ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2018Behinderte und Zeitgeschichte: Komplexe Transformationsprozesse in Bethel

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Behinderte und Zeitgeschichte: Komplexe Transformationsprozesse in Bethel

PP 17, Ausgabe Juli 2018, Seite 329

Schepker, Klaus

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Das Buch befasst sich mit der Frage, wie aus „Pfleglingen“ und „Objekten der Fürsorge“ in Bethel mit den Jahrzehnten „nach und nach handelnde Subjekte“ geworden sind. Betrachtet werden die 1960er- bis 1980er-Jahre, der „Transformationsprozess vom Separations- zum Integrationsparadigma in Bethel.“

Um die zeitgenössischen Verhältnisse und den allmählichen Transformationsprozess in seiner ganzen Komplexität erfassen zu können, ohne dabei die subjektive Seite zu vernachlässigen, wurden die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. So haben die Autoren, um einen möglichst differenzierten Einblick in den Anstaltsalltag gewinnen zu können, neben 22 ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern auch 15 ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter interviewt. Beim Personal wurde auf eine Vielfalt der „verschiedenen Bereiche und Ebenen“ geachtet.

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Anders als andere „Oral-History“-Projekte haben sich die Autoren methodisch bewusst gegen „narrative“, also „erzählerisch freie“ Interviews und für leitfadengestützte Interviews entschieden. Die Interview-ergebnisse geben damit weniger Auskunft über die einzelnen Lebensläufe, liefern aber detaillierte Informationen über die verschiedenen Veränderungsprozesse in der Anstalt. Der Alltag in Bethel wurde somit aus drei Betrachtungsperspektiven beleuchtet: Die Bewohner berichteten über den Alltag in den Häusern. Mitarbeiter berichteten über die Konzepte, Planungen und Strategien auf den verschiedenen Ebenen einer großen Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Konflikte auf verschiedenen Ebenen des Teams und besonders mit den Behinderten wurden thematisiert. Ein weiterer Aspekt war der Diskurs über die Lebensstandards, die Arbeit und die zwischenmenschlichen Beziehungen von Menschen mit geistigen Behinderungen in der evangelischen Fachgesellschaft für Behindertenhilfe.

Für diese differenzierte Betrachtungsweise eines Transformationsprozesses ist eine eindimensionale „Interpretationsfolie“ wie die „totale Institution“ nach Erving Goffman wegen der „begrenzten Reichweite des Konzepts“ ungeeignet. Die Autoren stützen sich stattdessen auf die mehr netzwerkorientierte Theorie des „sozialen Feldes“ von Pierre Bourdieu, welche sich als „eine Konfiguration von objektiven Relationen zwischen Positionen“ definiert. Soziale Felder sind „Ding gewordene Geschichte“, während der „Habitus“ eines Menschen „Leib gewordene [. . .] Geschichte“ ist. Das „soziale“ und das „symbolische Kapital“ des Einzelnen beschreibt seine realen und möglichen Handlungsspielräume.

Bei der Betrachtung des Transformationsprozesses in der „Lebenswelt“ Bethel werden diese Handlungsspielräume sehr differenziert betrachtet. Die fünf definierten „Spielräume“ der Bewohner in ihrem „Lebensraum“ sind hochdifferenziert und erinnern an die „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“ der WHO (ICF), insbesondere den Bereich „Teilhabe“ sowie die UN-Behindertenrechtskonvention.

Für jeden der Handlungsspielräume wird der Heimalltag der Bewohner ausführlich beschrieben und der Transformationsprozess über die Jahrzehnte nachgezeichnet. Bis 1968 gab es nur wenige Verbesserungen, weshalb die Zeit als „Präformationsphase“ bezeichnet wird, bis dann ab 1968 die eigentliche Transformation beginnt. Das Verhältnis von Mann und Frau macht deutlich, wie extrem langwierig und komplex der Wandel war.

Noch im Nationalsozialismus, in den 1930er-Jahren, hatte Werner Villinger, später einer der Gründer der Kinder- und Jugendpsychiatrie, als Ärztlicher Leiter von Bethel bei Hunderten von Pfleglingen die Zwangssterilisation organisiert. Den gedanklichen Hintergrund hierfür bildete die Überzeugung von der erblichen Minderwertigkeit Behinderter und psychisch Kranker. Rund 30 Jahre später geht es nun nicht mehr um Sterilisation, sondern um die Akzeptanz von Kinderwünschen – auch gedanklich für das ja teilweise weiterbeschäftigte Personal ein weiter Weg.

Die Veränderungen vollzogen sich langsam, nicht geradlinig und es gab auch Rückschritte, bei allen Beteiligten, in der evangelischen Fachgesellschaft, der Einrichtung Bethel, dem Personal und den Bewohnern. So soll 1981 ein Bewohner im Rahmen von umfangreichen Neubauten und Renovierungen in ein anderes Haus verlegt werden, was er nicht will und schließlich Selbstmord begeht, nachdem man einen zwangsweisen Umzug angedroht hatte. Nur langsam entsteht ein Problembewusstsein dafür, dass auch die objektiv sinnvollste Umstrukturierung für manche Langzeitpatienten subjektiv auch eine Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen sein kann. Die leitenden Mitarbeiter mussten lernen, wie wichtig und notwendig es ist, die Betroffenen in den Änderungsprozess positiv mit einzubeziehen.

Das Buch beschreibt den Transformationsprozess in Bethel als Weg vom Separationsparadigma, der „perspektivlosen Verwahrung von Menschen mit Behinderungen unter prekären Bedingungen“ hin zur „gesellschaftlichen Integration von Menschen mit Behinderungen durch ‚Normalisierung‘ ihrer Lebensbedingungen“ in beeindruckender Qualität, materialreich, differenziert, aber auch einfühlsam. Das Buch setzt Standards und sollte jedem zum Lesen empfohlen werden, der sich für die „Behindertenfürsorge“ oder allgemein die Lebenswelten in der BRD in den 1960er- bis 1980er-Jahren interessiert. Klaus Schepker

Hans-Walter Schmuhl, Ulrike Winkler: Aufbrüche und Umbrüche. Lebensbedingungen und Lebenslagen behinderter Menschen in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel von den 1960er bis zu den 1980er Jahren. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2018, 432 Seiten, kartoniert, 29,00 Euro

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