ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2018Psychotherapie und Drogen: MDMA kann bei Posttraumatischen Belastungsstörungen helfen

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Psychotherapie und Drogen: MDMA kann bei Posttraumatischen Belastungsstörungen helfen

PP 17, Ausgabe Juli 2018, Seite 327

Meyer, Rüdiger

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Die Behandlung mit MDMA, besser bekannt als Ecstasy, hat in einer kleinen randomisierten Doppelblindstudie die Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) gelindert. Die in Lancet Psychiatry veröffentlichten Ergebnisse sollen jetzt in einer Phase-3-Studie überprüft werden, zu der die US-Arzneimittelbehörde FDA bereits ihren Segen gegeben hat. Mit einer Zulassung wird allerdings frühestens 2021 gerechnet.

Die begrenzten Erfolge, die mit Antidepressiva, Lithium oder Benzodiazepinen bei der PTBS erzielt werden, haben in den letzten Jahren bei Psychotherapeuten das Interesse an Therapieversuchen mit psycho-aktiven Drogen wie Psilocybin und MDMA geweckt. Das Amphetamin MDMA soll dabei als „Entaktogen“ oder „Empathogen“ die Psychotherapie unterstützen und den Betroffenen helfen, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

Therapieversuche wurden lange Zeit durch das strikte Verbot von MDMA behindert. Angesichts der steigenden Zahlen von US-Soldaten mit PTBS wurden einige Restriktionen aufgehoben und die MAPS-Initiative (Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies) durfte zwischen November 2010 und Februar 2016 insgesamt 26 Patienten im Rahmen einer Phase-2-Studie behandeln. Darunter waren 22 ehema-lige Soldaten, drei Feuerwehrleute und ein Polizist. Alle hatten auf eine konventionelle Therapie nicht angesprochen.

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Die Studie fand in einem Behandlungszentrum in South Carolina statt. Da einige Teilnehmer in der Vergangenheit bereits Erfahrungen mit Ecstasy gemacht hatten und die Wirkung der Droge allgemein bekannt ist, war kein placebokontrolliertes Studiendesign möglich. Die Teilnehmer wurden deshalb mit drei unterschiedlichen Dosierungen behandelt, wobei 30 mg als aktive Kontrolle eingestuft wurde, während eine Wirkung vor allem unter den Dosierungen von 75 mg und 125 mg erwartet wurde.

Alle Teilnehmer hatten im Vorfeld der Studie an drei Therapiesitzungen teilgenommen, um eine therapeutische Allianz aufzubauen. Sie nahmen die Droge dann zu Beginn einer vierten Sitzung ein. Über insgesamt acht Stunden wurden sie von einem Duo aus einem männlichen und einem weiblichen Therapeuten begleitet, das in nicht direktiver Weise mit den Patienten über die traumatischen Erfahrungen sprach. Ziel war es, diese in einen Bereich des Gedächtnisses zu verschieben, der nicht mit den körperlichen Reaktionen verbunden ist, die bei Patienten mit PTBS zu Schreckerlebnissen und Schlafstörungen führen. Die Patienten verbrachten die Nacht nach den Therapiesitzungen im Behandlungszentrum. Die Therapeuten hielten danach zunächst über eine Woche täglich Kontakt mit den Betroffenen und in drei späteren Therapiesitzungen wurde über die Erfahrungen während der MDMA-Sitzungen gesprochen. Jede Behandlung bestand aus 18 Stunden einer nicht-MDMA-unterstützten plus 16 bis 24 Stunden einer MDMA-unterstützten Psychotherapie.

Die Wirkung der Therapie wurde einen Monaten nach der zweiten Sitzung mit der vierten Version der „Clinician-Administered PTSD Scale“ (CAPS-IV) beurteilt. Wie ein Team um Allison Feduccia von der MAPS Public Benefit Corporation in Santa Cruz/Kalifornien jetzt mitteilt, kam es unter der 75 mg MDMA-Dosis zu einem Rückgang des CAPS-IV-Score von 82,4 auf 24,1 Punkte. Sechs von sieben Patienten (86 Prozent) dieser Gruppe erfüllten nicht mehr die Kriterien der PTBS (über 50 Punkte im CAPS-IV). Unter der höheren Dosis von 125 mg MDMA kam es zu einem Rückgang von 89,7 auf 45,3 Punkte. In dieser Gruppe waren sieben von zwölf Patienten (58 Prozent) nicht mehr an einer PTBS erkrankt. In der Kontrollgruppe kam es zu einer Verbesserung von 87,4 auf 76,0 Punkte. Zwei von sieben Patienten (29 Prozent) hatten ihre PTBS überwunden.

Die bessere Wirkung unter der niedrigeren der beiden therapeutischen Dosierungen führt Feduccia auf die bessere Fähigkeit der Patienten zurück, sich auf das Gespräch mit den Therapeuten zu konzentrieren. Angesichts der kleinen Teilnehmerzahl kann jedoch auch ein Zufall nicht ausgeschlossen werden. Inzwischen haben auch die Teilnehmer der Kontrollgruppe zwei MDMA-unterstützte Therapiesitzungen erhalten. Bei allen Patienten war der Erfolg der Therapie auch bei einer abschließenden Untersuchung nach zwölf Monaten noch nachweisbar. Es kam zwar unter allen Dosierungen zu Nebenwirkungen wie Angstzuständen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Muskelverspannungen und Schlaflosigkeit. Ernsthafte Komplikationen traten jedoch nicht auf.

Die FDA hat inzwischen einer Phase-3-Studie zugestimmt, mit der im Sommer 2018 begonnen werden soll. Die Studie soll an Zentren in den USA, Kanada und Israel durchgeführt werden. Die FDA unterstützt die klinische Entwicklung von MDMA seit August letzten Jahres durch die Einstufung als „Breakthrough Therapy Designation“. Bei einem erfolgreichen Abschluss der Studie, deren Kosten auf etwa 27 Millionen US-Dollar geschätzt und aus Spenden generiert werden, erhält die MAPS-Initiative das Recht einer exklusiven Vermarktung der Substanz, die die Firma Merck im ersten Weltkrieg entwickelt hat. Die MAPS-Initiative hat Kontakt mit der Europäischen Arzneimittel-Agentur aufgenommen, um über die Bedingungen für eine Zulassung zu reden. rme

Feduccia A, Mithoefer A, Wagner M: 3,4-methylenedioxymethamphetamine (MDMA)-assisted psychotherapy for post-traumatic stress disorder in military veterans, firefighters, and police officers: a randomised, double-blind, dose-response, phase 2 clinical trial. Lancet Psychiatry, 1. Mai 2018, DOI: https://doi.org/10.1016/ S2215–0366(18)30135–4.

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