ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2018Interview mit Prof. Dr. rer. nat. Nina Heinrichs und Dr. rer. nat. Anja Grocholewski, Spezialambulanz für körperdysmorphe Störungen, Technische Universität Braunschweig: „Die Gedanken sind sehr häufig beim Aussehen“

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Prof. Dr. rer. nat. Nina Heinrichs und Dr. rer. nat. Anja Grocholewski, Spezialambulanz für körperdysmorphe Störungen, Technische Universität Braunschweig: „Die Gedanken sind sehr häufig beim Aussehen“

PP 17, Ausgabe Juli 2018, Seite 315

Sonnenmoser, Marion

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Charakteristisch für die körperdysmorphe Störung ist die überkritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Aussehen, die die Funktionsfähigkeit im Alltag behindern kann. Die Störung kann leicht übersehen werden, die Mitarbeiterinnen der Spezialambulanz helfen bei Verdacht.

Wie zeigt sich die körperdysmorphe Störung im Alltag der Betroffenen?

Nina Heinrichs ist Psychologische Psychotherapeutin und leitet die Abteilung für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Diagnostik an der Technischen Universität (TU) Braunschweig. Fotos: privat
Nina Heinrichs ist Psychologische Psychotherapeutin und leitet die Abteilung für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Diagnostik an der Technischen Universität (TU) Braunschweig. Fotos: privat
Anzeige

Nina Heinrichs: Es gibt viele Verhaltensweisen, die man von außen nicht sieht und die erst ersichtlich werden, wenn man mit den Betroffenen spricht. Die Störung zeigt sich unter anderem in kontrollierendem Verhalten: Die Betroffenen vergleichen sich zwanghaft mit anderen, betrachten sich häufig im Spiegel und sehen sich Fotos an. Sie fassen bestimmte Makel immer wieder an und versuchen, sich Rückversicherung einzuholen. Kurzfristig vermindert dieses Verhalten das akute Leid mehr, als wenn es nicht ausgeführt würde, aber langfristig ist es nicht hilfreich.

Neben dem kontrollierenden gibt es auch vermeidendes Verhalten: Die Betroffenen vermeiden zum Beispiel die Öffentlichkeit oder das Tageslicht oder hängen ihre Spiegel zu Hause ab. Manche versuchen, den Makel, der sich häufig im Gesichtsbereich befindet, zu kaschieren und zu verstecken. Sie pflegen sich oft exzessiv, reinigen zwanghaft die Haut und legen mehrere Make-up-Schichten auf. Einige unterziehen sich auch Schönheitsoperationen, sind aber in der Regel mit dem Ergebnis nicht zufrieden.

Woran merkt man, dass man betroffen ist?

Anja Grocholewski ist Psychologische Psychotherapeutin und leitet die „Spezialambulanz für körperdysmorphe Störung“ an der TU Braunschweig.
Anja Grocholewski ist Psychologische Psychotherapeutin und leitet die „Spezialambulanz für körperdysmorphe Störung“ an der TU Braunschweig.

Anja Grocholewski: Wenn eine nicht betroffene Person morgens in den Spiegel schaut und feststellt, dass sie heute vielleicht nicht besonders gut aussieht, kann sie sich davon lösen und es im Lauf des Tages vergessen. Ein Mensch mit körperdysmorpher Störung (KDS), die mit ihrem Aussehen nicht zufrieden ist, kann hingegen nicht in ihrem Tagesablauf weitermachen oder das Haus verlassen, sondern nur, wenn bestimmte Verhaltensweisen durchgeführt wurden, etwa wenn dick Make-up aufgetragen wurde. Betroffene fühlen sich dann nicht in der Lage, das Haus zu verlassen, wenn zum Beispiel die Haare nicht sitzen oder das Make-up nicht vernünftig abdeckt. Sie können ihr Leben nicht führen, wenn sie dies nicht kontrolliert haben.

Nicht betroffene Personen denken meist recht wenig über ihr Aussehen nach. Die Gedanken einer Betroffenen sind hingegen sehr häufig oder ausschließlich beim Aussehen. Hierzu gibt es folgende Daumenregel: Wenn man mehr als eine Stunde am Tag gedanklich im negativen Sinne mit dem Aussehen beschäftigt ist, dann könnte eine körperdysmorphe Störung vorliegen.

Zeigen die Betroffenen Krankheitseinsicht?

Heinrichs: Die Krankheitseinsicht ist zwischen Betroffenen so variabel, dass es für das Ausmaß einen eigenen Specifier im DSM-5 gibt. Die Krankheitseinsicht kann auch innerhalb einer Person variabel sein, das heißt, es gibt Momente, in denen sie stärker ausgeprägt ist als in anderen.

Über die Medien werden Bilder vom perfekten Aussehen verbreitet. Steigt dadurch die Zahl der Betroffenen mit körperdysmorpher Störung?

Grocholewski: Das wird bei vielen Störungen diskutiert, zum Beispiel bei Essstörungen. Die Medien allein bewirken aber nicht die Störung, sondern man muss vulnerabel sein. Da die körperdysmorphe Störung erst seit wenigen Jahren erforscht wird, können wir noch keine verlässlichen Aussagen darüber machen, ob das über die Medien verbreitete Schönheitsideal zu einem Anstieg in der Prävalenz von KDS führt.

An wen können sich Betroffene wenden? Gibt es auf die Behandlung der KDS spezialisierte Therapeuten?

Heinrichs: Nicht für jede Störung braucht man eine Spezialisierung. Ich glaube, dass alle ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten prinzipiell in der Lage sind, diese Erkrankung zu behandeln. Die Störung ist aber mit enorm viel Scham besetzt und die Betroffenen sprechen nicht direkt darüber. Sie suchen sich durchaus Hilfe, stellen sich aber mit einer anderen Primärsymptomatik vor, etwa mit einer sozial ängstlichen oder depressiven Symptomatik. Wenn Therapeuten beim Patienten nicht nachfragen, ob noch andere Symptome oder Störungen vorhanden sind oder Besorgnis bezüglich des Aussehens vorliegt, dann kann es sein, dass eine körperdysmorphe Störung übersehen und „nur“ die Depression oder die Angststörung behandelt wird. Wir vermitteln Kolleginnen und Kollegen Informationen zu der Störung, etwa durch Vorträge und Workshops. Wir informieren über die Symptomatik und geben Hinweise, worauf zu achten ist, sodass die körperdysmorphe Störung weniger häufig übersehen wird.

Wie kommen die Patienten zu Ihnen an die Spezialambulanz für körperdysmorphe Störung der TU Braunschweig?

Grocholewski: In der Regel finden Patienten selbst den Weg zu uns. Ein klassischer Verlauf scheint zu sein, dass Betroffene jahrelang denken, dass ihr Aussehen für ihre Probleme verantwortlich ist, bis sie merken, dass es etwas anderes sein muss. Sie gehen dann aber nicht direkt zum Psychotherapeuten, weil sie sich schämen und sich niemandem zeigen wollen. Stattdessen recherchieren sie ausführlich im Internet. Dort ist zur KDS einiges zu finden, etwa Selbsttests und auch unsere Spezialambulanz. Wir haben aber auch Patienten, die vorher in Kliniken waren und mit Verdacht auf eine KDS zu uns geschickt worden sind.

Wie behandeln Sie Patienten mit körperdysmorpher Störung?

Grocholewski: Wir setzen durchweg kognitive Verhaltenstherapie ein. Für jeden Patienten wird individuell ein Therapieplan entworfen und es werden entsprechende Elemente aus den vorhandenen Manualen zusammengestellt. Es gibt einen Teil der Therapie, der sich mit der gedanklichen Arbeit beschäftigt, etwa damit, ob das Aussehen wirklich so wichtig ist, wie die Betroffenen glauben. Ein anderer Teil der Therapie bezieht sich auf die Verhaltensebene. Hier geht es um die Verhaltensweisen und Rituale, die die Patienten durchführen, um ihr Leben oder den Makel zu kontrollieren. Um sie abzubauen, wird beispielsweise eine Exposition durchgeführt, bei der die Patienten mit ihrem Spiegelbild konfrontiert werden.

Heinrichs: Eine neue Methode ist die Bearbeitung der mentalen Repräsentation der körperlichen Erscheinung. Dabei geht man davon aus, dass bestimmte Eindrücke wie etwa Bilder und Gerüche mental gespeichert sind. Sie kommen in bestimmten Situationen immer wieder hoch und können sehr beeinträchtigend sein. Beispielsweise empfindet eine Person ihre große Nase als Makel und sieht an sich und in ihrem Bild von sich selbst nur noch die Nase. Solche Bilder werden in der Therapie bearbeitet. Es wird gefragt, was das Aufkommen dieser Bilder auslöst, was diese Bilder mit der Biografie der Person zu tun haben und wo sie erstmals entstanden sind. Darüber hinaus werden Verhaltensexperimente, Exposition mit Reaktionsverhinderung sowie Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungstrainings mit Spiegelfeedback eingesetzt. Ihre Anwendung wird für die KDS adaptiert.

Wie wirksam ist die Behandlung der körperdysmorphen Störung?

Heinrichs: Wir erforschen die Wirksamkeit unserer Behandlungen und in der Literatur gibt es Hinweise dafür, dass diese Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie wirken. Die Effektstärke liegt bei ungefähr 1,0 – allerdings remittieren längst nicht alle Patienten im Verlauf der Studienzeit. Das würde man sich anders wünschen. Wir streben zunächst in der Therapie an, die Funktionsfähigkeit der Patienten in ihrem Alltag wiederherzustellen. Auch die Heilung ist ein Therapieziel, sie gelingt bisher aber eben mit den genannten Methoden nur im begrenzten Maße.

Sie haben das KDS-Net ins Leben gerufen. Um was handelt es sich dabei?

Grocholewski: Es gibt in Deutschland nur eine Handvoll Forscher, die sich mit der körperdysmorphen Störung beschäftigen. Um besser zusammenzuarbeiten, haben wir das KDS-Net ins Leben gerufen, ein wissenschaftliches Netzwerk, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Ziel ist, in Deutschland eine Verbesserung der Versorgung und einen Zusammenschluss der Forschung zu erreichen. Darüber hinaus wird europaweit kooperiert, etwa mit Wissenschaftlern in Schweden und England. Ein internationales Treffen fand bereits statt. Angestrebt werden größere Kooperationsprojekte und eine Vernetzung von Therapeuten aus verschiedenen Richtungen, um schulenübergreifende Behandlungen zu entwickeln. Auch eine Internetseite soll eingerichtet werden.

Das Interview führte Marion Sonnenmoser.

Die Spezialambulanz im Internet:
http://daebl.de/VW95

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Interviews