ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2018Patientensteuerung: Straßenkarte für Patienten

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Patientensteuerung: Straßenkarte für Patienten

Dtsch Arztebl 2018; 115(29-30): A-1366 / B-1154 / C-1146

Beerheide, Rebecca

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Den Weg in die richtige Versorgungsebene zu finden, ist für Patienten oft nicht leicht. Der Sachverständigenrat schlägt vier Möglichkeiten für eine effizientere Steuerung vor.

Foto: iStockphoto; jocoblund/iStockphoto
Foto: iStockphoto; jocoblund/iStockphoto

Deutschland ist Weltmeister in vielen Bereichen – so auch beim Arzt-Patienten-Kontakt: Je nach statistischer Erhebungsmethode werden zwischen elf und 17 Patienten-Arzt-Kontakte pro Jahr gezählt. Betrachtet man die Behandlungsfälle, deren Daten aus der Abrechnung der Vertragsärzte stammen, gibt es 7,5 Fälle pro Jahr und Versicherten. Diese Daten hat der Sachverständigenrat (SVR) im aktuellen Gutachten aufgelistet.

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Um die Patientensteuerung in der Versorgungslandschaft effektiver zu gestalten, hat der SVR dem Thema gleich an mehreren Stellen Absätze sowie Kapitel gewidmet. Denn: „Der Stellenwert der Koordination nimmt aufgrund der zunehmenden Komplexität von Erkrankungen und deren Behandlungsverläufen zu.“ Der Rat betont aber das Recht, sich den Haus- und Facharzt selbst auszusuchen.

Bei der Patientensteuerung gebe es vier Möglichkeiten: So kann mit dem „Gatekeeping“ festgelegt werden, dass „jede Behandlungsepisode mit einem Besuch bei einem Primär- oder Hausarzt beginnt.“ Damit wurde bereits im SVR-Gutachten von 2009 die Lotsenfunktion des Hausarztes beschrieben. In Deutschland gibt es dies vor allem bei den Modellen der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV). 2017 waren 6,9 Millionen Versicherte in HzV-Modelle eingeschrieben. Der Rat empfiehlt, die Modelle auszuweiten. „Ein von allen Krankenkassen verpflichtend anzubietender vergünstigter Wahltarif könnte ein finanzieller Anreiz für die Teilnahme an einem HzV-Modell sein.“

Die Steuerung der Patienten mit einer Kontaktpauschale bei Facharztterminen ohne Überweisung könnte eine zweite Möglichkeit sein. Dieser Überlegung stellt der Rat allerdings voraus: „Vor der Einführung jeglicher Form von Selbstbeteiligung im Gesundheitswesen empfiehlt der Rat, zu überprüfen, ob der finanzielle Aufwand, eine neue Regelung einzuführen und administrativ durchzuführen, gegenüber der Kostenersparnis und der erhofften Steuerungswirkung in einem angemessenen Verhältnis steht.“ Zuzahlungen sind im Gesundheitswesen nicht weit verbreitet: So haben 2016 GKV-Versicherte 7,1 Milliarden Euro in Form von Zuzahlungen geleistet, das sind etwa 3,2 Prozent der gesamten Ausgaben der GKV. Eine Notfall-Kontaktpauschale betrachtet der Rat als kritisch: „Eine Selbstbeteiligung in Form einer Kontaktgebühr sollte erwogen werden, wenn die organisatorischen Veränderungen keine ausreichende Entlastung der Behandlung von Notfällen in der falschen Versorgungsebene zeigen.“

Als dritte Möglichkeit der Steuerung von Patienten sollten die Gesundheitsinformationen und Entscheidungshilfen verbessert werden. Dazu gehört, komplexe medizinische Zusammenhänge verständlicher darzustellen und der Zugang zu evidenzbasierten Gesundheitsinformationen zu ermöglichen. Dabei gehe es um die „informierte Mitwirkung bei der Steuerung der Versorgung durch die Patientinnen und Patienten selbst“, schreibt der SVR.

Das Entlassmanagement – denkt man es als einen Prozess und nicht als einzelne Handlung – kann der vierte Weg sein. Dafür muss die Zusammenarbeit zwischen den Versorgungssektoren funktionieren.

Für all diese Vorschläge sieht der Rat deutliche Verbesserungen durch die Digitalisierung – wenn sie denn bald auf den Weg gebracht wird. Rebecca Beerheide

Sanfte Steuerung notwendig

Die vielen Wege in der Gesundheitsversorgung in Deutschland sind für etliche Patientinnen und Patienten unklar. Daher ist es richtig, dass der Sachverständigenrat auch dieses Thema mit deutlichen Worten adressiert. Klar ist: Die eine Lösung kann es nicht geben. Es muss ein Zusammenspiel zwischen einer medizinisch-sinnvollen Steuerung durch Ärztinnen und Ärzte sowie durch mehr Informationen und Wissen der Patientinnen und Patienten erreicht werden. Nur so können Doppelungen, Einbahnstraßen und sinnlose Kreuzungen abgebaut werden. Die Digitalisierung mit den künftigen Patienten- und Fallakten wird dazu einen großen Beitrag leisten.

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