ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2018Friedrich Liebling (1893–1982): Therapie als Weg der Befreiung

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Friedrich Liebling (1893–1982): Therapie als Weg der Befreiung

PP 17, Ausgabe August 2018, Seite 356

Goddemeier, Christof

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„Wenn wir uns über Psychologie unterhalten, müssen wir wissen, dass keiner von uns, auch alle andern nicht, die sich Psychologen nennen, im Stande ist, das Problem wirklich zu verstehen.“ Friedrich Liebling, 1978. Foto: Archiv Arija T./CC BY-SA 3.0
„Wenn wir uns über Psychologie unterhalten, müssen wir wissen, dass keiner von uns, auch alle andern nicht, die sich Psychologen nennen, im Stande ist, das Problem wirklich zu verstehen.“ Friedrich Liebling, 1978. Foto: Archiv Arija T./CC BY-SA 3.0

Der nicht akademisch ausgebildete Psychologe aus der Schule der Individualpsychologie Alfred Adlers war Mitbegründer der Großgruppentherapie. Seine „Zürcher Schule“ war umstritten.

Für die einen war Friedrich Liebling ein überaus gebildeter und belesener Psychologe, der in Großgruppen und Einzelgesprächen zahlreiche Menschen unterstützte und ermutigte. Kritische Stimmen finden bei der von ihm begründeten „Zürcher Schule“ Merkmale einer Sekte. Lieblings Theorie integriert Annahmen der Individualpsychologie Alfred Adlers. Darüber hinaus bildet sie ein Amalgam aus anthropologischen und ideologischen Aussagen, moralischen Prinzipien und praktischen Handlungsanweisungen. Damit spiegelte sie den Wunsch vieler Menschen nach Befreiung von autoritären, patriarchalen Strukturen wider. Allem Anschein nach wurde Liebling selbst diesem Anspruch nur teilweise gerecht.

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Friedrich Liebling wird 1893 im damals galizischen Augustowka, heute Ukraine, geboren. Nach der Matura geht er nach Wien, um dort Medizin zu studieren. Doch der Erste Weltkrieg kommt dazwischen, Liebling leistet vier Jahre Kriegsdienst an der russisch-polnischen Front und kehrt als Pazifist zurück nach Wien. Er wendet sich vom jüdischen Glauben ab und lernt seine spätere Frau Maria Ulbl kennen. Zwei Töchter werden geboren, 1929 heiraten die beiden. Soweit bekannt, erwirbt Liebling keinen akademischen Abschluss. Er geht kaufmännischen Tätigkeiten nach und beschäftigt sich als Autodidakt mit Adlers Individualpsychologie, liest anarchistische und marxistische Schriften, etwa Peter Kropotkin und Max Stirner. Zudem ist er fasziniert von Pierre Ramus (eigentlich Rudolf Großmann), der unter dem Signum von gewaltfreier Anarchie, Antimilitarismus und Geburtenkontrolle eine neue Gesellschaft propagiert. Josef Rattner nennt Liebling „einen aristokratischen Sozialisten, weil er immer und überall das Recht des Individuums gegen jegliches Kollektiv zu verteidigen pflegte“. Es ist nicht sicher, ob Liebling persönlichen Kontakt mit Adler unterhielt. Der Individualpsychologischen Gesellschaft tritt er jedenfalls nicht bei, auch gehört er nicht zum Adler-Kreis, der sich in Wien im Café Stiller oder Café Central trifft.

1938 flieht Liebling mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten in die Schweiz. Die wirtschaftliche Lage ist prekär, denn als Emigrant darf er hier zunächst nicht arbeiten. Liebling nutzt die Zeit und ist regelmäßiger Gast in der Schaffhausener Stadtbibliothek, studiert die Klassiker der Psychologie, Philosophie, Soziologie und Politik. In Artikeln für sozialistische Zeitungen stellt er Verbindungen zwischen Politik und Psychologie her. In Schaffhausen lernt Liebling den 35 Jahre jüngeren Josef Rattner kennen, der gerade sein Studium der Psychologie und Philosophie abgeschlossen hat.

1952 eröffnen Liebling und Rattner in Zürich die „Psychologische Lehr- und Beratungsstelle (PLBS)“, ab 1967 auch „Zürcher Schule“ genannt, in der die beiden fünfzehn Jahre zusammenwirken. Die Arbeit umfasst Einzelgespräche und Gruppen, Ausbildung, Filmmatineen und Referate sowie Artikel in Zeitungen und Zeitschriften. Ihre Theorie weist mit „Der Mensch ist gut“ und „Der Mensch wird“ eingängige Formeln auf. Man arbeitet mit Annahmen aus Psychologie, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte sowie Ergebnissen aus eigener Beobachtung, wobei man der Praxis größere Bedeutung beimisst als einem theoretischen Konzept. Adlers Individualpsychologie, vor allem ihre macht- und autoritätskritischen Aspekte spielen eine große Rolle, doch nicht um den Preis einer reinen Lehre. Zentral sind Charakteranalyse, Gemeinschaftsgefühl und Kulturanalyse. Wissenschaft hat einen hohen Stellenwert. Rattner bezeichnet die Psychologie anfangs als Geisteswissenschaft, im Verlauf wird sie als Naturwissenschaft aufgefasst. Jedem „Biologismus“, etwa eines Konrad Lorenz, erteilt man jedoch eine Absage und vertritt die Auffassung, dass Charaktereigenschaften und Intelligenz nicht vererbt, sondern in der jeweiligen Lebensgeschichte erworben werden. Eng verbunden mit dem wissenschaftlichen Ansatz ist die Kritik der Religion. Ähnlich wie Märchen wird Religion als Mittel der Disziplinierung und Unterwerfung verstanden. Wie bei Karl Marx und Sigmund Freud ist eine Analyse sozialer und menschlicher Fragen ohne Religionskritik nicht denkbar. Im Unterschied zur traditionellen autoritären Erziehung, die bis 1968 allgemein akzeptiert ist, vertritt die PLBS eine gewaltfreie, nicht verwöhnende Erziehung. Auch in der Politik lehnt man Gewalt ab und propagiert einen pazifistischen Humanismus. In der PLBS begegnen sich Menschen auf Augenhöhe und unterstützen sich gegenseitig. Den theoretischen Hintergrund dazu bildet Kropotkins „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (1902), ein artübergreifendes, evolutionäres Prinzip neben Charles Darwins „natürlicher Selektion“.

Prägung durch eine inhumane Kultur

1964 stellen Liebling und Rattner zwei Frauen ein Diplom aus. Danach verzichtet Liebling auf „Papiere und Titel“. Ihm zufolge sind sie Ausdruck eines Systems, das letztlich nicht dem Menschen dient, führen zu Ungleichheit und werden überschätzt: „Wenn wir uns über Psychologie unterhalten, müssen wir wissen, dass keiner von uns, auch alle andern nicht, die sich Psychologen nennen, im Stande ist, das Problem wirklich zu verstehen. Was wir unter der Flagge der Psychologie und Psychotherapie unternehmen, ist ein Versuch.“ (1978) Damit korrespondiert der Ausspruch: „Es gibt keine Psychologen.“ Mehrfach formuliert Liebling, dass „wir alle, ohne Ausnahme“ durch eine inhumane Kultur geprägt seien. Hinsichtlich psychologischer Kenntnisse und Aufklärung verortet er die Menschheit im Mittelalter.

Ausgehend von den Anregungen etwa von Samuel Slavson und Jacob Moreno führen Liebling und Rattner vermutlich als erste im deutschsprachigen Raum 1955 die Großgruppentherapie ein (3). Ihnen zufolge bringt eine inhumane Gesellschaft immer neue leidende Menschen hervor. Demgegenüber wollen Gruppe und Großgruppe ein Gemeinschaftsgefühl vermitteln und aufklären. Schon Freud hatte empfohlen, dass der Analytiker „Erzieher, Lehrer, Vorbild, Aufklärer und Künder einer freien Weltanschauung“ sein solle. Anfangs bezahlen Mitglieder einen oder zwei, später fünf Franken, viele zahlen nichts. Rattner reflektiert „Nutzen und Nachteil der Großgruppentherapie“ und konzediert, dass „große Gruppen sehr stark von der Qualifikation ihres Leiters abhängen und dass sie in die Nähe von Massenorganisationen geraten können“. Ihm zufolge bleiben Massenreaktionen jedoch aus, die Teilnehmer lernen rasch, einander ausreden zu lassen, tragen Konflikte „klug und vernünftig“ aus und üben sich in der „hohe[n] Kunst des Einanderverstehens“. Zum Vorwurf, dass eine Großgruppe die Patienten nicht wieder loslasse, schreibt er: „Wer eine (…) Großgruppe als sein geeignetes Therapie- und Lernmilieu empfindet (…), wird nach Behebung seiner Lebensschwierigkeiten kaum den Impuls verspüren, die Gruppe zu verlassen. Er reiht sich sehr oft in die Gruppe als Helfer ein; nun, da ihm geholfen wurde, will er zur Gesundung anderer beitragen.“ Weil eine kranke Gesellschaft die Menschen beschädige, entlässt Liebling niemanden als „geheilt“.

Bis 1967 umfasst die PLBS rund 300 Menschen. Einen Wendepunkt bildet die Studentenrevolte. In dieser Atmosphäre des Um- und Aufbruchs wächst die Zahl der Teilnehmenden auf 1 000 bis 3 000 Personen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Boller zufolge handelt es sich nicht um ein „System“, sondern um eine Gruppe, die jedermann offensteht. Man kann ihr nicht beitreten, es fehlen Aufnahmeprocedere, Mitgliederbeiträge sowie eine formelle Hierarchie.

1967 verlässt Rattner die PLBS und geht nach Berlin. Später macht er dafür theoretische Unterschiede geltend: Während er zu Lebensphilosophie und Existenzialismus neige, sei Liebling vom Wiener Positivismus beeinflusst und überschätze „die Bedeutung der Naturwissenschaften für die Tiefenpsychologie“.

Hoffnung auf Verbesserung der Gesellschaft

Eine gesellschaftliche Revolution strebt die Zürcher Schule nicht an. Gleichwohl verbinden sich hier die persönliche Befreiung des Einzelnen mittels psychologischer Methoden und die Hoffnung auf eine Erneuerung und Verbesserung der Gesellschaft. In einer Zeit des „Psychobooms“ und der „therapeutischen Generalisierung“ steht die PLBS damit nicht allein. Gemeinsam ist diesen Ideen, dass psychologische Unterstützung zur Bewältigung von Lebensproblemen zu einer allgemeinen Lebensorientierung wird. Psychotherapie ist dann nicht mehr eine Heilmethode, die bei diagnostizierten Krankheiten zum Einsatz kommt, sondern ein Weg der Befreiung. Weil dieser Weg nie abgeschlossen ist, wird eine Therapie nicht mehr beendet, sondern zur Lebensform. Nach Lieblings Tod 1982 radikalisieren sich Teile der Zürcher Schule als „Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis“. 1983 grenzen die Individualpsychologen sich von der Zürcher Schule ab und beschließen, deren Mitglieder nicht mehr aufzunehmen. Christof Goddemeier

1.
Boller P: Mit Psychologie die Welt verändern – Die „Zürcher Schule“ Friedrich Lieblings und die Gesellschaft (1952–1982). Zürich: Chronos Verlag 2007.
2.
Hemminger H: „Das Ziel war ein libertärer Kommunismus“ – Friedrich Liebling und die Zürcher Schule. Online 2014.
3.
Rattner, J: Friedrich Liebling und die Großgruppentherapie. In: Lévy A, Mackenthun G: Gestalten um Alfred Adler. Würzburg: Verlag Königshausen und Neumann 2002.
1. Boller P: Mit Psychologie die Welt verändern – Die „Zürcher Schule“ Friedrich Lieblings und die Gesellschaft (1952–1982). Zürich: Chronos Verlag 2007.
2. Hemminger H: „Das Ziel war ein libertärer Kommunismus“ – Friedrich Liebling und die Zürcher Schule. Online 2014.
3. Rattner, J: Friedrich Liebling und die Großgruppentherapie. In: Lévy A, Mackenthun G: Gestalten um Alfred Adler. Würzburg: Verlag Königshausen und Neumann 2002.

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