ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2018Kindesmissbrauch und -misshandlung: Kinderschutz vor Datenschutz

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Kindesmissbrauch und -misshandlung: Kinderschutz vor Datenschutz

PP 17, Ausgabe Juli 2018, Seite 308

Bühring, Petra

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Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2017 zeigt gleichbleibend hohe Zahlen kindlicher Gewaltopfer. Ein deutlicher Anstieg ist bei Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie festzustellen. Den meisten Hinweisen hierzu konnte die Polizei jedoch aus Datenschutzgründen nicht nachgehen.

Die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik zu kindlichen Gewaltopfern (siehe Kasten) machen jedes Jahr erneut auf ein Geschehen in der Gesellschaft aufmerksam, das man am liebsten verdrängen will: Kinder werden geschlagen, verbrüht, verstümmelt, sexuell missbraucht, im Internet zur Vergewaltigung angeboten und getötet. Die meisten der offiziell erfassten Kinder sind von ihnen nahestehenden Menschen misshandelt und missbraucht worden. Die Deutsche Kinderhilfe nahm zusammen mit dem Bundeskriminalamt (BKA) und dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs am 5. Juni die neuen Zahlen zum Anlass, an die Öffentlichkeit zu appellieren, nicht wegzuschauen.

Viele Taten bleiben unentdeckt

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Der Präsident des BKA, Holger Münch, verwies auf die potenziell hohe Zahl von Verbrechen, die nicht in der offiziellen Kriminalitätsstatistik der Polizei erfasst würden: „Wir müssen davon ausgehen, dass viele Taten unentdeckt bleiben.“ Sorge bereitet Münch zudem der Anstieg der Fälle um 18 Prozent, die wegen Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie im Internet in 2017 strafverfolgt wurden (Kasten). „Für die betroffenen Kinder bedeutet dies einen dauerhaften Missbrauch im Netz“, betonte Münch.

Mehr als jeder zweite Verfolgungsversuch von Kinderpornografie im Internet scheiterte laut Münch aber daran, dass die Vorratsdatenspeicherung ausgesetzt ist. 2017 hätten bei 8 400 Hinweisen auf Kinderpornografie die Ermittlungen eingestellt werden müssen. „Das Entdeckungsrisiko für die Täter ist nicht groß genug“, erklärte er. Deshalb plädierte er für die Vorratsdatenspeicherung.

Auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, betonte: „Datenschutz darf nicht vor Kinderschutz gehen.“ Unter diesem Aspekt müsse man die Vorratsdatenspeicherung neu diskutieren. Darüber hinaus forderte er eine Anhebung der Höchststrafe für Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie von drei auf fünf Jahre Haft. Rörig zeigte sich erschüttert über das Ausmaß an Gewalt, das Kindern angetan wird. „Niemand kann den schweren Kampf gegen sexuelle Gewalt von Kindern alleine gewinnen – wir brauchen eine konzertierte Aktion für mehr Kinderschutz in der analogen und in der digitalen Welt“, forderte er.

Die deutschen Behörden erhalten laut BKA-Präsident Münch die meisten Hinweise auf Kinderpornografie im Internet aus den USA, wo es für die Provider eine Meldepflicht für verdächtige Inhalte gibt. 2017 gab es rund 35 000 solcher Hinweise mit Bezug zu Deutschland. Die Zahl sei in der vergangenen fünf Jahren deutlich angestiegen, berichtete er. Prävention und Strafverfolgung müssten zum Schutz der Kinder zusammenwirken, forderte der BKA-Präsident.

Dieser Aussage schloss sich Rainer Becker von der Deutschen Kinderhilfe an. Die Verantwortung im Kinderschutz liege bei vielen Akteuren aus der Kinder- und Jugendhilfe, der Medizin, aus Kitas, Schulen, Fachberatungsstellen und der Polizei. „Um ihrer Verantwortung gerecht zu werden, müssen die Institutionen aber auch personell und finanziell entsprechend ausgestattet sein“, forderte Becker.

Systematisches Monitoring nötig

Der Leiter des Kompetenzzentrums Kinderschutz in der Medizin in Baden-Württemberg (Com.Can), Prof Dr. med. Jörg M. Fegert, forderte den „Aufbau eines systematischen Monitorings“ über Misshandlungs- und Missbrauchsfälle, um die Daten aus dem Hell- und dem Dunkelfeld zusammenzubringen. „Die Daten des BKA geben eine Orientierung, aber genaues wissen wir nicht“, sagte der Direkter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm. Auch in der Medizin würden Zahlen über Misshandlung und Missbrauch immer noch „zu unzuverlässig dokumentiert“. Aktuelle bevölkerungsrepräsentative Studien machten jedoch das tatsächliche Ausmaß von Misshandlung in Deutschland deutlich, erklärte Fegert: Danach haben knapp 14 Prozent der Bevölkerung in Deutschland über 14 Jahren „irgendeine Form sexueller Übergriffigkeit“ im Kindes- und Jugendalter“ erlebt. Bei einer engeren Definition „für erlebte Taten“ sexuellen Missbrauchs liege die Häufigkeit bei 7,6 Prozent. Petra Bühring

Erfasste kindliche Gewaltopfer

Nach der Polizeilichen Kriminalstatistik 2017 wurden 143 Kinder unter 14 Jahren getötet – 78 Prozent dieser Kinder war jünger als sechs Jahre. In 77 Fällen blieb es bei einem Tötungsversuch.

Opfer schwerer körperlicher Misshandlungen wurden 4 208 Kinder, davon 43 Prozent unter sechs Jahren. Diese Zahl blieb auf dem Niveau der Vorjahre.

Opfer sexueller Gewalt wurden 13 539 Kinder unter 14 Jahren – die Statistik weist hier einen Rückgang von 3,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf.

Die Fallzahlen des Besitzes und der Verbreitung kinderpornografischen Materials im Internet stiegen um 18 Prozent auf 2 921 Fälle.

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