ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2018Perioperative Anämie: Mehr thromboembolische Komplikationen durch Erythrozytentransfusionen

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Perioperative Anämie: Mehr thromboembolische Komplikationen durch Erythrozytentransfusionen

Dtsch Arztebl 2018; 115(31-32): A-1441 / B-1216 / C-1208

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: Tobilander/stock.adobe.com
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Eine perioperative Anämie kann früheren Studien zufolge die Morbidität und möglicherweise auch die Mortalität des Patienten erhöhen. Zu den prinzipiellen Therapieoptionen gehören Erythrozytentransfusionen. In einer US-amerikanischen Studie ist erneut die Sicherheit von Erythrozytentransfusionen untersucht worden.

Datenbasis war das Register „National Surgical Quality Improvement Program des American College of Surgery“ an dem sich 525 Kliniken in den USA beteiligen. Von 750 937 Operierten des Jahres 2014 waren die Therapieverläufe dokumentiert. 47 410 (6,3 %) erhielten perioperativ mindestens eine Erythrozytentransfusion (Transfusionsereignis). Primärer Endpunkt: die Diagnose tiefe Venenthrombose bis 30 Tage postoperativ.

Es gab bei 6 309 der 750 937 Patienten venöse Thromboembolien, also bei 0,8 % der Operierten. Bei 4 336 Teilnehmern (0,6 %) dokumentierten die Forscher tiefe venöse Thrombosen, bei 2 514 (0,3 %) entwickelte sich eine Lungenembolie und bei 541 Patienten (0,1 %) traten beide Komplikationen auf. Nach Berücksichtigung von 11 Einflussfaktoren ergab sich im Vergleich mit nichttransfundierten Teilnehmern eine Odds Ratio (OR) von 2,1 für venöse Thromboembolien nach Transfusion (95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [2,0; 2,3]; statistisch signifikant). Für tiefe Venenthrombosen betrug die adjustierte OR (aOR) 2,2 und für Lungenembolien 1,9. Das Risiko für tiefe Venenthrombosen war dosisabhängig: Bei nur 1 Transfusionsereignis betrug die aOR 2,1, bei 2 Ereignissen lag sie bei 3,1 und bei ≥ 3 Ereignissen bei 4,5 im Vergleich zu Patienten ohne Transfusion.

Zur verstärkten Thromboseneigung könnten rheologische Faktoren beitragen, so die Autoren, aber auch biologische Eigenschaften der allogenen Erythrozyten wie die Modulation von Entzündungskaskaden. Die Lagerung der Erythrozyten könne ebenfalls proinflammatorische Prozesse auslösen.

Fazit: „Blut rettet Leben. Wichtig ist aber auch, dass jede Transfusion trotz Hightechmedizin mit einem Restrisiko verbunden bleibt und eher eine ‚Transplantation des flüssigen Organs Blut‘ ist als eine Art Vitaminspritze“, kommentiert Prof. Dr. med. Patrick Meybohm von der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie des Universitätsklinikums Frankfurt. Das größte Risiko im klinischen Alltag sei die Fehltransfusion durch Verwechslungen bei der Blutabnahme oder der Patientenidentifizierung (bei ca. 1/3 000 Patienten). „Seit wenigen Jahren rücken zunehmend thromboembolische Komplikationen bei transfundierten Patienten in den Fokus. Die aktuelle Arbeit mit mehr als 750 000 Patienten zeigt nun überraschend ein erhöhtes Risiko für tiefe Beinvenenthrombosen und Lungenarterienembolien. Dies unterstützt einmal mehr den Ansatz einer patientenindividuellen Nutzen-Risiko-Abwägung und der Vermeidung unnötiger Transfusionen.“

Dr. rer. nat . Nicola Siegmund-Schultze

Goel R, Patel EU, Cushing MM, et al.: Association of perioperative red blood cell transfusions with venous thromboembolism in a north american registry. JAMA Surg 2018; doi:10.1001/jamasurg.2018.1565.

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