ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2018Kinder- und Jugendärzte: Zu wenig Zeit

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Kinder- und Jugendärzte: Zu wenig Zeit

PP 17, Ausgabe Juli 2018, Seite 309

Bühring, Petra

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Kinder- und Jugendärzte machen auf die Zunahme von jungen Patienten mit psychosomatischen Störungen aufmerksam. Sie helfen im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung, fordern jedoch Entlastung durch neue Praxissitze in schlecht versorgten Gebieten.

Es braucht Zeit für Gespräche um herauszufinden, was hinter Bauch- oder Kopfschmerzen stecken könnte. Foto: shironosov/iStockphoto
Es braucht Zeit für Gespräche um herauszufinden, was hinter Bauch- oder Kopfschmerzen stecken könnte. Foto: shironosov/iStockphoto

Kinder- und Jugendärzte in Deutschland verfügen über immer weniger Ressourcen, um der steigenden Anzahl von Patienten mit psychosomatischen Störungen nachhaltig zu helfen. „Wir sehen viele Kinder mit Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, gestörtem Essverhalten und anderen psychosomatischen Störungen. Um den Ursachen dafür auf den Grund zu gehen, braucht es Zeit, auch für Gespräche mit der Familie“, sagte Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands (BVKJ), anlässlich des 48. Kinder- und Jugendärztetages Ende Juni in Berlin. Zeit, die kaum vorhanden sei. „Wir sind infolge der chronisch mangelhaften Versorgungsplanung der Politik zurzeit mehr als überlastet“, betonte der Kinder- und Jugendarzt aus Solingen.

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Zwar nehmen psychosomatische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen laut Klaus-Michael Keller, wissenschaftlicher Leiter des Kinder- und Jugendärztetages, grundsätzlich nicht zu, betroffene Familien suchten aber vermehrt die Praxen auf. „Rund 17 Prozent der 3- bis 17-Jährigen in Deutschland, also jedes fünfte Kind, zeigen psychische Auffälligkeiten“, berichtete Keller mit Blick auf die „Bella-Studie“, die Befragung zum seelischen Wohlbefinden und Verhalten, einem Modul der KiGGS-Studie, des Kindergesundheitssurveys des Robert Koch-Instituts. Rund 17 600 Kinder und Jugendliche werden seit 2003 dabei fortführend zu ihrem Gesundheitszustand befragt.

Nur knapp 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten hatten in den letzten zwölf Monaten Kontakt zu Kinder- und Jugendpsychiatern oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, berichtete Keller weiter. „Die Gründe hierfür sind Versorgungslücken, Erreichbarkeit von Angeboten oder fehlendes Wissen der Eltern, wohin sie sich wenden sollen.“ Rund 88 Prozent der betroffenen Heranwachsenden seien indes Kinder- und Jugendärzten oder Hausärzten vorgestellt worden.

Die Gründe für psychische Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen sieht BVKJ-Präsident Fischbach unter anderem in „überforderten Eltern, die zwischen Beruf und Kindererziehung aufgerieben werden“. Viele Kinder lebten in von Armut geprägten chaotischen Lebensverhältnissen ohne adäquate Entwicklungsanregung, dafür aber mit unkontrollierbarem Medienkonsum. Auch neue Formen von Gewalt, wie Cybermobbing, spielten zunehmend eine Rolle.

In Ermangelung von Hilfsstrukturen würden die betroffenen Kinder dann zum Arzt geschickt, erklärte Fischbach. „Wir kennen dabei die Grenzen psychosomatischer Grundversorgung und überweisen bei Bedarf an die Spezialisten“, betonte er. Doch Psychiater und Psychotherapeuten hätten oftmals lange Wartezeiten. Für seine Fachgruppe jedenfalls forderte der BVKJ-Präsident „neue Kassensitze in schlecht versorgten Gebieten, in Städten ebenso wie auf dem Land“. Ebenso brauche es motivierte junge Kollegen, die diese auch besetzen wollen. Zudem müsse der „ausufernde Bürokratiewahn“, der einen Großteil der Arbeitszeit und -kraft einnehme, ein Ende finden. Petra Bühring

Risikofaktoren für psychische Auffälligkeiten

  • niedriger sozioökonomischer Status
  • chronische körperliche Erkrankung eines Elternteils
  • psychische Erkrankung eines Elternteils
  • Einelternfamilie
  • Familienkonflikte während der Kindheit der Eltern
  • Arbeitslosigkeit eines Elternteils
  • geringe körperliche oder psychische Lebensqualität der Eltern
  • Stieffamilie
  • Konflikte zwischen Erziehenden

Als Schutzfaktoren, die diese Risikofaktoren abmildern können, gelten:

  • positives Familienklima (Zuhören, Unterstützen, Regeln, gemeinsame Aktivitäten)
  • soziale Unterstützung durch Umfeld der betroffenen Kinder
  • positives Schulklima mit unterstützenden Lehrern und Mitschülern

nach Prof. Dr. med. Klaus-Michael Keller,
Wiesbaden

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