ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2018Psychoanalyse und Träume: Gelungene Enträtselung von Freuds Deutungstechnik

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Psychoanalyse und Träume: Gelungene Enträtselung von Freuds Deutungstechnik

PP 17, Ausgabe Juli 2018, Seite 331

Moser, Tilmann

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Freuds komplexe frühe Traumdeutung von 1900 gleicht einer gigantischen Denkmaschine, noch etwas mechanistisch konstruiert und kompliziert verfasst, fast eine den Anfänger überfordernde Anstrengung. Hier helfen Hierdeisʼ meisterhafte Raffungen und die klug ausgesuchten bildlichen Illustrationen, ebenso wie die Nacharbeit an Freuds eigenen Deutungen des „Irmatraums“, an dem sich noch viele weitere Forscher die Zähne ausgebissen haben. Jedoch ohne, wie der Autor genießerisch meint, eine endgültige Wahrheit zu finden, schon aufgrund der jeweiligen individuellen Perspektive und Konflikthaftigkeit der Rezeption. Aber, wie Hierdeis aufgrund eines langen Zitats von Wolfgang Mertens verspricht: „Der Gewinn … besteht aus einem Leben, das weniger vergangenheits- und konfliktbelastet und weniger angstbesetzt ist, dafür aber getragen vom Vertrauen in die eigene psychische Stabilität … wie konflikthaft auch immer meine Gegenwart ist und was die Zukunft auch bringen wird. Ich traue mir zu, damit fertig zu werden.“ Ein wahrhaft vollmundiges Versprechen für die gewissenhafte Arbeit des Analytikers an der mühsamen Traumdeutung. Aber des Autors Lob: Durch Freud ist sie zu einer endlich ernsthaften Wissenschaft geworden. Er rühmt zu Recht Freuds Mut, so viele eigene Träume preiszugeben, wenn auch sorgsam zur persönlichen Unentzifferbarkeit entstellt, aber von vielen Forschern durch die Datums-
andeutungen doch in den Zusammenhang seiner Biographie eingestellt. Als begabter Nachfahre deutet Hierdeis auch einige eigene Träume und eröffnet damit auch Nachdeutungen des geneigten Lesers.

Der Autor versucht, Freuds Deutungstechnik fassbar zu enträtseln, dafür sei ihm Dank, auch wenn er die Arbeit der Nachfolger würdigt und plausibel Lücken und kleine Widersprüche beim Giganten aufzeigt. Auch dass nicht alle Träume dem Beinahediktat Freuds folgen, Wunschträume zu sein. Es gibt nun auch Angst-, Todes- und Schreckensträume und bedrängende Wiederholungsträume mit anderen Botschaften. Er weist vor allem darauf hin, wie hörerbezogen die nachträglichen Erzählungen sind und dem Analytiker narzisstisch erlebbare Geschenke sein können. Auf jeden Fall stehe immer das variantenreiche Selbst im Mittelpunkt, eine These, die die Gestalttherapie zu der Neuerung geführt hat, noch das letzte Bildteilchen und Symbol zu einem Fragment des Träumers zu halten und für sich sprechen zu lassen. Tilmann Moser

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Helmwart Hierdeis: Traum und Traumverständnis in der Psychoanalyse. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, Göttingen 2018, 87 Seiten, kartoniert, 10,00 Euro

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