ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2018Einfluss des Krebs-Screenings auf die Gesamtmortalität

MEDIZIN: Originalarbeit

Einfluss des Krebs-Screenings auf die Gesamtmortalität

Welcher Effekt im günstigsten Fall erwartet werden kann

The impact of cancer screening on all-cause mortality: what is the best we can expect?

Dtsch Arztebl Int 2018; 115(29-30): 481-6; DOI: 10.3238/arztebl.2018.0481

Stang, Andreas; Jöckel, Karl-Heinz

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Hintergrund: Es wird kontrovers diskutiert, ob oder in welchem Ausmaß Screeningprogramme die Gesamtmortalität reduzieren können. Vor diesem Hintergrund werden mögliche Effekte verschiedener Krebsfrüherkennungsverfahren auf die Gesamtmortalität in zwei repräsentativen Bevölkerungen Westeuropas analysiert.

Methode: Mortalitätsdaten aus England, Wales sowie Deutschland von 2015 und publizierte relative Risikoreduktionen der Mortalität für die untersuchten Krebserkrankungen aus Screening-Studien wurden analysiert, um die zu erwartende Reduktion der Gesamtmortalität in diesen Ländern zu bestimmen. Außerdem wurde die notwendige Studiengröße von Screening-Studien, die es erlauben würde, eine Reduktion um 3 % der Gesamtmortalität mit einem schmalen 95-%-Konfidenzintervall in einer hypothetischen Screening-Studie schätzen zu können, näherungsweise ermittelt.

Ergebnisse: Eine Reduktion der Brustkrebsmortalität um 20 % geht maximal mit einer 1,7- bis 1,8-%-igen Reduktion der Gesamtmortalität in England, Wales und Deutschland einher. Die zu erwartenden Reduktionen fallen für die Sigmoidoskopie (1,0–1,2 %), die Bestimmung des prostataspezifischen Antigens (PSA) (0,4–0,6 %) und das Hautkrebs-Screening (0,2 %) geringer aus. Um bei einem schmalen 95-%-Konfidenzintervall (+/− 1 %) eine Reduktion der Gesamtmortalität um 3 % zu erhalten, müssten Screening-Studien 596 200 Personen einschließen.

Schlussfolgerung: Da der Anteil von Krebstodesfällen an allen Todesfällen in Westeuropa relativ gering ist, kann ein Krebs-Screening die Gesamtmortalität nur um 1–3 % reduzieren. Dieser Effekt ist allerdings klinisch und für die öffentliche Gesundheit relevant.

LNSLNS

Für die Berechnung der Mortalitätsraten werden in Screening-Studien drei Kategorien von Todesfällen unterschieden: Kategorie A beschreibt einen krebsbedingten Todesfall bei einer Person, die an dem interessierenden Krebs leidet. Unter Kategorie B fällt ein Todesfall bei einer Person, die an dem interessierenden Krebs leidet, wobei die Todesursache nicht dem interessierenden Krebs zugeschrieben wird. Kategorie C umfasst Todesfälle jeglicher Ursache bei Personen, die nicht an dem interessierenden Krebs leiden.

In vielen Screening-Studien werden krebsspezifische Mortalitätsraten (krankheitsspezifische Mortalitätsraten), die nur die Kategorie A einbeziehen, berichtet. Einige von ihnen enthalten auch Angaben über die Gesamtmortalitätsraten unter Berücksichtigung der Todesfälle aller Kategorien A–C.

Man stelle sich vor, dass in dem Untersuchungs-Arm einer Screening-Studie insgesamt 10 000 Personenjahre in der Nachbeobachtung aufkamen. 50 Teilnehmer erlagen dem interessierenden Krebs. Weitere 30 Teilnehmer, die ebenfalls an dem interessierenden Krebs erkrankten, starben an einer anderen Ursache. Für weitere 20 Teilnehmer, die zu Lebzeiten nicht an dem interessierenden Krebs erkrankten, lagen andere Todesursachen vor. Die krebsspezifische Mortalitätsrate wird daher mit 50 pro 10 000 Personenjahre und die Gesamtmortalitätsrate mit 100 pro 10 000 Personenjahre berechnet.

Die Auswertung der Mortalität in Screening-Studien wird von der Untersuchung krebsspezifischer Mortalitätsraten in den gescreenten und ungescreenten Populationen dominiert. Allerdings enthalten mehrere große randomisierte Screening-Studien auch die Gesamtmortalitätsraten. Es gab einige Diskussionen über die Wahl der Mortalitätsraten für die Auswertung von Screening-Studien. Zum Beispiel befürwortet Penston die Verwendung der Gesamtmortalitätsraten, da Informationen über die zugrunde liegende Todesursachen häufig unzuverlässig sind und die krankheitsspezifische Mortalitätsrate ignoriert, dass das Screening den Tod aufgrund des festgestellten Krebses verursachen kann (1). Darüber hinaus können Unsicherheiten bei der Zuordnung krankheitsspezifischer Todesursachen auftreten, denn Nebenwirkungen oder Komplikationen bei der Diagnose und Therapie von Krebs sind nicht notwendigerweise der Grunderkrankung, das heißt dem Krebs, zugeordnet.

Gegner der Verwendung der Gesamtmortalitätsrate geben an, dass selbst häufige Krebserkrankungen nur einen geringen Anteil an der Gesamtzahl der Todesfälle ausmachen. Deshalb würden Screening-Studien eine zu große Stichprobengröße erfordern, um durchführbar zu sein. Der erwartete Rückgang der Gesamtmortalitätsrate nach der Einführung von Krebs-Screening-Verfahren in Bevölkerungsgruppen wie Westeuropa wurde jedoch noch nicht geschätzt (2).

Eine weitere Debatte beschäftigt sich mit der Frage, was eine überzeugende Evidenz für eine positive Wirkung auf die Gesamtmortalitätsrate in Screening-Studien ist. Fast alle Screening-Studien weisen eine zu geringe Power auf, um einen kleinen Effekt auf die Gesamtmortalität als statistisch signifikant nachzuweisen. Dennoch verwenden mehrere Autoren die statistische Signifikanz, um zu beurteilen, ob eine Screening-Studie einen Effekt auf die Gesamtmortalität zeigt (3). Swartz spricht von einer Inkonsistenz zwischen der Auswirkung auf die Gesamtmortalität und der krebsspezifischen Mortalität, ohne zu erklären, wann sie vorliegt (4).

Wir konnten keine Veröffentlichung finden, die den erwarteten Rückgang der Gesamtmortalitätsrate quantifiziert, wenn ein wirksames Screening für einen bestimmten Krebs eingeführt wird. Das Wissen um den zu erwartenden Rückgang der Gesamtmortalitätsrate hilft bei der Interpretation von Ergebnissen aus Screening-Studien mit einer zu geringen Power. Beispielsweise ergab die European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer (ERSPC), dass die prostatakrebsspezifische Mortalitätsrate bei Männern im Alter von 55–69 Jahren über einen Zeitraum von elf Jahren bei einem Screening des prostataspezifischen Antigens (PSA) alle vier Jahre um 21 % sinkt (5). Diese Studie zeigte, dass die Gesamtmortalitätsraten sehr ähnlich waren (Screening: 18,2 pro 1 000 Personenjahre; kein Screening: 18,5 pro 1 000 Personenjahre; Mortalitätsraten Ratio: 0,99; 95-%-Konfidenzintervall [KI]: [0,97; 1,01]). Schröder et al. erklärten auf der Grundlage dieser Ergebnisse: „In unserer Studie gab es keinen Einfluss auf die Gesamtmortalität“ (5). Haben Schröder et al. Recht?

Ziel dieser Arbeit ist es, die möglichen Auswirkungen der Krebsfrüherkennung auf die Gesamtmortalität in Westeuropa zu bestimmen. Wir wählten zwei repräsentative Länder, für die die neuesten Sterblichkeitsdaten vorlagen, aus. Außerdem bewerteten wir den Einfluss der Höhe der Krebssterblichkeit ohne Screening und die relative Reduktion der Krebsmortalität durch Screening.

Material und Methoden

Wir extrahierten die neuesten Mortalitätsdaten (Anzahl Todesfälle und Bevölkerungszahlen) des Jahres 2015 in Deutschland nach Angaben des statistischen Bundesamtes (www.gbe-bund.de, Zugriff 24. 1. 2018) und in Großbritannien England sowie Wales nach Angaben des Amtes für nationale Statistik (www.ons.gov.uk, Zugriff 11. 2. 2018) für Krebserkrankungen, bei denen Screening-Verfahren etabliert sind. Dazu zählten Darmkrebs (ICD-10 [Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision] C18–C21), Hautmelanom (C43), Brustkrebs (C50), Prostatakrebs (C61) und ischämische Herzkrankheiten (I20–I25) (6).

Wir schätzten die altersstandardisierte Mortalitätsrate für die Gesamtmortalität und für die Krebsarten in Bezug auf die europäische Standardbevölkerung (7). Die geschlechts- und altersspezifischen Mortalitätsraten dieser Krebsarten wurden grafisch verglichen. Wir nutzen Schätzungen der relativen Ratenreduktion (RRR) der Mortalitätsraten für Screening-Verfahren, die in großen randomisierten kontrollierten Studien untersucht wurden, darunter PSA-Screening (Alter von 55–69 Jahre) (8), Mammographie-Screening (Alter von 50–69 Jahre) (8) und flexible Sigmoidoskopie-Screening (Alter von 55–64 Jahre) (9).

RRR von 21 % für das PSA-Screening (5), 20 % für das Mammographie-Screening (8), 27 % für die flexible Sigmoidoskopie (9) und 50 % für das Hautmelanom (10) wurden verwendet. Bei Hautkrebs konzentrierten wir uns nur auf Hautmelanom-Todesfälle, da die Mortalitätsrate bei nichtmelanotischem Hautkrebs sehr niedrig ist. Wir nutzten die RRR zur Schätzung der krebsspezifischen Mortalitätsrate nach Implementation eines Screening-Programms. Dabei wurde angenommen, dass das Screening bei 100 % der berechtigten Bevölkerung angewendet wird. Anschließend wurde die erwartete Gesamtmortalitätsrate unter Berücksichtigung der screeningbedingten Reduktion der krebsspezifischen Mortalitätsrate berechnet. Diese Kalkulation geht davon aus, dass die Gesamtmortalitätsrate nur durch die Veränderung der krebsspezifischen Mortalitätsrate direkt beeinflusst wird. Indirekte Effekte wie zum Beispiel Suizid nach einer Krebsdiagnose können die Wirkung vermindern.

Danach bestimmten wir das Mortalitätsraten-Ratio (Rate bei Vorhandensein von Screening/Rate ohne Screening) für die Gesamtmortalität.

Darüber hinaus untersuchten wir den hypothetischen Effekt des Screenings bei ischämischen Herzerkrankungen (ICD-10: I20–I25), deren krankheitsspezifische Mortalitätsrate (und damit ihr Anteil an der Gesamtmortalitätsrate) in der Altersgruppe der 45- bis 69-Jährigen deutlich höher ist als die von Krebs. In einer Sensitivitätsanalyse wurde angenommen, dass der Screening-Effekt auch in der 5-Jahres-Altersgruppe, die über dem zugelassenen Screening-Alter liegt, zum Beispiel beim Mammographie-Screening der Gruppe 70–74 Jahre, bei Verwendung der gleichen RRR für diese Gruppe wirksam sein würde.

Die Abhängigkeit zwischen der relativen Ratenreduktion eines Screeningprogramms für einen bestimmten Krebs und der Mortalitätsrate für diesen Krebs ohne Screening, die für eine Reduktion der Gesamtmortalitätsrate von 1, 2 oder 3 % bestehen würde, wurde untersucht, indem eine mathematische Formel abgeleitet wurde.

Um die erforderliche Stichprobengröße für die Schätzung eines relativen Risikos von 0,98 oder 0,97 der Gesamtmortalität in einer hypothetischen Screening-Studie, die mit einem schmalen zweiseitigen 95-%-KI von +/− 0,01 einhergeht, zu berechnen, wurde die KI-Methode von Katz et al. verwendet (11). Hierfür nahmen wir an, dass die Anzahlen von gescreenten und nichtgescreenten Teilnehmern der hypothetischen randomisierten kontrollierten Screening-Studie gleich groß waren.

Ergebnisse

Obwohl leichte Unterschiede in der altersstandardisierten Gesamtmortalitätsrate zwischen England und Wales sowie Deutschland vorlagen (Männer: 617 versus 687 pro 100 000 Personenjahre; Frauen: 453 versus 448 pro 100 000 Personenjahre), sind die altersspezifischen Mortalitätsraten der hier untersuchten Krebsarten sehr ähnlich (eTabelle 1, eGrafik).

Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) in England und Wales bzw. Deutschland in 2015
Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) in England und Wales bzw. Deutschland in 2015
eTabelle 1
Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) in England und Wales bzw. Deutschland in 2015

Ein Krebsfrüherkennungsverfahren im Alter von 50–74 Jahren mit einer RRR der krebsspezifischen Mortalitätsrate von zum Beispiel 20 %, das auch mit einer Reduktion der Gesamtmortalitätsrate um 1, 2 oder 3 % bei Männern verbunden ist, würde eine Mortalitätsrate dieses Krebses ohne Screening von 55, 110 beziehungsweise 165 pro 100 000 Personenjahre in England und Wales beziehungsweise Deutschland erfordern (Frauen: 35, 69 beziehungsweise 104 pro 100 000 Personenjahre) (Grafik).

Zusammenhang zwischen der RRR eines Screeningprogramms für einen Krebs und der Mortalitätsrate eines Krebses ohne Screening, um eine relative 1-, 2- oder 3-%-ige Reduktion der Gesamtmortalitätsrate bei Menschen im Alter von 50–74 Jahren in England und Wales bzw. Deutschland zu erreichen
Zusammenhang zwischen der RRR eines Screeningprogramms für einen Krebs und der Mortalitätsrate eines Krebses ohne Screening, um eine relative 1-, 2- oder 3-%-ige Reduktion der Gesamtmortalitätsrate bei Menschen im Alter von 50–74 Jahren in England und Wales bzw. Deutschland zu erreichen
Grafik
Zusammenhang zwischen der RRR eines Screeningprogramms für einen Krebs und der Mortalitätsrate eines Krebses ohne Screening, um eine relative 1-, 2- oder 3-%-ige Reduktion der Gesamtmortalitätsrate bei Menschen im Alter von 50–74 Jahren in England und Wales bzw. Deutschland zu erreichen

Die Tabelle enthält den erwarteten Rückgang der Gesamtmortalitätsrate unter den in Frage kommenden Bevölkerungsgruppen mit einer 100 %-igen Beteiligung an einem krebsspezifischen Screening in England und Wales beziehungsweise Deutschland für Darmkrebs, Brustkrebs, Prostatakrebs und Hautmelanom. Der Anteil an der Gesamtmortalität durch Brustkrebs beträgt 8,7 % beziehungsweise 9,2 % für Frauen im Alter von 50–69 Jahren in England und Wales beziehungsweise Deutschland.

Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) und geschätzter Effekt des Screenings in der anspruchsberechtigten Bevölkerung bei einer 100-%-igen Beteiligung in England und Wales bzw. Deutschland 2015
Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) und geschätzter Effekt des Screenings in der anspruchsberechtigten Bevölkerung bei einer 100-%-igen Beteiligung in England und Wales bzw. Deutschland 2015
Tabelle
Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) und geschätzter Effekt des Screenings in der anspruchsberechtigten Bevölkerung bei einer 100-%-igen Beteiligung in England und Wales bzw. Deutschland 2015

Trotz dieser hohen Anteile würde eine RRR der Brustkrebssterblichkeitsrate innerhalb dieser Altersgruppe einen relativen Rückgang der Gesamtsterblichkeitsrate von nur 1,7 % beziehungsweise 1,8 % in Großbritannien, England und Wales sowie Deutschland bewirken. Der relative Rückgang der Gesamtmortalitätsrate wäre bei der Sigmoidoskopie (1,0–1,2 %), dem PSA-Screening (0,4–0,6 %) und der Hautkrebsvorsorge (0,2 %) geringer. Ein hypothetisches Screening auf ischämische Herzkrankheiten bei Personen im Alter von 45–69 Jahren im Zusammenhang mit einer RRR von 25 % würde die Gesamtsterblichkeitsrate um fast 3,2 % in England und Wales sowie und um 2,6 % in Deutschland reduzieren (Tabelle, eTabelle 2).

Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) und geschätzter Effekt des Screenings in der anspruchsberechtigten Bevölkerung bei einer 100-%-igen Beteiligung in England und Wales bzw. Deutschland 2015*
Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) und geschätzter Effekt des Screenings in der anspruchsberechtigten Bevölkerung bei einer 100-%-igen Beteiligung in England und Wales bzw. Deutschland 2015*
eTabelle 2
Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) und geschätzter Effekt des Screenings in der anspruchsberechtigten Bevölkerung bei einer 100-%-igen Beteiligung in England und Wales bzw. Deutschland 2015*

Bei allen Krankheiten, die hier betrachtet wurden, gab es nach Berücksichtigung eines möglichen Übertragungseffektes der Mortalitätsreduktion auf die nächst höhere Altersgruppe, für die das Screening-Verfahren nicht geplant wurde, kaum Veränderungen. Die maximale Abweichung der prozentualen Verringerung der Gesamtmortalität aufgrund des Übertragungseffektes betrug 0,2 % (Deutschland: Prostatakrebs, England und Wales: Brustkrebs) (Daten nicht gezeigt).

Bei einem RR von 0,97, das heißt einer RRR von 3 % bezogen auf die Gesamtmortalität, beträgt die erforderliche Studiengröße einer Screening-Studie, die ein zweiseitiges 95-%-KI von +/− 0,01 liefert, 596 200. Bei einem RR von 0,98 beträgt der entsprechende Stichprobenumfang 602 346.

Diskussion

Die vorliegende Arbeit zeigt, dass eine effektive Krebsfrüherkennung in dem nach den Screening-Studien gültigen Altersbereich kaum einen Einfluss auf die Gesamtmortalität in zwei repräsentativen westeuropäischen Populationen der 2010-er Jahre haben kann. Daher sind folgende Aussagen zum Mammographie-Screening falsch: „die Gesamtsterblichkeit in der Screening-Gruppe [ist] gleich hoch wie in der Nicht-Screening-Gruppe“, „durch Mammographie wird überhaupt kein Leben gerettet“ (12) oder „PSA-Screening erhöhte Schäden ohne Veränderung der Gesamtmortalität“. Diese Differenz dürfte aus zwei Gründen, wie zu erwarten, klein sein (2 % oder weniger):

  • Der Prozentsatz der Krebstodesfälle unter allen Todesfällen ist zu niedrig. Mit anderen Worten, die Gesamtmortalität wird von Todesursachen, die nichts mit dem gescreenten Krebs zu tun haben, dominiert.
  • Die Reduktion der krebsspezifischen Mortalität des gescreenten Krebses ist zu niedrig, um die Gesamtmortalität wesentlich zu beeinflussen.

Die ERSPC ergab, dass die prostatakrebsspezifische Mortalitätsrate bei Männern im Alter von 55–69 Jahren über einen Zeitraum von elf Jahren bei einem PSA-Screening alle vier Jahre um 21 % sinkt (5). Diese Studie zeigte, dass die Gesamtmortalitätsraten sehr ähnlich waren (Screening: 18,2 pro 1 000 Personenjahre; kein Screening: 18,5 pro 1 000 Personenjahre; Mortalitätsraten Ratio: 0,99; 95-%-KI: [0,97; 1,01]). Schröder et al. erklärten auf der Grundlage dieser Ergebnisse: „In unserer Studie gab es keinen Einfluss auf die Gesamtmortalität“. Unsere Analyse zeigt, dass der geschätzte Rückgang der Gesamtmortalität im ERSPC um 1 % angesichts der aktuellen Gesamtmortalität und der prostatakrebsspezifischen Mortalität in einer europäischen Bevölkerung wie England und Wales beziehungsweise Deutschland 2015 zu erwarten ist. Da nur 2,9 % (England und Wales) und 2,1 % (Deutschland) aller Todesfälle bei Männern im Alter von 55–69 Jahren auf Prostatakrebs zurückzuführen sind, kann eine effiziente Prostatakrebs-Früherkennung die Gesamtmortalität kaum beeinflussen.

Bei einer Gesamtmortalitätsrate von 621 und 743 pro 100 000 Personenjahre für Männer und Frauen im Alter von 55–64 Jahren sowie einer Darmkrebssterblichkeitsrate von 26,7 beziehungsweise 27,6 pro 100 000 Personenjahre innerhalb dieser Altersgruppe in England und Wales beziehungsweise Deutschland kann ein Sigmoidoskopie-Screening selbst bei 100 % der berechtigten Personen keinen Rückgang der Gesamtmortalität von mehr als 1,0–1,2 % bewirken. Die Hautkrebs-Früherkennung wird kaum eine Reduktion der Gesamtmortalität zeigen, da der Anteil der Todesfälle durch Hautmelanome zu gering ist (0,3–0,4 % aller Todesfälle bei Menschen ab 35 Jahren) – selbst bei einer großen RRR von 50 %, wie im SCREEN-Projekt postuliert (10).

Um einen Rückgang der Gesamtmortalität bei Männern im Alter von 50–74 Jahren von zum Beispiel 3 % zu beobachten, muss die Mortalitätsrate des untersuchten Krebses ohne Früherkennung bei einer RRR von 30 % etwa 110 pro 100 000 Personenjahre betragen (bei Frauen, 50–74 Jahre: 69 pro 100 000 Personenjahre). Allerdings liegt die Mortalitätsrate ohne Screening bei keiner der vier vorgestellten Krebsarten in den entsprechenden gültigen Altersbereichen in dieser Größenordnung. Bei ischämischen Herzerkrankungen sind die Mortalitätsraten unter den 45- bis 69-Jährigen hoch. Eine hypothetische RRR von 25 % würde die Gesamtmortalität in England, Wales und Deutschland um 3 % verringern.

Unsere Stichprobenberechnungen zeigen, dass die Studiengröße von Screening-Studien extrem groß sein muss (eine halbe Million), um ein schmales 95-%-KI für eine Reduzierung der Gesamtmortalität von 2–3 % zu gewährleisten. Die Stichprobengrößen aller veröffentlichten Screening-Studien lagen weit unter einer halben Million. Daher können keine schmalen Konfidenzintervalle für die RRR der Gesamtmortalität in Screening-Studien und folglich keine statistisch signifikanten Rückgänge der Gesamtmortalität erwartet werden. Aus Sicht der öffentlichen Gesundheit ist eine Senkung der Gesamtmortalitätsrate um 2 % ein relevanter Effekt. Wenn 100 % der 50- bis 69-jährigen Frauen in Deutschland am Mammographie-Screening teilnehmen würden, würde die Gesamtmortalitätsrate von 517 pro 100 000 Personenjahre auf 508 pro 100 000 Personenjahre (−1,8 %) in dieser Altersgruppe sinken. Daher würden 9 von 100 000 Todesfällen pro Jahr (1,8 %) für diese Frauen vermieden werden.

Da der Anteil der Krebstoten an allen Todesfällen in Westeuropa relativ gering ist, können die Krebsfrüherkennungsverfahren die Gesamtmortalität nur um 1–3 % senken. Dieser Effekt ist jedoch klinisch und für die öffentliche Gesundheit relevant. Darüber hinaus können sich Screening-Verfahren positiv auf nichttödliche Endpunkte auswirken wie beispielsweise die Aggressivität der Behandlung und die Kosten.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 7. 3. 2018, revidierte Fassung angenommen: 9. 5. 2018

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Andreas Stang, MPH
Direktor des Zentrums für Klinische Epidemiologie
c/o Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie
Universitätsklinikum Essen
Hufelandstraße 55
45147 Essen
andreas.stang@uk-halle.de

Zitierweise
Stang A, Jöckel KH: The impact of cancer screening on all-cause mortality: what is the best we can expect?. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 481–6. DOI: 10.3238/arztebl.2018.0481

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

Zusatzmaterial
Mit „e“ gekennzeichnete Literatur:
www.aerzteblatt.de/lit2918 oder über QR-Code

eGrafik, eTabellen:
www.aerzteblatt.de/18m0481 oder über QR-Code

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Zentrum für Klinische Epidemiologie; c/o: Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie, Universitätsklinikum Essen: Prof. Dr. med. Andreas Stang, MPH
School of Public Health, Department of Epidemiology, Boston University, 715 Albany Street, Talbot Building, Boston, MA 02118, USA: Prof. Dr. med. Andreas Stang, MPH
Deutsches Konsortium Translationale Krebsforschung (DKTK), Partnerstandort Essen, Universitätsklinikum Essen: Prof. Dr. med. Andreas Stang, MPH, Prof. Dr. rer. nat. Karl-Heinz Jöckel
Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie, Universitätsklinikum Essen: Prof. Dr. med. Andreas Stang, MPH, Prof. Dr. rer. nat. Karl-Heinz Jöckel
Zusammenhang zwischen der RRR eines Screeningprogramms für einen Krebs und der Mortalitätsrate eines Krebses ohne Screening, um eine relative 1-, 2- oder 3-%-ige Reduktion der Gesamtmortalitätsrate bei Menschen im Alter von 50–74 Jahren in England und Wales bzw. Deutschland zu erreichen
Zusammenhang zwischen der RRR eines Screeningprogramms für einen Krebs und der Mortalitätsrate eines Krebses ohne Screening, um eine relative 1-, 2- oder 3-%-ige Reduktion der Gesamtmortalitätsrate bei Menschen im Alter von 50–74 Jahren in England und Wales bzw. Deutschland zu erreichen
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Zusammenhang zwischen der RRR eines Screeningprogramms für einen Krebs und der Mortalitätsrate eines Krebses ohne Screening, um eine relative 1-, 2- oder 3-%-ige Reduktion der Gesamtmortalitätsrate bei Menschen im Alter von 50–74 Jahren in England und Wales bzw. Deutschland zu erreichen
Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) und geschätzter Effekt des Screenings in der anspruchsberechtigten Bevölkerung bei einer 100-%-igen Beteiligung in England und Wales bzw. Deutschland 2015
Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) und geschätzter Effekt des Screenings in der anspruchsberechtigten Bevölkerung bei einer 100-%-igen Beteiligung in England und Wales bzw. Deutschland 2015
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Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) und geschätzter Effekt des Screenings in der anspruchsberechtigten Bevölkerung bei einer 100-%-igen Beteiligung in England und Wales bzw. Deutschland 2015
Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) in England und Wales bzw. Deutschland in 2015
Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) in England und Wales bzw. Deutschland in 2015
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Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) in England und Wales bzw. Deutschland in 2015
Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) und geschätzter Effekt des Screenings in der anspruchsberechtigten Bevölkerung bei einer 100-%-igen Beteiligung in England und Wales bzw. Deutschland 2015*
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Gesamt- und krebsspezifische Mortalitätsraten (pro 100 000 Personenjahre) und geschätzter Effekt des Screenings in der anspruchsberechtigten Bevölkerung bei einer 100-%-igen Beteiligung in England und Wales bzw. Deutschland 2015*
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