ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2018Psychische Belastungen: Für Orte des Miteinanders in Großstädten

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Psychische Belastungen: Für Orte des Miteinanders in Großstädten

PP 17, Ausgabe August 2018, Seite 372

Grigelat, Angela

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Der Berliner Psychiater und Psychotherapeut Mazda Adli legt gleich im Vorwort seines kenntnisreich wie sympathisch erzählten Sachbuchs die Karten auf den Tisch: Er hat sein Herz an die Stadt verloren und lebt dort „für sein Leben gern“. Aber als Experte für affektive Störungen an der Charité stößt er in seiner klinischen Arbeit auch auf Menschen, denen das Stadtleben offenbar weniger gut tut. Und so nimmt Adli seine Leser mit auf eine Reise durch die Städte dieser Welt, befragt Experten, sichtet die Datenlage und stellt Fragen: Wie geht es den Menschen in großen Städten wirklich? Ist das Leben in Berlin und anderen großen Zentren tatsächlich sexy oder einfach nur stressig? Ist es vielleicht sogar so stressig, dass man auf Dauer davon psychisch krank wird?

Adli macht sofort klar, dass es nicht ausreicht, Antworten auf diese Fragen in der Medizin allein zu suchen. Er fordert Neurowissenschaftler, Philosophen, Architekten und Stadtforscher dazu auf, gemeinsam nachzudenken, wie Städte zu gesunden Lebensräumen für Menschen werden können. Denn schon in 30 Jahren werden über 70 Prozent der Menschheit in Städten leben, viele davon in Megacitys mit über zehn Millionen Einwohnern. Dort erzeugen Enge, Tempo und Lautstärke sozialen Stress, der Spuren in unserem an das Stadtleben noch nicht optimal angepassten Gehirn hinterlässt. Es mehren sich Hinweise, dass Stadtbewohner häufiger an Angststörungen oder Depressionen erkranken, und es ist belegt, dass sie doppelt so häufig unter Schizophrenien leiden. Das individuelle Erkrankungsrisiko sinkt wieder, wenn ein Mensch die Stadt verlässt.

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Am Beispiel brasilianischer Favelas, in denen dicht gedrängt und mit vielen Belastungen gelebt wird, macht Gesundheitsforscher Adli aber deutlich, dass Menschen selbst in chaotisch wuchernden Städten seelisch gesund bleiben können: Die Erfahrung der sozialen Verbundenheit durch lokale Initiativen und gemeinsame Aktivitäten scheint in den Favelas als Stresspuffer zu wirken und die Raten für seelische Erkrankungen in Schach zu halten. Es ist eben, so resümiert Adli, nicht das enge Miteinander alleine, was die seelische Stabilität von Stadtbewohnern strapaziert. Erst durch die Kombination von sozialer Dichte mit sozialer Vereinzelung oder gar Isolation, entfalten Städte eine krank machende Wirkung. Diesen ungesunden Mix durch menschenfreundliche Stadtplanung zu entschärfen, sieht Adli als gesundheitspolitischen Auftrag von herausragender Bedeutung. Und er ist überzeugt: Die gute Stadt braucht weniger Reglementierung und Überwachung und dafür mehr Orte der Begegnung und des Miteinanders. Angela Grigelat

Mazda Adli: Stress and the City. C.Bertelsmann Verlag, München 2017, 384 Seiten, gebunden, 19,99 Euro

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