ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2018Von schräg unten: Dissoziation

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Dissoziation

Dtsch Arztebl 2018; 115(33-34): [84]

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Erkrankungen fordern: von uns eine exakte Diagnose und effektive Therapie, von unseren Schutzbefohlenen Einsicht und Mitarbeit, von allen Beteiligten Demut. Für unsere Patienten, da unverschuldet vom Schicksal getroffen, ist dies häufig schwer akzeptabel. Die resultierende Unmut ergießt sich dann nicht selten über uns Ärzte als Überbringer der schlechten Nachrichten. Dann gilt es, möglichst freundlich und bestimmt zu bleiben. Wenn mir in einer solchen Situation Worte mit der Anmutung von Glasscherben oder Stacheldraht um die Ohren fliegen, übe ich mich in der Kunst der Dissoziation. Ich denke dann an etwas völlig Anderes, möglichst etwas Angenehmes, um mich nicht von Widerrede und fragwürdiger Wortwahl anstecken zu lassen. Dank Anleitung durch erfahrene Kollegen konnte ich schon in jungen Assistenzarztjahren hierdurch sensible Situationen sicher entschärfen. So dachte ich zunächst an einen Einführungslehrgang im guten Benehmen, als ein mir völlig unbekannter Mann in das Arztzimmer stürzte, mit seiner Faust auf den Tisch schlug und mich anbrüllte: „Wie gehtʼs meiner Frau?!!!“ Mit zuckersüßer Stimme bat ich den offensichtlich Echauffierten, dass er sich zum Zwecke der Übung bitteschön wieder vor die Tür begeben und klopfen möge. Freunde wurden wir keine, aber es stellte sich heraus, dass er sich im Stockwerk geirrt hatte.

Die Kunst der Dissoziation steht mir auch heute in der Sprechstunde zuverlässig zur Seite. Weil ich meinen nächsten Patienten, der an einem seltenen Krankheitsbild leidet, davon überzeugen muss, sich in einer darauf spezialisierten Klinik vorzustellen, die allerdings 200 Kilometer entfernt ist. Da mir seine Bodenständigkeit bewusst ist, wird er seine Erwiderung nicht in wohl abgewogene Worte kleiden. „WAS?! Ich soll 200 Kilometer weit weg fahren?! Haben Sie noch alle Latten am Zaun?!“ Ich denke, schon. Ich denke aber auch an einen schönen Sommerabend auf der Terrasse, daher bleibe ich ganz ruhig. Besagte Klinik, so erläutere ich ihm, hat Expertise zur Lösung seines seltenen gesundheitlichen Problems, die Kollegen führen den Eingriff mit großem Erfolg seit Jahrzehnten durch, daher würde ich ihn gerne dort versorgt wissen. „Ausgewiesene Expertise! Seltenes Problem! Wenn ich so etwas Besonderes bin, dann können die da auch hierherkommen!“

Anzeige

So einfach ist das leider nicht. Die erforderlichen Gerätschaften nebst fachkundigen Kollegen können nicht einfach so in das nächst liegende Krankenhaus gefahren werden. „Ja klar! Heutzutage ist das so, niemand will sich Mühe geben, und ich denke, Sie auch!“ Nein, ich denke gerade an einen schönen Abend mit der besten aller Ehefrauen. Aber natürlich will ich mir jegliche erdenkliche Mühe geben, ich könnte ja einen dringlichen Antrag bei unserem Ministerpräsidenten stellen, dass eine solche Klinik just vor der Haustür meines reisephobischen Patienten errichtet werden wird. Das wird Mühen kosten, denn es gilt, die Krankenhausbedarfsplanung, das Bauordnungswesen, die Finanzierung und vieles mehr zu beachten. Auch stehen mit dem Bau einer solchen Spezialklinik die erforderlichen Fachkräfte nicht automatisch zur Verfügung, sodass ich wohl kurzum alles fallen lassen muss, um im In- und Ausland die besten aller Professoren zu begeistern, diesen Eingriff bei ihm in einer brandneu errichteten Klinik durchzuführen. Alles muss bis ins Detail durchdacht und vorbereitet werden, einschließlich des roten Teppichs, den er beschreiten darf, wenn er eines Tages in diese für ihn errichtete Klinik eingeladen wird! Er blickt mich mit zusammengekniffenen Augen an, wird misstrauisch. „Sagen Sie mal, Herr Doktor Böhmeke, wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“ Blöderweise dissoziiert in diesem Moment mein Stimmband, das laut ‚Nein! Nein! Niemals! Niemals!‘ ruft von meiner Körpersprache, da mein Kopf heftig nickt und meine Daumen nach oben zeigen. Tja, das mit der Dissoziation, das muss ich wohl doch noch üben.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema