ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2018Antike „Medizinethik“: Ethisch-moralisches Aufladen
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Zu den Ausführungen von Prof. Leven lässt sich ergänzen, dass der hippokratische Eid beziehungsweise die ihm zugrunde liegenden Maximen als Qualitätsbekenntnis oder gleichsam als „Satzung“ der hippokratischen Schule interpretiert werden kann. Insofern war der Eid die Quintessenz dessen, was innerhalb der hippokratischen Ärzte und ihrer Epigonen als Qualitätsstandards formuliert wurde, besonders auch in Abgrenzung zu konkurrierenden Ärzteschulen. Damit konnte er auch als Manifest einer corporate identity, vielleicht auch als Marketinginstrument dienen, auch wenn davon nichts überliefert ist.

Im Laufe der Zeit wurde der Eid in der Interpretation immer mehr ethisch-moralisch aufgeladen und die pragmatischen und damit urgriechischen Gesichtspunkte traten in den Hintergrund. Die angesprochenen Verbote im hippokratischen Eid sind vor dem Hintergrund eines drohenden Prestigeverlustes zu sehen, nicht etwa primär als (im modernen Sinne) ethisch basierte Handlungsanweisungen. Somit trugen die formulierten Grundsätze vor allem der bestehenden Konkurrenzsituation, den monetären Interessen und der sozialen Absicherung der ärztlichen Kollegen sowie dem Fortbestand der hippokratischen Schule Rechnung.

Das Ansehen der Ärzte war in der Antike, nicht zuletzt wegen des oftmals vergleichsweise geringen therapeutischen Erfolgs, generell durchaus nicht positiv. Die Tötung eines Patienten oder eine nicht sachgerecht durchgeführte chirurgische Maßnahme wäre womöglich negativ auf die gesamte hippokratische Gemeinschaft zurückgefallen. Mit dem Tötungsverbot des Eides, das in einem anderen historisch-sozialen Kontext steht, in der aktuellen Sterbehilfedebatte zu argumentieren, ist daher nicht angebracht. Wie im Beitrag deutlich gemacht, verzerrt die übliche präsentistische Projektion neuzeitlicher ethischer Konzepte und die traditionalistische Lesart die Wahrnehmung der eigentlichen Intention des Eides.

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Dr. med. Benedikt Lampl, 93049 Regensburg

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