ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2018Autoimmunität: Stressbezogene Erkrankungen erhöhen das Risiko über längere Zeit

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Autoimmunität: Stressbezogene Erkrankungen erhöhen das Risiko über längere Zeit

Dtsch Arztebl 2018; 115(29-30): A-1388 / B-1169 / C-1161

Siegmund-Schultze, Nicola

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Korta / stock.adobe.com
Foto: Korta / stock.adobe.com

Wegen der Verbindungen von neuroendokrinen mit immunologischen Regelkreisen ist es naheliegend zu untersuchen, ob sich nach der Diagnose von stressbezogenen Erkrankungen häufiger Autoimmunerkrankungen auch mit dermatologischen Manifestationen entwickeln.

In eine schwedische Populations- und Geschwister-gematchte Kohortenstudie wurden 106 464 Personen aufgenommen, die mindestens 1 Jahr vor Einschluss die Diagnose einer stressbezogenen Erkrankung wie posttraumatische Belastungsstörung (PTSD), akute Stressreaktion oder stressassoziierte Angsterkrankungen erhalten hatten (Expositionskohorte). Sie wurde 1:10 gematcht mit 1 064 460 Personen ohne stressbezogene Erkrankung, die in Bezug auf relevante Einflussparameter vergleichbar waren. Wegen möglicher genetischer Einflüsse und Umweltfaktoren gab es eine Geschwisterkohorte mit 126 652 Vollgeschwistern von 78 635 Teilnehmern der Expositionskohorte.

Bei Diagnose einer stressbezogenen Erkrankung waren die Teilnehmer der Expositionskohorte durchschnittlich 41 Jahre alt. Die durchschnittliche Beobachtungszeit betrug 10 Jahre. Ermittelt wurde die Inzidenzrate für Autoimmunerkankungen mit 41 verschiedenen Diagnosen wie atopische Dermatitis, Lupus erythematodes, Kollagenosen oder neuromuskuläre Manifestationen wie Multiple Sklerose. Die Inzidenzrate betrug 9,1/1 000 Personenjahre für die Expositionskohorte, 6,0/1 000 Personenjahre für die nicht exponierte Kontrollgruppe und 6,5/1 000 Personenjahre für die Geschwister. Insgesamt war das Risiko für Autoimmunerkrankungen bei einer Stresserkrankung 1,36-fach erhöht. Bei Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD) stieg das Risiko für einzelne Autoimmunerkrankungen um den Faktor 1,46 und für mindestens 3 Autoimmunerkrankungen um 2,29. Autoimmunität war bei Stresserkrankungen auch im Vergleich zu Geschwistern signifikant häufiger. Die Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern für mindestens 12 Monate bei PTSD schwächte die Risikoerhöhung ab.

Fazit: Stressbezogene Erkrankungen sind nach einer schwedischen Registeranalyse mit einem erhöhten Risiko für Autoimmunerkrankungen assoziiert. „In den letzten Jahrzehnten wurden mehrere klinische Studien veröffentlicht, die einen Einfluss von Stress auf den Verlauf oder gar die Entstehung von Autoimmunerkrankungen nahelegen, darunter retrospektive Befragungen bei Patienten mit MS oder rheumatoider Arthritis“, erläutert Prof. Stefan M. Gold vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Allerdings könnten Angaben der Patienten zur psychischen Belastung unzuverlässig sein, vor allem wenn sie längere Zeit zurückliegen.

Dieses Problem umgehe die schwedische Studie, indem sie nicht nach dem Auftreten von Stressoren oder traumatischen Ereignissen direkt frage, sondern landesweite Registerdaten zu stressassoziierten und autoimmunen Erkrankungen zusammenführe. So habe die Fragestellung in einer großen Stichprobe und ohne allzu große Selektionsbias untersucht werden können.

„Ein weiterer eleganter methodischer Aspekt ist der Vergleich mit einer Geschwisterkohorte, die eine gewisse Kontrolle anderer Faktoren (Genetik, Umweltfaktoren) ermöglicht“, kommentiert Gold. „Die Ergebnisse legen einen signifikanten, wenn auch relativ kleinen Zusammenhang zwischen stressbezogenen Erkankungen und Autoimmunität nahe. Insofern liefert die Studie erste überzeugende Hinweise, dass sich solche Zusammenhänge auch über längere Zeiträume – hier über circa 10 Jahre – detektieren lassen.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Song H, Fang F, Tomasson G, et al.: Association of stress-related disorders with subsequent autoimmune disease. JAMA. 2018; 319: 2388–400.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema