ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2018Toskana: Fantasieraum und Zaubergarten

KULTUR

Toskana: Fantasieraum und Zaubergarten

PP 17, Ausgabe August 2018, Seite 374

Goddemeier, Christof

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In der Landschaft der Maremma schuf Niki de Saint-Phalle mit dem Giardino dei Tarocchi, dem Tarot-Garten, ein beeindruckendes Open-Air-Museum.

„Die Welt ist ein Busen“ Hauptwerk des Gartens ist die Kaiserin (links), in der Saint-Phalle zeitweise lebte. Die rechte Brust beherbergte das Schlafzimmer, die linke die Küche. Foto: picture alliance
„Die Welt ist ein Busen“ Hauptwerk des Gartens ist die Kaiserin (links), in der Saint-Phalle zeitweise lebte. Die rechte Brust beherbergte das Schlafzimmer, die linke die Küche. Foto: picture alliance

Im Jahr 1955 reist die 25-jährige Künstlerin Niki de Saint-Phalle mit ihrem Mann nach Barcelona und ist hingerissen von Antoni Gaudís Parc Güell: „Er hat mein Leben verändert. (...) Es war klar (…), dass auch ich einen Garten der Freude bauen wollte. Einen Fantasieraum, in dem die Leute frei und glücklich wären. Einen Zaubergarten“, notiert sie in ihrem Tagebuch.

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Vierundzwanzig Jahre vergehen, bis Saint-Phalle mit der Arbeit beginnt. Freunde stellen ihr das Gelände in der Landschaft der Maremma zur Verfügung. Seit den 1960er-Jahren interessiert Saint-Phalle sich für das Tarot-Spiel, das im 15. Jahrhundert in Europa auftaucht. Die Karten zeigen archetypische Bilder, die existenzielle Situationen und Erfahrungen repräsentieren. In 22 großformatigen, teilweise begehbaren Plastiken stellt Saint-Phalle die Motive der Arcana Maiora des Tarot-Spiels dar. Die Bilder bezieht sie aus zwei Kartendecks des 18. und 20. Jahrhunderts, doch sie interpretiert die Vorlage ganz frei.

Nähert man sich von Capalbio, funkeln die farbenreichen Mosaiken aus Keramik und Glas in der Sonne. Besucher betreten den Garten durch eine Öffnung in einer festungsartigen Steinmauer – auf Saint-Phalles Wunsch gestaltete der Architekt Mario Botta den Eingang „als Gegensatz zum Inneren“. Aus einem riesigen Mund fließt Wasser über eine Treppe in ein rundes Becken. Bei Saint-Phalle wird die Hohepriesterin – mit weit offenem Mund und unterschiedlichen Augen – von einer Schlange beschützt, der Magier darüber besteht nur aus Hand und Kopf. Das Schicksalsrad im Becken hat ihr Gefährte Jean Tinguely gebaut, auch an anderen Skulpturen ist er beteiligt.

„Ich hasse den rechten Winkel“

Ecken und Kanten findet man hier nicht. Saint-Phalle sagt über ihr Werk: „Ich liebe Kurven, die Wellenbewegung. Die Welt ist rund, die Welt ist ein Busen. Ich hasse den rechten Winkel, er flößt mir Angst ein.“ Hauptwerk des Gartens ist die Kaiserin. Saint-Phalle gestaltet sie als überdimensionale Sphinx, sie ist „große Göttin, Himmelskönigin, Mutter, Hure, Emotion, heilige Magie und Kultur“. Einige Jahre lebt die Künstlerin in ihrer Plastik. Die rechte Brust enthält das Schlafzimmer, in der linken befindet sich die Küche. Durch Fenster in den Brustwarzen kann man hinausschauen.

Den Kaiser stellt sie als Schloss dar. Man erkennt es am runden, zepterartigen Turm und einer roten Rakete. Den Innenhof umrahmen 22 unterschiedlich dekorierte Säulen. Manche wirken anziehend, andere schrecken ab, eine ist ganz mit Ungeziefer bemalt. Laut Saint-Phalle repräsentiert der Kaiser das Patriarchat, er ist Symbol der „männlichen Macht, im Guten wie im Schlechten“. Daneben steht der Turm von Babel, Ausdruck der Zerstörung und des Neubeginns. Seine Spitze ist 90 Grad zur Seite geneigt und im Begriff, in die Tiefe zu stürzen. In den sich öffnenden Turm gräbt sich eine Räderkonstruktion von Tinguely, laut Saint-Phalle der Blitz, der in den Turm fährt.

Als Tinguely schwer erkrankt und wieder gesund wird, errichtet Saint-Phalle zum Dank die Kapelle der Mäßigung. Auf ihrem Dach tanzt eine blaue Engelsfigur mit zwei Gefäßen in den Händen. Den Narren gestaltet Saint-Phalle als transparente Figur mit Wanderstab und einem Beutel. Ihr zufolge ist er der „Held der Zaubermärchen“, „ständig bereit, Neues zu entdecken“, und „fähig, den Schatz zu finden“. Christof Goddemeier

1.
Becker M: Niki de Saint-Phalle. München: List Verlag, 4. Aufl. 2003.
2.
Johnston J, Caracciolo Chia M, Pietromarchi G: Niki de Saint-Phalle und der Tarot-Garten. Bern: Benteli Verlag 2010.
1. Becker M: Niki de Saint-Phalle. München: List Verlag, 4. Aufl. 2003.
2. Johnston J, Caracciolo Chia M, Pietromarchi G: Niki de Saint-Phalle und der Tarot-Garten. Bern: Benteli Verlag 2010.

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