ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2018Unkomplizierte Zystitis: „Alte“ Antibiotika sehr wirksam

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Unkomplizierte Zystitis: „Alte“ Antibiotika sehr wirksam

Dtsch Arztebl 2018; 115(31-32): A-1442

Schulte Strathaus, Regine

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Unkomplizierte Harnwegsinfektionen (HWI) gehören bei Frauen mit zu den häufigsten bakteriell bedingten Infektionen mit hoher Rezidivrate. Obwohl es häufig zu Spontanheilungen kommt, hat eine Antibiotika-Kurzzeittherapie mit bewährten Substanzen Vorteile.

Zystitiden treffen viele Frauen (40 %) oft noch vor dem 26. Lebensjahr (30 %). Rund ein Drittel entwickelt Rezidive, oftmals mit 3 oder mehr akuten Episoden pro Jahr. Bei ebenso vielen Frauen korrelieren die akuten Episoden mit vorangegangenem Geschlechtsverkehr (1). Diese Daten präsentierte der Urologe Prof. Dr. med. Kurt G. Naber, Straubing, in Frankfurt. Für Diagnostik und Therapie sei die Unterscheidung zwischen unkomplizierter und komplizierter Zystitis sowie zwischen unteren und oberen Harnwegsinfekten (HWI) bedeutsam.

Anomalien ausschließen

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Naber verwies auf die Diagnosekriterien, die in der 2017 aktualisierten AWMF-S3-Leitlinie (2) fixiert seien. So heißt es dort, dass eine unkomplizierte Zystitis vorliege, wenn im Harntrakt keine relevanten funktionellen oder anatomischen Anomalien, keine relevanten Nierenfunktionsstörungen sowie keine relevanten Begleiterkrankungen vorlägen, die eine HWI mit gravierenden Komplikationen begünstigen. Naber betonte die Wichtigkeit der Begriffe Relevanz und Anomalie, um auszuschließen, „dass es sich nicht um eine komplizierte, sondern oftmals nur um eine benigne Form der Zystitis handelt“. Diese heile, so zeigten einige Placebo kontrollierte Studien (3), oftmals auch spontan ab. Denn die akute unkomplizierte Zystitis (AUZ) sei, laut Studienlage, die bei Frauen häufigste Form.

Eine untere Zystitis liege vor, wenn sich die Symptome nur auf den unteren Harntrakt begrenzten, zum Beispiel Dysurie, Pollakisurie, Schmerzen oberhalb der Symphyse (AV). Eine Pyelonephritis mache sich zusätzlich durch einen Flankenschmerz, ein klopfschmerzhaftes Nierenlager und/oder Fieber (> 38 °C) bemerkbar. Differenzialdiagnostisch abzuklären seien Entzündungen der Scheide, Harnröhreninfektionen, genitale Infektionen sowie Salpingitis oder Adnexitis. Für die klinische Diagnostik sollten möglichst zuverlässige Verfahren, wie beispielsweise der Acute Cystitis Symptom Score (ACSS) gewählt werden (4).

Der Begriff „asymptomatische HWI“ solle nicht mehr verwendet werden, da er nicht zwischen den beiden Formen der klinisch symptomatischen HWI und der asymptomatischen Bakteriurie (ABU) unterscheide. E. Coli sei bei 80 % der Zystitiden der Leitkeim, gefolgt von Klebsiella spp. Bei der Diagnostik einer HWI sei der mikrobiologische Befund jeweils nur im Zusammenhang mit den klinischen Symptomen und möglichen Begleiterkrankungen zu berücksichtigen. So bedürfe die ABU in der Regel keiner antibiotischen Behandlung. Allerdings könnten, trotz hoher Spontanheilungsraten, mittels einer Antibiotika-Kurzzeittherapie innerhalb einer Woche doppelt so hohe Heilungsraten (80–90 %) erzielt werden. Wegen der ansteigenden Resistenzraten gegen die sogenannten Standardantibiotika, wie Amoxicillin, orale Cephalosporine, Cotrimoxazol, teilweise auch Fluorchinolone, speziell von E. coli, lauteten die Empfehlungen in den Leitlinien nur ältere orale Antibiotika bevorzugt zu verwenden, da gegenüber diesen Antibiotika die Empfindlichkeitsraten von E. coli noch über 90 % betrügen (5). Dazu zählten: Fosfomycin-Trometamol 3 g Einmaldosis, Nitrofurantoin 50 mg 4 × tgl./7 Tage oder 100 mg retard 2 × tgl./5 Tage, Nitroxolin 250 mg 3 × tgl./5 Tage, Pivmecillinam 400 mg 3 x tgl./3 Tage.

Zu den geeigneten Antibiotika zur Therapie der akuten unkomplizierten Zystitis rückt auch Pivmecillinam (Pivmelam®, Apogepha), ein Aminopenicillin aus der Wirkstoffgruppe der ß-Lactam-Antibiotika mit dem aktiven Metaboliten Mecillinam in den Fokus. Wie Dr. med. Jennifer Kanz, Eschweiler, erläuterte, wirke Mecillinam durch Blockade des Penicillin-Bindeproteins 2 (PBP2) antibakteriell, indem die Zellwand-Biosynthese während der Logphase des bakteriellen Wachstums behindert werde. Da es besonders gegen Gram-negative Bakterien wirksam sei, werde es bereits seit den späten 70er-Jahren vor allem in den skandinavischen Ländern bei Zystitiden eingesetzt.

Wenige Resistenzen

Außerdem sei die Resistenzlage von Pivmelam vorteilhaft. Deutsche Daten zeigten, dass nur 2 % einer Stichprobe als resistent einzustufen waren. Auch für Schwangere, Stillende und Kinder ab 6 Jahren sei Pivmecillinam als bewährtes Antibiotikum geeignet. Regine Schulte Strathaus

Quelle: Pressekonferenz „Pivmelam® – Denn es geht auch präziser! Antibiotika-Resistenzen und gezielter Einsatz von Antibiotika bei akuter unkomplizierter Zystitis“, am 3. Mai 2018, Frankfurt.
Veranstalter: Apogepha.

1.
Foxman B. Dis Mon. 2003; 49 (2): 53–70.
2.
Wagenlehner FME, et al.: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/043–044l_S3_
Harnwegsinfektionen_2017–05.pdf (last accessed on 18. July 2018).
3.
Ferry SA, et al.: Scand J Infect Dis. 2004; 36 (4): 296–301.
4.
Alidjanov JF, et al.: Urol Int. 2016; 97 (4): 402–9.
5.
Naber KG, et al.: Eur Urol. 2008; 54 (5):1164–75.
1.Foxman B. Dis Mon. 2003; 49 (2): 53–70.
2.Wagenlehner FME, et al.: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/043–044l_S3_
Harnwegsinfektionen_2017–05.pdf (last accessed on 18. July 2018).
3.Ferry SA, et al.: Scand J Infect Dis. 2004; 36 (4): 296–301.
4.Alidjanov JF, et al.: Urol Int. 2016; 97 (4): 402–9.
5.Naber KG, et al.: Eur Urol. 2008; 54 (5):1164–75.

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