ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2018Elektronische Gesundheitsakte: AOK erweitert Gesundheitsnetz

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Elektronische Gesundheitsakte: AOK erweitert Gesundheitsnetz

Dtsch Arztebl 2018; 115(29-30): A-1378 / B-1161 / C-1153

Krüger-Brand, Heike E.

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In vier Berliner Geburtskliniken hat die Krankenkasse zusammen mit den Klinikketten Vivantes und Sana eine digitale Gesundheitsakte für Schwangere gestartet.

Schwangere Frauen können in den Vivantes-Kliniken in Schöneberg, Friedrichshain und Am Urban sowie in der Sana Geburtsklinik in Lichtenberg seit Anfang Juli eine digitale Gesundheitsakte nutzen. Nachdem die AOK bereits im März ihr digitales Gesundheitsnetzwerk in Mecklenburg-Vorpommern pilotiert hatte, um das klinische Aufnahmemanagement zu unterstützen, ist in Berlin jetzt die zweite Ausbaustufe des Projekts gestartet. Die werdenden Mütter und ihre Ärzte in den Kliniken sollen von schnell verfügbaren medizinischen Daten profitieren. Niedergelassene Ärzte sind derzeit noch nicht mit im Boot. Weitere sechs Kliniken und 13 Medizinische Versorgungszentren in Berlin sollen bis Ende 2018 folgen.

Patienten und Ärzte profitieren

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„Im deutschen Gesundheitswesen wird schon viel zu lange darüber geredet, wie wichtig es wäre, Patienten und Ärzte zu vernetzen. Wir reden nicht nur, sondern tun es jetzt tatsächlich“, begründete Martin Litsch, Vorstand des AOK-Bundesverbandes, die Initiative. Sie reiht sich ein in die digitalen Großprojekte anderer Kassenkonsortien in diesem Jahr (Kasten). Über die Akte im Netz können die Patientinnen eigene Daten und Dokumente digital zur Verfügung stellen und umgekehrt auch von der Klinik einsehen. So können werdende Mütter per Datenupload ihren Mutterpass, Arztberichte etwa zu früheren Geburten und die Ergebnisse ambulanter Vorsorgeuntersuchungen bereitstellen. Ärzte hingegen können Dokumente wie Ultraschall- und Laborbefunde, Geburts- und OP-Berichte oder Arztbriefe in die Akte laden.

„Geburtstermine sind mitunter schwer planbar. Deshalb ist es für mich wichtig, vorab alle relevanten Informationen der schwangeren Frau aus dem Mutterpass einsehen zu können“, erläuterte Priv.-Doz. Dr. med. Mandy Mangler, Chefärztin der Geburtsklinik am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum. Die Vermeidung von Doppeluntersuchungen und der schnellere Informationsfluss sind aus Sicht von Dr. med. Jens-Peter Scharf, Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum Lichtenberg, wesentliche Vorteile der Vernetzung. Zudem schaffe das Projekt eine enge Verbindung zwischen dem ambulanten und stationären Sektor. Nach ihrer Entbindung kann die Mutter etwa den Entlassbrief aus der digitalen Akte heraus auch an den ambulanten Frauenarzt weiterleiten – derzeit noch per E-Mail, künftig direkt im Gesundheitsnetzwerk.

„Wir bauen Schritt für Schritt ein bundesweites Gesundheitsnetzwerk, das die Vernetzung der Leistungserbringer untereinander und der Versicherten im Mittelpunkt hat“, erläuterte Christian Klose, der zuständige Projektleiter der AOK Nordost. Dabei achte man auf „Anschlussfähigkeit“ auch zur Tele­ma­tik­infra­struk­tur, so Klose. Der sektorenübergreifende Austausch soll über internationale Standards (IHE-Profile) ermöglicht werden. Datensicherheit sei dabei entscheidend: „Wir nutzen eine dezentrale Datenhaltung, das heißt, die Daten bleiben dort, wo sie erfasst wurden, etwa im Krankenhaus oder in der Rehabilitationsklinik“, erläuterte Klose. Es werde nur eine Verlinkung hergestellt über ein Verzeichnissystem, in dem hinterlegt ist, wer auf die Daten zugreifen darf.

Anbindung der Arztpraxen

Ausnahmen von diesem Szenario gibt es im ambulanten Sektor, weil dort keine 24/7-Verfügbarkeit der Server gewährleistet ist. Hier sei etwa denkbar, dass mehrere Ärzte gemeinsam Server nutzen können, die durch Kassenärztliche Vereinigungen oder Arztnetze betrieben werden. Letzteres werde in Mecklenburg-Vorpommern umgesetzt.

Gestartet wird mit einem responsiven Webdesign der Gesundheitsakte, das sich an das jeweilige Endgerät anpasst. Perspektivisch sei aber auch eine App-Version der Akte geplant. Der Patient kann bis auf Dokumentenebene hin entscheiden, welches Dokument von welchem Arzt eingesehen werden kann. „Die AOK hat zu keiner Zeit Zugriff auf diese Daten“, hob Klose hervor.

Das Gesundheitsnetzwerk solle als offene Plattform sukzessive allen Akteuren zur Verfügung stehen – auch anderen Krankenkassen, betonte Litsch. Weitere Schritte in den anderen Bundesländern sollen folgen, kündigte er an. Je nach den regionalen Gegebenheiten werden dabei unterschiedliche Anwendungen erprobt. Heike E. Krüger-Brand

Drei Aktenprojekte im Überblick

  • App-basierte Gesundheitsakte (eGA) „TK-Safe“: Techniker Krankenkasse/IBM sowie DKV, Generali (Central), Signal Iduna, Kooperation mit Agaplesion und Uniklinik Aachen. Merkmale: zentrale Datenspeicherung, Datenaustausch per Patientenfach der Gesundheitskarte, potenziell für 17,5 Millionen Versicherte
  • App-basierte eGA „Vivy“ mit Assistenzfunktionen: DAK, Allianz, Bitmarck/Vivy sowie circa 90 weitere gesetzliche Kassen und private Kran­ken­ver­siche­rungen. Merkmale: zentrale Lösung, Datentransfer für Ärzte per Faxschnittstelle und (geplant) per Patientenschnittstelle über KV-Connect, potenziell für 25 Millionen Versicherte
  • Digitales Gesundheitsnetzwerk mit eGA: AOK, Kooperation mit Vivantes und Sana. Merkmale: IHE als Vernetzungsstandard, dezentrale Datenhaltung, Datenübermittlung aus den Primärsystemen per S3C-Schnittstelle (gevko); potenziell für 26 Millionen Versicherte

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