ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2018Sexualität: Experten im plaudernden Dialog

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Sexualität: Experten im plaudernden Dialog

PP 17, Ausgabe August 2018, Seite 370

Moser, Tilmann

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Ulrich Clement leitet in Heidelberg ein Institut für Sexualtherapie und ist, analytisch orientiert, ein Meister der Provokation von zäh-zerstrittenen Paaren bei ihrer Annäherung an die schwierigen Offenbarungen und Geständnisse in der Behandlung. Er empfiehlt behutsame und auch heftige Provokationen mit den jeweils ungekannten Anteilen des destruktiven Anderen. Seine reichhaltigen „Tricks“ führen zu neuer Annäherung und neuem Kennenlernen, zu Mutproben und erstaunlichem Neubeginn nach wachsender Neugier des Paares auf sich selbst und die noch ungekannten Abenteuer. Jetzt steigt er ein in die verheißungsvolle Reihe „Psychotherapeutische Dialoge“ des Verlags Vandenhoeck und Ruprecht. Dabei umreißen zwei Kontrahenten oder Verschworene ein gemeinsames Thema und bringen es zu anschaulichem Lernen. Clement ist ein Altmeister des Faches, Ann-Marlene Henning hat es durch eine stark gemixte Ausbildung und eine Reihe von Sex-Aufklärungsbüchern zu einiger Fernsehberühmtheit gebracht.

Das Buch ist locker zu lesen, gefüllt mit knappen Ratschlägen und einer Fülle von hastig hingeworfenen Kurz-Fallgeschichten mit Standardeinleitungen: „Das erzählte mir doch neulich ein Patient“, oder „Da wollte mich doch eine Patientin glauben machen, dass sie den Penis ihres Mannes seit Jahren verabscheue“, und die Therapeutin, auch in Verhaltenstherapie aktiv, zeigt widerwilligen Damen am Plastikdildo die korrekte Handhabung des verhassten Organs – mit Hausaufgaben für daheim. Keine der vielen Fallgeschichten bekommt Tiefe, die freudschen Urbegriffe Übertragung und Gegenübertragung kommen nicht vor, über wirklich schwierige, auch traumatische Situationen plaudert die Fachfrau anmutig hinweg, betont zu ihren Ehren allerdings auch, dass der Therapeut seine eigenen Gefühle im Griff haben sollte. Da Clement selbst viele Sexualtherapeuten in begehrten Anfängerseminaren ausbildet, kann man die Dialoge gelassen für ein Propädeutikum halten, um die Enttäuschung zu mildern.

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Den Bildern der beiden nach könnte er der Vater der herausfordernd lächelnden Tochter sein, die den Reichtum ihrer therapeutischen und selbst erworbenen Erfahrung selten verschweigt und ihre Klientel zum Teil über die Fernsehauftritte in eigener Reihe und Filme verdankt. Kleine soziologische Kommentare vertiefen die Bildung: „Ein riesiger Busen als Vorbild ist heute wirklich eher die Ausnahme. Sogar im Porno scheinen ,natürliche Brüste‘ im Kommen zu sein, jedenfalls höre ich das gelegentlich aus der Branche, …“ Oder: „Ein Mann mit einem sehr kleinen Penis wird nie das gleiche Reibungsgefühl haben wie andere mit dicken Penissen, jedenfalls bräuchte er dafür eine wirklich gute Stoßtechnik.“ Clement fügt tröstend und warnend bei: „Ich habe neulich in einer Therapie von einer Frau gehört, ihr früherer Partner habe einen zu großen Penis gehabt. Das gibt es auch.“ Er bleibt aber der Meister, dem sie meist aufschauend beipflichtet, er spricht meist auch seriöser: „Mir fallen einige langjährige Beziehungen ein, in denen die Partner sehr verbittert miteinander sind, weil sie den anderen dafür hassen, dass sie ihn brauchen.“ Er ist belesener und therapiekundiger, lobt die Dialoggespielin aber wacker. In mittelsublimierter Form war das Gespräch sicher eine angenehme erotische Begegnung. Tilmann Moser

Psychotherapeutische Dialoge: Wenn es um das Eine geht: das Thema Sexualität in der Therapie. Ulrich Clement und Ann-Marlene Henning im Gespräch mit Uwe Britten (Hrsg.), Vandenhoeck und Rupprecht, Göttingen 2018, kartoniert, 150 Seiten, 17,00 Euro

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