ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2018Chronische Depression: Wichtigkeit der erweiterten Erinnerungsarbeit

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Chronische Depression: Wichtigkeit der erweiterten Erinnerungsarbeit

PP 17, Ausgabe August 2018, Seite 370

Sasse, Heiner

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In der Reihe Psychodynamik Kompakt, herausgegeben von Franz Resch und Inge Seiffge-Krenke, gibt die Autorin in der gewünschten Kürze einen guten Überblick über den aktuellen Stand zu den drei Titelschwerpunkten. Leuzinger-Bohleber ist nach Praxis-, Theorie- und Forschungsarbeiten zur chronischen Depression eine sehr gute Übersichtsarbeit gelungen. Nach einer Einleitung über die Häufigkeit, Schwere und das Leiden wie auch über die Kosten von chronischer Depression kommt sie zu den Schwerpunkten. Sie erläutert anhand von eigenen Forschungsergebnissen und unter Einbeziehung wichtiger Autoren aus unterschiedlichsten Wissensgebieten die Bedeutung von traumatisierenden Erfahrungen und deren körperlichen Erinnerungsprozessen. Dazu stellt sie aktuelle Definitionen von Traumakonzepten, insbesondere auch viele psychoanalytische Konzepte vor, in denen der Zusammenhang zwischen Traumata und chronischer Depression dargestellt wird. Sie beschreibt zunächst die Bedeutung und die Auswirkungen von Traumatisierungen: genetische, epigenetische, interpersonelle wie institutionelle, persönliche und transgenerative Einflüsse werden berücksichtigt. Diese Einflüsse müssen nach ihrer Auffassung in einer narrativen wie sinnstiftenden psychotherapeutischen Dimension, also auch mit den unbewussten Dimensionen, in einem langfristigen therapeutischen Arbeitsbündnis durchgearbeitet werden. In dem zweiten Fallbeispiel dokumentiert sie diese Arbeit an der Veränderung der manifesten wie latenten Trauminhalte eines schwer erkrankten Patienten.

Mit dem Konzept der Embodied Memories greift sie das bisherige Verständnis von Erinnerungs- und Gedächtnisbildung an. Sie begründet einen Paradigmenwechsel von der klassischen Auffassung, einer Aufteilung in implizite, prozedurale versus deklarative Anteile, die eher mechanistisch, wie Computerspeicherungen gedacht wurden, hin zu einer lebendig-komplexen Gedächtnisbildung, in der sich ständig auch körperliche Anpassungsveränderungen vollziehen. Dazu diskutiert sie in einer erheblichen Breite aktuelle neurowissenschaftliche und psychoanalytische Daten wie Perspektiven. Die Bedeutsamkeit der auch verkörperlichten Erfahrungen während der Traumatisierungen zeigt sich in dem ersten Fallbeispiel, in dem gravierende konkrete Körpersymptome in einen engen Zusammenhang mit der traumatisierenden Situation gestellt werden. Leuzinger-Bohleber betont die Wichtigkeit der erweiterten Erinnerungsarbeit im therapeutischen Prozess und eröffnet dadurch viele möglicherweise sehr hilfreiche Perspektiven. Die Weiterentwicklung dieser Perspektive, gerade im praxeologischen Feld, erscheint zwangsläufig wie aufregend.

Die Mischung aus einer breiten wissenschaftlichen Basis und der Annäherung an eine humane, notwendige wie zweckmäßige Behandlungskonzeption macht das Lesen zu einem lernenden und interessanten wie konkret miterlebenden und einfühlbaren Ereignis. Heiner Sasse

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Marianne Leuzinger-Bohleber: Chronische Depression, Trauma und Embodiment. Eine transgenerative Perspektive in psychoanaly-tischen Behandlungen. Vandenhoeck & Rup-recht Verlag, Göttingen 2018, 72 Seiten, kartoniert, 10,00 Euro

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