MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

Infektionskrankheiten des Nervensystems: Mögliche Auslöser der multiplen Sklerose

Dtsch Arztebl 1999; 96(45): A-2906 / B-2468 / C-2312

Treib, Johannes; Haaß, Anton

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Die Aufklärung über Borrelien-Infektionen im neurologischen Bereich führte schon zu wesentlichen Erfolgen. Mit diesen Worten eröffnete Prof. Dr. Anton Haaß das Symposium über "Infektionskrankheiten des Nervensystems" am 29. Mai 1999 in Saarbrücken, das er zusammen mit Priv.-Doz. Johannes Treib leitete.
In den letzten neun Jahren wurde in der Neurologischen Universitätsklinik Homburg kein Fall einer chronischen Borreliose des ZNS mit multiple-Sklerose-(MS-)ähnlichem Verlauf registriert. Auch Schlaganfälle durch eine Borreliose-Arteriitis sind selten geworden. Eine besondere Herausforderung ist die Chlamydien-Hypothese zur multiplen Sklerose, die aus aktuellem Anlaß einen Schwerpunkt der Tagung bildete.
Roland Mertens, Ministerium für Frauen, Arbeit, Gesundheit und Soziales des Saarlandes, betonte, daß Infektionskrankheiten in den letzten Jahren auch unter gesundheitspolitischen Aspekten wieder an Bedeutung gewonnen haben. Nach den bahnbrechenden Erfolgen in der Entwicklung hochwirksamer Impfstoffe und Antibiotika glaubte man insbesondere in den westlichen Industriestaaten vorschnell, diese Krankheiten kontrollieren zu können. Die zum Teil auf die unkritische Verabreichung von Antibiotika in der Massentierhaltung zurückzuführende zunehmende Problematik der Resistenzentwicklung von Antibiotika und die wachsende Bedeutung neuer Infektionskrankheiten für den Menschen haben diese Krankheiten wieder stärker in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Speziell unter dem Aspekt der gebotenen ständigen Aktualisierung von Impfempfehlungen sind für die Gesundheitsbehörden Daten zur Epidemiologie von Erregern wie zum Beispiel der FrühsommerMeningoenzephalitis (FSME) von großer Bedeutung.
Chlamydien-Hypothese bei multipler Sklerose
Wolfgang Stille und Christoph Stephan, Frankfurt/Main, sprachen über die Ätiologie der multiplen Sklerose, die bisher ungeklärt ist. Eine Reihe von Argumenten erlaubt die Interpretation des disseminiert entzündlichen ZNS-Prozesses, der zuletzt als Autoaggressionskrankheit interpretiert wurde, als chronischpersistierende Infektionskrankheit mit den erst im Jahr 1985 erkannten gramnegativen intrazellulären Erregern Chlamydia pneumoniae. Dieses weltweit verbreitete Agens stellt die dritt- bis vierthäufigste Ursache von meist leichteren Pneumonien dar. Überdies mehrten sich in den letzten zehn Jahren die Hinweise auf eine infektiöse Ursache der Arteriosklerose, die die Interpretation der Arteriosklerose als eine chronisch vor sich hinschwelende, über Jahrzehnte verlaufende Gefäßinfektion mit Chlamydia pneumoniae zulassen. Die Tatsache, daß es offensichtlich eine weit verbreitete chronische Gefäßinfektion durch Chlamydia pneumoniae bei Europäern und Nordamerikanern gibt, rückt die Pathogenese der MS in ein neues Licht. Es gibt eine Reihe von Argumenten für die These, daß auch die MS das Resultat einer chronisch persistierenden Infektion des Zentralnervensystems mit Chlamydia pneumoniae darstellt:
c Von Kurztke et al. wurden anhand der Analyse der MS-Epidemie nach 1940 auf den Färöer-Inseln epidemiologische Kriterien für ein zu forderndes infektiöses Agens in der Pathogenese der MS erstellt. Der erst Ende der 80er Jahre beschriebene gramnegative, obligat intrazelluläre Erreger Chlamydia pneumoniae erfüllt diese perfekt.
c Eine wegweisende Einzelkasuistik von Sriram und Mitarbeitern: Bei einem jungen Mann mit rapidprogressiver multipler Sklerose wurde serologisch, mittels PCR, sowie kulturell im Liquor eine Chlamydia- pneumoniae-Infektion nachgewiesen. Unter Antibiotika-Therapie mit Ofloxacin und Rifampicin verbesserte sich die Symptomatik.
c Das gleiche Forschungsteam aus Nashville/USA berichtet jetzt über den Nachweis von Chlamydia pneumoniae mittels PCR und Kultur bei MS-Patienten: In Untersuchungen bei 17 Patienten mit schubförmiger multipler Sklerose wurde bei allen in der PCR und bei acht Patienten kulturell Chlamydia pneumoniae im Liquor nachgewiesen. Bei Patienten mit progredienter MS gelang in 19 von 20 Patienten der PCR-Nachweis, bei 16/20 der kulturelle Nachweis. Ferner wurden die als oligoklonale Banden bekannten autochthon produzierten IgGFraktionen im Liquor von Chlamydia pneumoniae adsorbiert, ein möglicher Hinweis auf die Spezifität dieser Antikörper. Eine Kontrollgruppe neurologischer Patienten (n=27) ohne MS wies sowohl in der PCR, als auch in der Kultur überwiegend negative Ergebnisse auf (PCR positiv 4/27, kulturell positiv 3/27).
c Die gängige, für symptomatisch gehaltene Therapie mit Interferon-beta hat eine potentielle ChlamydienWirksamkeit: Experimentell lassen sich Chlamydien durch Interferon inhibieren.
c Die geographische Epidemiologie der MS und die der Arteriosklerose weisen eine bemerkenswerte, zuvor noch nicht berücksichtigte Ähnlichkeit auf. Beide Erkrankungen zeigen ein nahezu identisches Nord-Süd-Gefälle und eine ähnliche weltweite Verteilung.
c Säugetierchlamydien können besonders bei Rindern zu einer chronischen Enzephalomyelitis führen, die der MS ähnelt. Es gibt also so etwas wie eine natürliche Rinder-MS.
c Migrationsstudien zeigen, daß Migranten das Risiko, eine multiple Sklerose zu entwickeln, von dem Land mitnehmen, in dem sie während ihrer Pubertät gelebt haben. Das Migrationsverhalten der MS paßt gut zu der These, daß die primäre Gefäßinfektion von Chlamydia pneumoniae typischerweise in der älteren Kindheit, beziehungsweise der Adoleszenz erfolgt.
Es erscheint notwendig, einen möglichen Zusammenhang zwischen MS und Chlamydien zu untersuchen. Chlamydien-Serologie, Chlamydien-PCR, Immunhistologie, möglichst sogar Anzucht, sollten bei frisch aufgetretener MS zum diagnostischen Standard gehören. Ebenso ergibt sich die Forderung nach genau kontrollierten Therapiestudien mit Antibiotika bei Patienten mit multipler Sklerose, die eine gute Wirkung gegen Chlamydia pneumoniae haben und neben den etablierten klassischen, aber auch modernen Therapieverfahren der multiplen Sklerose gegeben werden können.
Chlamydien-Untersuchungen
Armin Grau, Heidelberg, und Gerlinde Layh-Schmitt, Hygiene-Institut der Universität Heidelberg, wiesen darauf hin, daß die Ursachen der MS bislang unbekannt sind. Epidemiologische und experimentelle Befunde deuten darauf hin, daß Infektionen als Ursache oder zumindest als initialer Trigger-Faktor möglicherweise eine wichtige Rolle spielen. Eine kürzlich veröffentlichte Kasuistik hat erstmals die Möglichkeit eines Zusammenhangs zwischen MS und Infektionen mit Chlamydia pneumoniae in die Diskussion gebracht. Grau und Layh-Schmitt gaben einen Zwischenbericht über eine derzeit durchgeführte Studie, in deren Rahmen Patienten mit gesicherter MS, Patienten mit wahrscheinlicher oder möglicher MS und Kontrollpatienten ohne Hinweis auf immunologisch vermittelte Erkrankungen des ZNS untersucht werden. Der Liquor wird mittels nested PCR auf Chlamydia pneumoniae hin analysiert. Bei sechs Patienten unternahmen sie den Versuch einer Anzucht von Chlamydia pneumoniae in humanen Lungenepithel-(HL-)Zellen. Bei den bislang untersuchten Patienten mit gesicherter MS (n=21) und bei den Patienten mit möglicher oder wahrscheinlicher MS (n=11) fand sich jeweils in rund einem Viertel der Fälle eine positive PCR.
Im Gegensatz dazu waren alle Kontrollpatienten (bislang n=47) negativ. Bei drei PCR-positiven Patienten ergaben sich Hinweise auf die Erreger in einem indirekten Immunfluoreszenztest in der Zellkultur, wohingegen der Nachweis bei drei PCR-negativen Patienten negativ ausfiel. Eine Vermehrung der Erreger gelang jedoch bislang nicht. Diese präliminaren Ergebnisse eröffnen die Möglichkeit, daß Infektionen mit Chlamydia pneumoniae bei einer Subgruppe von MS-Patienten eine Rolle spielen, wenngleich auf einen kausalen Zusammenhang bislang nicht geschlossen werden kann.
Chlamydien-Liquordiagnostik Gerhard Holzer, Homburg/Saar, berichtete über Testergebnisse zum Nachweis von Antikörpern gegen Chlamydia pneumoniae im Liquor cerebrospinalis von MS-Patienten. Angeregt durch die spektakulären Ergebnisse aus der Vanderbilt Universität in Nashville, USA, wurden in einer Pilotuntersuchung Liquores von 22 MS-Patienten mit nachgewiesenem oligoklonalem IgG im Liquor, als Zeichen einer intrathekalen IgGSynthese, serologisch auf eine mögliche Infektion durch Chlamydia pneumoniae untersucht. Von acht dieser Patienten wurde parallel dazu Liquor von Matthias Maaß, Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Medizinischen Universität Lübeck, mit Hilfe der PCR auf Chlamydien-spezifische Gensequenzen getestet, wobei zwei Liquorproben positiv waren.
Acht der 22 Patienten (36 Prozent) wiesen eine intrathekale Bildung von Chlamydien-spezifischen IgGAntikörpern auf. IgM-Antikörper, die auf eine frische Infektion hingedeutet hätten, konnten im Liquor nicht nachgewiesen werden. Auch unspezifische Hinweise auf eine akute Entzündung des Gehirns, wie eine Zellzahl- und Eiweißerhöhung, wurden weder bei den acht Fällen mit autochthoner Chlamydienspezifischer Antikörperproduktion noch bei den zwei in der PCR positiv getesteten Patienten gefunden. Holzer hielt es daher für möglich, daß diese Antikörper im Liquor als Folge einer unspezifischen Reaktion gebildet werden, wie die bei MS-Patienten bekannte intrathekale Bildung von Antikörpern gegen verschiedene Viren. Therapieempfehlungen könnten daher aus einem Antikörpernachweis derzeit nicht abgeleitet werden.
Ehrlichiose und Babesiose
Klaus-Peter Hunfeld und Volker Brade, Frankfurt/Main, erklärten, daß die Erreger der humanen granulozytären Ehrlichiose (HGE) und der humanen Babesiose durch Zecken vom Ixodes-ricinus-Komplex beim Saugakt übertragen werden können. Sie sind aber als humanmedizinisch bedeutsame Mikroorganismen bislang wenig bekannt. Molekularbiologische und seroepidemiologische Studienergebnisse sowie erste Fallberichte aus Europa belegen jedoch ein relevantes Vorkommen auch in europäischen Regionen. Während die HGE-Erreger (obligat intrazelluläre Bakterien) vor allem Granulozyten befallen, stellen Erythrozyten die bevorzugten Zielzellen der Babesien (malariaähnliche Protozoen) dar. Die Ehrlichiose wie auch die Babesiose treten vermehrt in den Sommermonaten auf und zeigen ein breites Spektrum von Symptomen, das von eher grippeähnlichen, fieberhaften Allgemeininfektionen bis hin zu seltenen prognostisch ungünstigen Verläufen mit ZNS- und Nierenbeteiligung sowie Atemnotsyndrom des Erwachsenen (ARDS) und Gerinnungsstörungen reicht. Die Differentialdiagnose der akuten Erkrankung und die Abgrenzung gegenüber anderen Zecken-übertragenden Erregern bereitet unter Umständen erhebliche Schwierigkeiten. Ein stadienhafter Verlauf der Infektion wie bei der FSME oder der Lyme-Borreliose wird nicht beobachtet. In der Akutphase gelingt bei einem Teil der Patienten der direkte Erregernachweis im Giemsa-gefärbten Blutausstrich.
Weiterhin stehen in Speziallabors die PCR und der Antikörpernachweis mittels Immunfluoreszenztest für die Sicherung der Diagnose zur Verfügung. Die meisten Infektionen bedürfen bei blandem oder subklinischem Verlauf keiner weiteren spezifischen Therapie. Für die Behandlung von schweren Verläufen wird üblicherweise für die HGE-Doxycyclin und für die Babesiose eine Kombinationstherapie mit Chinin und Clindamycin für 14 bis 21 Tage angewendet. Neben der Borreliose und der FSME sollten auch die genannten Erreger in die Differentialdiagnose fieberhafter Infektionen nach einem Zeckenstich miteinbezogen werden.
Borreliose und FSME bei Kindern
Wolfram Jost, Homburg, erörterte die Besonderheiten der Borreliose und FSME im Kindes- und Jugendalter, wobei insbesondere auch die für diese Altersgruppe typischen klinischen Verläufe hervorgehoben wurden. So zeigt sich die Borreliose beim Kind überwiegend in Form des Erythema chronicum migrans, der peripheren Fazialisparese und einer serösen Meningitis, wohingegen Spätstadien mit chronischen Verläufen mit Ausnahme der Lyme-Arthritis (drei bis zehn Prozent chronischer Arthritiden) in dieser Altersgruppe bei suffizienter Therapie nicht gesehen werden. Die Neuroborreliose kommt doppelt so häufig vor wie beim Erwachsenen. Diagnostische Probleme bestehen nach wie vor bei der Borreliose, da die serologischen Untersuchungen in Blut und Liquor zu Beginn der Symptomatik oft negativ ausfallen, weil die diagnostischen Methoden nicht standardisiert sind und auch die PCR-Diagnostik eine geringe Sensitivität aufweist. Bei der Neuroborreliose ist neben der neurologischen Symptomatik die lymphozytäre Liquorpleozytose mit Schrankenstörung obligat, der Nachweis der intrathekalen, erregerspezifischen Antikörpersynthese gelingt insbesondere zu Beginn der Symptomatik oft nicht. Somit läßt sich die Diagnose einer Borreliose meist nur in der Synopsis der anamnestischen, klinischen und laborchemischen Parameter mit hinreichender Sicherheit stellen. Eine antibiotische Therapie ist bei allen Formen der Borreliose trotz der hohen Spontanheilungsrate erforderlich.
Bei unklarer laborchemischer Konstellation ist unter klinisch begründetem Verdacht eine probatorische Therapie indiziert. Beim Erythema chronicum migrans genügt eine orale antibiotische Behandlung mit Amoxycillin (< neun Jahre) beziehungsweise Doxycyclin (> neun Jahre) über zehn Tage. Die Neuroborreliose erfordert eine zweiwöchige, intravenöse Gabe eines Cephalosporins der dritten Generation (zum Beispiel Ceftriaxon), ebenso auch die Lyme-Arthritis und andere seltene Organmanifestationen (Herz, Auge). Eine aktive Impfung gegen Borrelien steht zur Zeit in Europa noch nicht zur Verfügung, prophylaktische Maßnahmen, insbesondere das frühzeitige, fachgerechte Entfernen der Zecke sind aber hilfreich. Vor allem beim Kind muß dabei auch der behaarte Kopf nach Zecken abgesucht werden.
Die FSME im Kindesalter stellt zur Zeit im Saarland ein untergeordnetes Problem dar, da diese Erkrankung hier bisher in dieser Altersgruppe als genuin erworbene Infektion noch nicht aufgetreten ist (lediglich bei zwei Erwachsenen). Die aktive Impfung ist auf Grund des sehr geringen Erkrankungsrisikos in dieser Region im Gegensatz zu den typischen Endemiegebieten in Deutschland nicht indiziert. In der überwiegenden Zahl der Erkrankungsfälle im Kindes- und Jugendalter verläuft die FSME als Meningitis mit sehr guter Prognose. Schwerere, enzephalitische Verläufe sind selten, können dann aber mit neurologischen Residualsymptomen einhergehen, in ein bis fünf Prozent auch letal ausgehen. Die Labordiagnostik der Erkrankung mittels Antikörperbestimmung in Blut und Liquor (ELISA) bereitet im Gegensatz zur Borreliose keine Schwierigkeiten. Die Therapie ist symptomatisch, die Gabe von FSME-Immunglobulin - auch als Postexpositionsprophylaxe - ist bei Kindern obsolet.
Borreliose und FSME bei Erwachsenen
Johannes Treib, Homburg, berichtete zunächst über eine schwedische Studie zur Epidemiologie der Borreliose. Demnach beträgt die jährliche Inzidenz dieser Erkrankung 69 je 100 000 Einwohner. Die häufigste Manifestationsform ist das Erythema migrans mit 79 Prozent, gefolgt von der Neuroborreliose mit 16 Prozent. Gelenkbeschwerden treten in Europa im Vergleich zu den USA mit sieben Prozent relativ selten auf. Die serologische Diagnostik der Borreliose wird durch die hohe Rate einer klinisch stummen Durchseuchung erheblich erschwert. In dem eigenen Patientenkollektiv fand sich bei 6 775 Patienten eine Quote von 24 Prozent IgG-positiven Patienten. Die Ergebnisse einer Schweizer Studie ergaben jedoch bei gesunden Blutspendern eine im Vergleich zu neurologisch erkrankten Patienten eine praktisch identisch hohe Rate von IgG-positiven Probanden. Der derzeit verläßlichste serologische Marker für eine Neuroborreliose ist der liquordiagnostische Nachweis einer spezifischen intrathekalen Antikörperproduktion.
Eine in Kooperation mit dem Bundesministerium für Verteidigung durchgeführte prospektive Doppelblinduntersuchung von mehr als 1 000 Soldaten zum Infektions- und Erkrankungsrisiko von Bundeswehrsoldaten im Saarland ergab, daß sich die Rate der Borreliose-IgG-positiven Rekruten im Verlauf des Wehrdienstes von 5,5 auf 7,7 Prozent erhöhte. Manifeste Borrelioseerkrankungen traten jedoch nur ganz vereinzelt auf. Interessanterweise klagten die seropositiven Soldaten in einer standardisierten Doppelblindbefragung jedoch signifikant häufiger über ein allgemeines Krankheitsgefühl und häufige Müdigkeit als die seronegativen. Treib wies bezüglich der FSME darauf hin, daß bei Erwachsenen im Vergleich zu Kindern neben der meningitischen Verlaufsform häufiger auch eine enzephalitische und radikulitische Beteiligung vorkommt, die häufiger eine schlechtere Prognose aufweist. Neben dem Auftreten von Erkrankungen in den klassischen Endemiegebieten in Baden-Württemberg und Bayern seien in den letzten Jahren auch vereinzelt Fälle in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland beobachtet worden. Im Saarland sei das FSME-Virus gentechnisch in Zecken nachgewiesen worden. Abgesehen von einer Region im Odenwald sei die Inzidenz dieser Erkrankung in diesen "Niedrigrisikogebieten" jedoch zu gering, um eine generelle Impfempfehlung zu rechtfertigen.
Verbreitung der FSME
Gerhard Dobler, Bayerische Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen, wies darauf hin, daß das Erkrankungsrisiko bei FSME weltweit in den einzelnen Regionen sehr unterschiedlich ist, worauf auch die einzelnen Impfempfehlungen individuell auszurichten sind.
In Skandinavien sind die südwestlichen Küstenregionen Norwegens, die Südostküste Schwedens, insbesondere die Region um Stockholm mit ihren vorgelagerten Inseln, und ein kleines Gebiet an der Südwestküste Finnlands mit den dort vorgelagerten Aland-Inseln, FSME-Endemiegebiete. Während die norwegischen und finnischen Endemiegebiete als gering aktiv, das heißt mit wenigen Erkrankungsfällen einzuschätzen sind, wird dagegen in Schweden in den betroffenen Regionen jährlich eine größere Zahl menschlicher Erkrankungen registriert, die auf eine erhöhte Virusaktivität hindeuten. In Norwegen scheint ein dem FSME-Virus verwandter Erreger, das sogenannte Louping-ill-Virus vorzukommen, das eine der FSME ähnliche Erkrankung beim Menschen hervorrufen kann.
Die britischen Inseln gelten ebenfalls als FSME-frei. Allerdings findet man dort das schon erwähnte Louping-illVirus. Bei den westlichen Nachbarn Deutschlands finden sich zwei kleine, gering aktive Herde. Einer dieser Herde liegt im Elsaß und ein weiterer befindet sich westlich des Saarlandes. Die westlich davon gelegenen Regionen Frankreichs sind FSME-frei. Die Benelux-Länder sind ebenfalls FSME-frei. Das gleiche gilt für die Iberische Halbinsel. Dort wurde allerdings ebenfalls das Louping-ill-Virus isoliert. Menschliche Erkrankungsfälle wurden bisher allerdings nicht bekannt.
Südlich Deutschlands finden sich Herde in der Schweiz, in Italien und Österreich. In der Schweiz sind vor allem Endemieherde um den Bodensee und entlang des Rheins zu finden. Weitere kleinere Herde finden sich vor allem in den nördlichen Kantonen in Regionen unterhalb 1 000 Höhenmetern. In Italien sind zwei kleinere Herde mit geringer Aktivität bekannt. Seit vielen Jahren treten in der Toskana vereinzelt Erkrankungsfälle auf. Vor wenigen Jahren wurde ein weiterer FSME-Herd im Trentino entdeckt. Alle weiteren Regionen Italiens, vor allem die beliebten Urlaubsgebiete an den Meeresküsten sind FSME-frei. Große Teile Österreichs zählen zu FSME-Gebieten. Vor allem entlang der Donau, um Wien und in großen Teilen der Steiermark und Kärntens finden sich hochaktive Herde. In den letzten Jahren zeigt sich zunehmend, daß die FSME in vielen Regionen Österreichs unterhalb 1 000 Höhenmetern mit entsprechender Vegetation vorkommen kann.
Die eigentlichen Endemiegebiete der FSME liegen im Südosten und Osten Europas und ziehen sich weiter in die Taigaregionen Rußlands und der angrenzenden Regionen. In der Slowakei sind vor allem die nördlich der Donau angrenzenden Regionen, insbesondere um Bratislava Hochendemiegebiete. In der Tschechischen Republik zählen vor allem die Flußniederungen in der Umgebung von Prag zu den hauptsächlichen Verbreitungsgebieten. In Polen liegen die Hauptendemieherde im Nordosten in den Distrikten Bialystok, Suwalki und Olsztyn. Auch südlich von Krakau werden immer wieder Erkrankungsfälle beobachtet. Vereinzelte Erkrankungsfälle treten auch verstreut in Polen auf. Die drei baltischen Länder zählen nach wie vor zu den Regionen mit den höchsten Erkrankungszahlen in Europa. Sie gelten als hochendemische Regionen.
Im Südosten Europas setzen sich die FSME-Regionen Österreichs und der Slowakei in das sogenannte Pannonische Verbreitungsgebiet fort. In Ungarn sind vor allem die Regionen nördlich und westlich der Donau einschließlich des Plattensees betroffen. In den Gebieten des ehemaligen Jugoslawien liegen endemische Herde vor allem im Norden zwischen Soave und Drau beziehungsweise Donau. An der Adria waren früher vereinzelte Herde von FSME auf den Adria-Inseln bekannt. Ihre Aktivität ist unbekannt, da in den letzten Jahren keine Erkrankungsfälle bekannt wurden. In Albanien werden aus allen Landesteilen vereinzelte Erkrankungsfälle gemeldet. Von Bulgarien und Rumänien existieren keine verläßlichen Daten über die Verbreitung und Erkrankungszahlen. In Griechenland wurden vereinzelte Erkrankungsfälle in einem Herd in der Nähe von Thessaloniki bekannt. Die Aktivität dürfte allerdings äußerst gering sein.
Die höchste Anzahl von Erkrankungen wird jährlich aus den Taigaregionen Rußlands gemeldet. Die gesamte Taigaregion ist als hochendemisch für die östliche Variante des FSME-Virus (Russische Frühjahrs-SommerEnzephalitis) anzusehen. Die Herde setzen sich bis in den fernen Osten an die Pazifikküste fort. In den letzten Jahren wurden aus den angrenzenden nördlichen Regionen Chinas FSMEErkrankungsfälle bekannt und ebenfalls aus Hokkaido, der nördlichen japanischen Insel. Alle übrigen Regionen der Erde (Afrika, Australien und Amerika) gelten als FSME-frei.
MS-Multicenterstudie geplant
Aufgrund des möglichen Zusammenhangs zwischen einer Infektion mit Chlamydia pneumoniae und der multiplen Sklerose sowie der sich hieraus ergebenden möglichen therapeutischen Optionen, initiierte die Neurologische Universitätsklinik Homburg/Saar unter Leitung von Anton Haaß und Johannes Treib eine plazebokontrollierte Multicenter-Pilotstudie. In dieser voraussichtlich Ende diesen Jahres beginnenden Untersuchung soll die klinische Wirksamkeit einer Antibiotikatherapie mit Roxithromycin (Rulid) untersucht werden. Die Studie soll in Kooperation mit dem Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Medizinischen Universität Lübeck sowie der Abteilung für Infektiologie der Universitätskliniken Frankfurt/Main mit Unterstützung der Firma Hoechst Marion Roussel, Bad Soden, durchgeführt werden.


Priv.-Doz. Dr. med. Johannes Treib
Prof. Dr. med. Anton Haaß
Neurologische Klinik
Universitätskliniken des Saarlandes
Kirrbergerstraße
66421 Homburg/Saar

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