ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2018E-Mental-Health: Rein praktische Einstellung
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Die Autorinnen beklagen einen „widersprüchlichen Diskurs“ über die Chancen und Risiken moderner Medien für die Behandlung. Worin besteht diese Widersprüchlichkeit? Die Autorinnen resümieren am Schluss ihres Artikels: „Die Internetnutzung bietet Chancen auch für die psychoanalytische Praxis beispielsweise durch neue Settingoptionen oder die Erreichbarkeit von Patienten, die an abgelegenen Orten wohnen. Diese Chancen zu beleuchten, erscheint sinnvoller als einseitig geführte Kontroversen um Vor- und Nachteile der Internetnutzung im psychoanalytischen Kontext.“ Frau Eichenberg und Frau Hübner unterstellen damit anscheinend eine rein ideologisch geführte inneranalytische Debatte, welche die Chancen des Neuen außer Acht lasse – ein Vorwurf, der Analytikern oft und gerne gemacht wird –, aber trifft er in diesem Fall zu? Als Psychoanalytiker, die seit vielen Jahren an der Debatte über Psychotherapie/Psychoanalyse und Internet teilnehmen, aktuell in einer Arbeitsgruppe „Psychoanalyse und Internet“ der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV), können wir uns über diese Behauptung nur wundern.

Ohne näher zu erläutern, was sie einseitig finden an der inneranalytischen Kontroverse, zeigen Frau Eichenberg und Frau Hübner selbst eine sehr einseitige, das heißt anscheinend rein praktische Einstellung zur Internetnutzung in der Psychotherapie, in die sie offenbar unverstandene analytische Konzepte einarbeiten. So handelt es sich bei Ogdens Konzept des „analytischen Dritten“ nicht um etwas Konkretes, das zum „analytischen Paar“ hinzutritt, sondern das analytische Dritte stellt ein Konstrukt dar, das erst aus der Arbeit des analytischen Paares heraus entsteht. Es kann also nicht einfach hinzugefügt werden, zum Beispiel in Form einer Technik, mit der das analytische Paar dann arbeitet. Ähnlich konkretistisch identifizieren die Autorinnen weiter „Schnittstellen des Internets mit der Psychoanalyse“, als da wären: „Das Internet als Informationsmedium“, „psychodynamische Online-Interventionsangebote“ und „internetgestützte psychoanalytische Behandlung“. Es stimmt ja, es kommen neue Möglichkeiten hinzu: Therapeuten und Patienten können sich übereinander im Internet informieren; psychodynamische Online-Interventionsangebote hat es bislang nicht gegeben; Teleanalyse und „Skype“ stellen so etwas wie zusätzliche Setting-Optionen dar. Und es stimmt auch, dass die Implikationen von all dem, wie von den Autorinnen gefordert, möglichst gut reflektiert werden sollten.

Doch genau an diesem Punkt bleiben Frau Eichenberg und Frau Hübner stehen. Sie stellen keinerlei Überlegungen an, wie Psychotherapie, geschweige denn analytische Psychotherapie, ohne die „Zwischenleiblichkeit“ (Merleau-Ponty, 1966) des persönlichen Kontakts funktionieren könnte. Was soll daran „einseitig“ sein, wenn Psychoanalytiker sich darüber Gedanken machen, statt sich, euphorisiert durch die neuen technischen Möglichkeiten, die es zum Beispiel gestatten, nun auch Patienten an abgelegenen Orten zu erreichen, dem allgemeinen Hype um die „Internettherapie“ anzuschließen? Ist es nicht vielmehr einseitig, die Angelegenheit wie die Autorinnen rein praktisch zu betrachten, und anderen, die dies nicht tun, vorzuhalten, sie führten einen „widersprüchlichen“, will sagen einen rückwärtsgewandten Diskurs? So wird auch der Hype um die „Internettherapie“ selbst bei den Autorinnen überhaupt nicht hinterfragt und kein Bezug hergestellt zu gesellschaftlichen Prozessen, aus denen heraus er entstanden ist und von denen die Psychotherapie genauso wenig unbeeinflusst bleibt wie vom Internet.

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Gerade bei der eher technischen Betrachtungsweise der Autorinnen hätten wir uns außerdem gewünscht, dass wichtige technische Aspekte, mit gleichwohl weitreichenden Implikationen insbesondere für den psychotherapeutischen Kontext, nicht völlig unerwähnt bleiben würden, so zum Beispiel hinsichtlich „Skype“: Die Firma „Skype“ gehört zu Microsoft. Wer „Skype“ benutzt, zeichnet damit die allgemeinen Geschäftsbedingungen von Microsoft und stimmt damit zu, dass alle bei „Skype“ anfallenden „Daten“, sprich auch die vertraulichen Gesprächsinhalte, Microsoft gehören und dass Microsoft befugt ist, mit den Daten zu machen, was immer Microsoft beliebt, einschließlich der Weitergabe an Dritte – wollen wir, können wir dazu Ja sagen?

Jürgen Hardt, 35578 Wetzlar und
Dr. phil. Dipl. Psych. Rupert Martin, 51063 Köln für die AG „Psychoanalyse und Internet“ der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung

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