ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2018Systemische Therapie: Komplexe Verfahren

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Systemische Therapie: Komplexe Verfahren

PP 17, Ausgabe August 2018, Seite 337

Bühring, Petra

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Ein Gutachten zur Bewertung der Systemischen Therapie beim IQWIG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) in Auftrag zu geben, gelte als „Beschleunigungsfaktor“, sagte im Jahr 2013 noch der damalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF), Prof. Dr. rer. soc. Jochen Schweitzer, in einem Interview mit PP (Heft 11/2013). Weit gefehlt, würde man im Nachhinein sagen. Denn es scheint, als würde alles noch schwieriger werden und länger dauern.

Schon damals warteten systemisch tätige Psychotherapeuten seit fünf Jahren auf eine Entscheidung des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA), ihr Verfahren in den Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung aufzunehmen. Die wissenschaftliche Anerkennung der Systemischen Therapie (ST) für Erwachsene sowie für Kinder und Jugendliche durch den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) lag bereits seit Dezember 2008 vor. Im August 2014 beauftragte der G-BA dann das IQWIG mit einer Nutzenbewertung als Grundlage für eine endgültige Entscheidung – der erste und bislang einzige Auftrag des Instituts im Bereich der Psychotherapie. Das Gutachten liegt seit Mai 2017 vor. Getroffen hat der G-BA aber immer noch keine Entscheidung, obwohl nach § 135 SGB V dazu sechs Monate nach Vorliegen des Gutachtens hätten ausreichen müssen. Entsprechend beziehungsweise als Antwort (Drucksache 19/3280) auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen fordert die Bundesregierung respektive das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) den G-BA nun auf, die Beratungen „zügig“ abzuschließen. Die Systemische Gesellschaft (SG) und die DGSF wollen, dass das BMG im Rahmen seiner Rechtsaufsicht über den G-BA eine Entscheidung herbeiführt, „wenn die Beschlussfassung weiter verschleppt wird“, so der aktuelle DGSF-Vorsitzende Dr. Björn Enno Hermanns. Die Verbände vermuten, dass die Verzögerung mit den Auswirkungen einer Zulassung systemisch tätiger Psychotherapeuten auf die Bedarfsplanung zusammenhängen könnte. In der Kleinen Anfrage wird das BMG explizit aufgefordert, dazu Stellung zu nehmen: Das weist darauf hin, dass eine Vermischung der Fragen der Nutzenbewertung mit möglichen Auswirkungen auf Kosten für psychotherapeutische Kassensitze unzulässig sei.

Als weitere Gründe für die lange Entscheidungsdauer verweist das BMG auf die „Komplexität“ und den „erhöhten Aufwand“ der Bewertung der Systemischen Therapie. Das schreibt auch das IQWIG im aktuellen Jahresbericht 2017: Der Auftrag sei eine „echte Herausforderung“ gewesen und der Arbeitsaufwand „ausgesprochen hoch“. Die Befunde waren nach Angaben des Instituts durchaus gemischt, einen Hinweis auf einen Nutzen zeigten die Daten bei Angst- und Zwangsstörungen sowie Schizophrenie im Vergleich zu „keiner Behandlung“. Mangels Daten zu Nebenwirkungen war es dem IQWIG nicht möglich, Schaden und Nutzen abzuwägen – gefordert werden daher aussagekräftige Studien. Die Berufsverbände sehen die Ergebnisse des Gutachtens indes positiv. Von den im G-BA vertretenen Organisationen werde das Gutachten „unterschiedlich wahrgenommen“, heißt es in der Antwort des BMG. Deshalb solle es in Kürze ein Stellungnahmeverfahren mit Fachgesellschaften und den Heilberufekammern geben. Das Warten geht also weiter.

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