm, das Gesundheitstraining Get.On wird unterstützt von der Barmer. Die Kosten für das Onlinetherapieprogramm deprexis übernehmen unter anderem die DAK und die IKK Südwest. Das therapeutische Unterstützungsprogramm Novego können unter anderem Versicherte der Barmenia, AXA, Gothaer oder einzelner BKKen nutzen. Eines haben diese fünf IMIs gemein: Ihre Wirksamkeit wurde in randomisierten kontrollierten Studien (RCT) belegt. Zu deprexis liegen inzwischen schon elf Studien vor, die unter anderem zeigen konnten, dass sich deprexis auch bei einer schweren Depression eignet und für Glücksspielsüchtige.

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„Bei der Verordnung von Psychopharmaka würde kein Arzt das Medikament in Abhängigkeit der Krankenkasse auswählen. Das wäre unvorstellbar“, gibt Klein zu Bedenken. Mit entsprechenden Qualitätskriterien habe man sich erhofft, IMIs den Weg in die Regelversorgung zu ebnen (siehe Kasten). „Einen Königsweg, damit Onlineangebote in der Psychotherapie in den Leistungskatalog der GKV gelangen, gibt es nicht“, teilt der GKV-Spitzenverband auf Anfrage mit. Als Anbieter könne man Selektiverträge mit Krankenkassen abschließen oder den Weg über das Hilfsmittelverzeichnis wählen. Hierbei wird zunächst geprüft, ob es sich um ein Hilfsmittel im Sinne von § 33 SGB V handelt und nicht um eine neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode im Sinne von § 135 SGB V.

„Aus dem Bereich Onlineangebote in der Psychotherapie gab es bisher einen Antrag zur Aufnahme ins Hilfsmittelverzeichnis, der abgelehnt wurde“, berichtet die GKV. Ein Grund dafür war, dass der Hersteller den medizinische Nutzen nicht ausreichend nachweisen konnte. Denn für digitale wie telemedizinische Anwendungen gelten dieselben Regeln wie für konventionelle Anwendungen: Ihr patientenrelevanter Nutzen muss vor einer flächendeckenden Einführung belegt werden. Kathrin Gießelmann

Qualitätskriterien

Mit der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psycho-somatik und Nervenheilkunde und der Deutschen Gesellschaft für Psychologie hat die Universität Lübeck Qualitätskriterien für IMIs aufgestellt. Dazu zählt unter anderem eine Beteiligung von Psychotherapeuten und Fachärzten bei der Entwicklung der Onlineintervention, mindestens eine RCT und Hinweise auf weitere Hilfsangebote.

www.aerzteblatt.de/n95846

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