MEDIZIN: Der klinische Schnappschuss

Amour fou mit 77

Amour fou at age 77

Dtsch Arztebl Int 2018; 115(31-32): 527; DOI: 10.3238/arztebl.2018.0527

Lüttge, Antonia; Bschor, Tom

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Eine altersberentete, somatisch gesunde Buchhalterin war seit Jahrzehnten in Psychotherapien wegen Ängstlichkeit und Eheproblemen, sie entwickelte eine Low-dose-Benzodiazepinabhängigkeit. Nach 43 monogamen Ehejahren verwitwete sie und begann 1¼ Jahre später eine Liebesbeziehung mit ihrem 80-jährigen, verheirateten Wohnungsnachbarn mit obsessiver Verliebtheit und intensivem sexuellem Offenbarungserlebnis. Schuldgefühle und wesensfremdes Erleben/Verhalten wurden tiefenpsychologisch-ärztlich bearbeitet. Nach Abwendung des Liebhabers wurden aufgrund schwerer gedanklicher und emotionaler Einengung und Suizidgedanken zweimal eine stationär-psychiatrische Behandlung und eine intensive ambulante Psychotherapie erforderlich. Ein demenzielles Syndrom, Wahnkriterien oder klinisch-neurologische Auffälligkeiten bestanden nicht. Wegen Therapieresistenz, gedanklicher Rigidität und Wesensfremdheit der sexuellen Obsession erfolgte ein cMRT: Dies ergab einen Überraschungsbefund eines Subduralhämatoms mit alten und frischen Anteilen, Mittellinienverlagerung und beginnender transtentorieller Hernierung. Bei der sofortigen Bohrlochtrepanation entleerten sich auch frische Hämatomanteile. Im Vorfeld wurde keine Antikoagulation durchgeführt und es hatte auch keinen Sturz zuvor gegeben. Diagnostiziert wurde nun eine organisch bedingte Wesensänderung (ICD-10:F07.0). In der Katamnese nach 2,5 Monaten zeigte sich eine nur teilweise Distanzierung von der sexuell-amourösen Einengung, aber keine Kontaktaufnahme mehr zum Nachbarn.

cMRT präoperativ: T2-Flair axial und T2 frontal. Im postoperativen cCT (nicht abgebildet): Rest-Hygrom und bleibender Hirnparenchymschaden (Seitenventrikelausziehung der betroffenen Seite).
cMRT präoperativ: T2-Flair axial und T2 frontal. Im postoperativen cCT (nicht abgebildet): Rest-Hygrom und bleibender Hirnparenchymschaden (Seitenventrikelausziehung der betroffenen Seite).
Abbildung
cMRT präoperativ: T2-Flair axial und T2 frontal. Im postoperativen cCT (nicht abgebildet): Rest-Hygrom und bleibender Hirnparenchymschaden (Seitenventrikelausziehung der betroffenen Seite).

Antonia Lüttge, Prof. Dr. med. Tom Bschor, Abteilung für Psychiatrie, Schlosspark-Klinik, Berlin, bschor@schlosspark-klinik.de

Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Zitierweise: Lüttge A, Bschor T: Amour fou at age 77. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 527. DOI: 10.3238/arztebl.2018.0527

►Vergrößerte Abbildung und englische Übersetzung unter: www.aerzteblatt.de

cMRT präoperativ: T2-Flair axial und T2 frontal. Im postoperativen cCT (nicht abgebildet): Rest-Hygrom und bleibender Hirnparenchymschaden (Seitenventrikelausziehung der betroffenen Seite).
cMRT präoperativ: T2-Flair axial und T2 frontal. Im postoperativen cCT (nicht abgebildet): Rest-Hygrom und bleibender Hirnparenchymschaden (Seitenventrikelausziehung der betroffenen Seite).
Abbildung
cMRT präoperativ: T2-Flair axial und T2 frontal. Im postoperativen cCT (nicht abgebildet): Rest-Hygrom und bleibender Hirnparenchymschaden (Seitenventrikelausziehung der betroffenen Seite).

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