ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2018Donald Trump: Symptom einer Welt in Not

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Donald Trump: Symptom einer Welt in Not

PP 17, Ausgabe Juli 2018, Seite 330

Kattermann, Vera

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„Amerika auf der Couch“ – ein prätentiöser Buchtitel, der Neugier schürt und Lust macht auf einen fundierten professionellen Einblick. Wird man sich nach der Lektüre dieses Buches endlich erklären können, wie dieses aus europäischen Augen etwas verrückte, waffenvernarrte und größenselbstverliebte Völkchen sich in seiner knappen Mehrheit dazu verstiegen hat, eine so monströs-abgründige Gestalt wie Donald Trump zum Präsidenten zu wählen? Wird man endlich seine bewussten, vor allem aber unbewussten Motivationen durchschauen, wie es die Metapher der Couch nahelegt?

Der Titel leitet insofern schon in die Irre, als der Autor Allen Frances – emeritierter Professor für Psychiatrie der Duke University und laut Verlag „einer der profiliertesten Psychiater weltweit“ – sich explizit gegen jede Psychopathologisierung Trumps wehrt. Er lehnt es ab, ihn im übertragenen Sinn auf die Couch zu legen, geschweige denn in sein Konsultationszimmer einzuladen. Er wolle, so schreibt er sinngemäß, den zu verteidigenden „guten Ruf“ psychisch Kranker nicht durch Gemeinmachen mit Donald Trump versauen. Viel wichtiger sei die Frage, was Trump über den Zustand der Nation aussage: „Wieso haben wir jemanden gewählt, der so offensichtlich ungeeignet und unvorbereitet ist, mitzubestimmen über die Zukunft der Menschheit? Trump sei entsprechend eher Symptom einer Welt in Not denn Symptomträger.

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Leider vermag der Autor aber nicht wirklich, seinem selbst gesetzten Anspruch gerecht zu werden. Angeblich hat er bereits zwei Jahre vor Trumps Wahlsieg daran zu arbeiten begonnen – letztlich liest es sich jedoch in weiten Strecken wie ein etwas eindimensionales Pamphlet getränkt von persönlicher Abscheu gegen Donald Trump. Das mag per se zwar löblich sein und unser aller Bedürfnis entsprechen, dem Entsetzen über einen politisch so unbegabten und für die weltweite Diplomatie katastrophal zerstörerischen Politiker Ausdruck zu verleihen (man denke nur an die Aufkündigung des Klimaabkommens, das nun energischer Initiativen von unten bedarf, um dennoch eingehalten zu werden). Zu tieferer Erkenntnis oder umfassenderer Erhellung des amerikanischen Phänomens Trump trägt das Buch jedoch nicht bei. Der Autor versucht eine weitreichende Bestandsaufnahme der aktuellen politischen Probleme von Überbevölkerung über Umweltzerstörung, Konsumwahn und Gier bis hin zu Rassismus und Wahlmanipulationen. Dann fordert er dazu auf, die „Trump-Katastrophe in etwas Positives umzuwandeln“. Er will Polarisierungen auflösen und „unsere geistesgestörte Gesellschaft heilen“. So ruft er zum Schutz von Demokratie, Achtsamkeit, Umwelt und Gesundheit auf – was in diesen Zeiten fraglos immer wieder wichtig ist zu schreiben, jedoch nicht einlöst, was versprochen wurde: eine intellektuell befriedigende psychologische Analyse des Trump-Zeitalters. Die Antipathie-Tiraden des Autors gegen Trump mögen uns aus dem Herzen sprechen, doch erklären sie eben weder den weiterhin bizarr anmutenden Wahlerfolg Trumps noch die darunter liegende unbewusste Verfasstheit der amerikanischen Bevölkerung. So bleibt dieses Buch unbefriedigend als eigentlich doch propagierte professionelle Auseinandersetzung mit einer hochkomplexen gesellschaftspolitischen Problemkonstellation. Vera Kattermann

Allen Frances: Amerika auf der Couch. Ein Psychiater analysiert das Trump-Zeitalter. DuMont Verlag, Köln 2018, 480 Seiten, gebunden, 26,00 Euro

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