ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2018Medizinische Ambulanz ohne Grenzen: Einsatz für Menschen in Not

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Medizinische Ambulanz ohne Grenzen: Einsatz für Menschen in Not

Dtsch Arztebl 2018; 115(31-32): A-1430 / B-1204 / C-1196

Spielberg, Petra

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In einer kleinen Poliklinik in Mainz behandeln Ärztinnen und Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen ehrenamtlich Menschen, die durch die Maschen des Gesundheitssystems gerutscht sind.

Foto: Andreas Reeg
Foto: Andreas Reeg

Dr. med. Joachim Kormannshaus nimmt sich viel Zeit für seine Patienten. Dass er sich diesen Luxus leisten kann, hat viel mit seinem Arbeitsort zu tun. Denn der Allgemeinarzt engagiert sich seit rund zweieinhalb Jahren in der Medizinischen Ambulanz des Vereins Armut und Gesundheit in Mainz. „Hier gelten andere Regeln als im üblichen Medizinbetrieb“, sagt Kormannshaus. Zwar wirkt die Ambulanz auf den ersten Blick wie eine normale kleine Poliklinik. Vom hellen Praxisflur mit seinen bunt bemalten Wänden und knallblauen Türen zweigen ein Empfangsraum, ein Wartebereich und mehrere Behandlungszimmer ab. Doch auf den zweiten Blick ist erkennbar, dass hier tatsächlich einiges anders ist. Bei der etwas unmodern, aber professionell wirkenden Ausstattung zum Beispiel handelt es sich ausschließlich um Spenden von Ärzten. Die Wandgemälde wiederum stammen von einem Patienten.

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Der Verein trägt die Kosten

In der Ambulanz werden ausnahmslos Menschen behandelt, die keinen Zugang zur medizinischen Regelversorgung haben oder über einen unzureichenden Versicherungsschutz verfügen. Dazu zählen Wohnungslose, Asylbewerber, Flüchtlinge, Haftentlassene, Menschen ohne Aufenthaltspapiere sowie ehemals privat Versicherte, die sich die Beiträge nicht mehr leisten können. Für sie ist die im Mai 2013 am Rande der Mainzer Altstadt in Räumen der ehemaligen Festung eröffnete Ambulanz oftmals die einzige Anlaufstelle, um sich medizinisch versorgen zu lassen. Hier müssen sie keine Krankenversichertenkarte vorzeigen oder die Behandlung aus der eigenen Tasche bezahlen. Denn der Verein übernimmt die Kosten für die medizinische Versorgung und die Medikamente.

„Jeder Mensch ist wertvoll und hat ein Recht darauf, behandelt zu werden“, begründet Kormannshaus sein Engagement. Hoffnung geben, Perspektiven aufzeigen und jedem Patienten unvoreingenommen begegnen, sind die Prinzipien, die ihn leiten. Jeweils montags und freitags von zehn bis zwölf Uhr hält der 68-Jährige im „kreativen Ruhestand“, wie er selbst sagt, in der Ambulanz seine Sprechstunde ab. Ein Honorar erhält dafür nicht. Ebenso wenig wie die anderen 30 Ärztinnen und Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen, die sich an fünf Tagen in der Woche um die Hilfesuchenden kümmern. Zur Standarddiagnostik stehen EKG und Ultraschall sowie gynäkologische, chirurgische und zahnärztliche Geräte zur Verfügung. Den Ärzten zur Seite stehen mehrere Arzthelferinnen, Pflegepersonal, ein Hebammenteam und zwei Sozialarbeiterinnen, die entweder ebenfalls ehrenamtlich arbeiten oder vom Verein bezahlt werden.

„Viele Ärztinnen und Ärzte sind bereits pensioniert, einige stehen aber noch mitten im Berufsleben“, sagt Prof. Dr. med. Gerhard Trabert, Vorsitzender des Vereins Armut und Gesundheit und Initiator der Ambulanz. Im Schnitt suchen pro Tag zehn bis 15 Patienten die Ambulanz auf. Manche kommen nur, um sich den Blutdruck messen zu lassen oder wegen der sozialen Ansprache. Andere sind schwer krank, leiden an Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Aber auch gynäkologische Vorsorgeleistungen und die Betreuung von Schwangeren gehören zum Leistungsangebot der Ambulanz.

„Meine Vision ist es, eine kleine Armutsklinik mit zehn Betten und verschiedenen Fachdisziplinen zu errichten.“ Gerhard Trabert, Vorsitzender des Vereins Armut und Gesundheit. Foto: dpa
„Meine Vision ist es, eine kleine Armutsklinik mit zehn Betten und verschiedenen Fachdisziplinen zu errichten.“ Gerhard Trabert, Vorsitzender des Vereins Armut und Gesundheit. Foto: dpa

Es kommen viele Flüchtlinge

„Viele Frauen interessieren sich für das Thema Kontrazeption“, berichtet Dr. med. Antje Lebrecht. Die Gynäkologin, die an der Universitätsfrauenklinik Mainz das Brustzentrum betreut, arbeitet bereits seit Herbst 2013 für die Ambulanz und gehört somit zu den Helfern der ersten Stunde. „Ich wollte mich in meinem nahen Lebensumfeld sozial engagieren“, erklärt die Oberärztin. Über die Jahre hat die 55-Jährige mitbekommen, wie sich das Patientenspektrum verändert hat. „Anfangs hatten wir viele EU-Bürger ohne Versicherungsschutz“, sagt Lebrecht. Inzwischen kämen zum Beispiel in die gynäkologische Sprechstunde vornehmlich schwangere Flüchtlingsfrauen.

Insgesamt betreut die Ambulanz Trabert zufolge Menschen aus über 40 Nationen, wenngleich der Großteil von ihnen Deutsche sind. Bei Bedarf stehen Ärzten und Patienten ein Dolmetscher, Anamnesebögen in verschiedenen Sprachen sowie kleine Ratgeberhefte auf Deutsch-Arabisch oder Deutsch-Farsi zur Verfügung. Hausbesuche gehören ebenso zum medizinischen Angebot wie Patenschaften. Kormannshaus beispielsweise betreut einen schizophrenen Patienten, der krankheitsbedingt seine Wohnung nicht verlassen will.

Die Idee für die Ambulanz kam Trabert bei seiner Arbeit mit dem Arztmobil, mit dem der Allgemeinarzt seit Mitte der 1990er-Jahre auf den Straßen von Mainz und Bingen unterwegs ist, um Obdachlose medizinisch zu betreuen. „Mit der Zeit suchten immer mehr Menschen in prekären Lebenslagen das Arztmobil auf. Die Anforderungen auch an die Versorgung stiegen von Jahr zu Jahr, sodass schließlich die Idee entstand, eine stationäre multi- und interdisziplinäre Anlaufstelle zu gründen“, berichtet Trabert. Sein Ziel sei es jedoch nicht, eine medizinische Versorgung dritter Klasse zu schaffen, sondern die Patienten in das bestehende Gesundheitssystem zu (re)integrieren und ihnen im Umgang mit Behörden, Krankenkassen und Unternehmen zu helfen. „Dabei unterstützen sie unsere Sozialarbeiterinnen, denn viele Patienten wissen nicht, welche Rechte sie haben, oder sind aufgrund der bürokratischen Hindernisse und dem ihnen entgegengebrachten Misstrauen frustriert“, erklärt Trabert. Teilweise würden die Patienten aber auch respektlos und geringschätzig behandelt und zudem immer wieder nicht rechtskonform beraten und informiert.

15 000 Euro für Arzneimittel

Um die Patienten umfassend betreuen zu können, bestehen Kooperationsvereinbarungen mit einer radiologischen Praxis in der Mainzer Südstadt sowie mit dem Vinzenz-Krankenhaus. Darüber hinaus beschafft der Verein Apotheker ohne Grenzen für die Ambulanz Medikamente zum Einkaufspreis. „Allein die Kosten für Arzneimittel belaufen sich pro Jahr auf etwa 15 000 Euro“, rechnet Trabert vor. Zwei Krankenwohnungen, die eine in den Räumen der Festung, die andere in der Innenstadt, dienen vornehmlich dazu, Patienten mit multiplen Erkrankungen sowie EU-Bürger ohne Sozialleistungsanspruch, die über einen längeren Zeitraum eine regelmäßige medizinische Betreuung benötigen, zu versorgen.

Die Patienten danken dem Team der Ambulanz ihr Engagement auf ihre Weise. Manche weinen, einige sind einfach nur glücklich, dass ihnen einmal jemand zuhört und hilft, wieder andere schenken den Mitarbeitern Blumen oder einen selbst gebackenen Kuchen. „Unsere Patienten schenken uns Authentizität, Empathie und eine wertschätzende Kommunikation. Dies ist eine besondere Form der Begegnung“, betont Trabert.

Für die Zukunft hat der Allgemeinarzt aber noch weitere Pläne. „Meine Vision ist es, eine kleine Armutsklinik mit zehn Betten und verschiedenen Fachdisziplinen zu errichten“, sagt er. Dass ein solches Projekt in einem so wohlhabenden Land wie Deutschland eine gewisse Provokation darstellt, ist Trabert durchaus bewusst. Es ist ihm aber egal. Bislang fehlt dem Verein für das Vorhaben allerdings noch das Geld. Petra Spielberg

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