ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2018Mitarbeiterführung: Was Führungskräfte brauchen: Menschlichkeit, Klarheit – und Mut

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Mitarbeiterführung: Was Führungskräfte brauchen: Menschlichkeit, Klarheit – und Mut

Dtsch Arztebl 2018; 115(33-34): [2]

Schuster, Gabriele

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Foto: christianchan/stock.adobe.com
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Wenn Ärzte in Führungspositionen über längere Zeit in Schwierigkeiten stecken, macht es Sinn zu prüfen, ob ihnen vielleicht grundlegende Voraussetzungen verloren gegangen sind.

Vor ein paar Jahren stand ich mit dem Ärztlichen Direktor einer Rehabilitationsklinik auf einem hoch gelegenen Balkon des Hauses. Wir genossen den Ausblick während einer Pause. Nach einigen Sekunden des Schweigens fragte ich ihn, wie es ihm geht.

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Wenn das Team wütend ist – zu Recht

„Eigentlich ganz gut“, sagte er. „Was mich nervt, ist, dass der Chefarzt der orthopädischen Abteilung, Dr. Müller, nicht so führt, wie ich das möchte. Unser Personal in der Abteilung ist richtig fit. Erst gerade eben war ich stellvertretend zur Visite dort und spürte die schlechte Laune. Als ich mehrfach nachfragte, erzählte mir Schwester Anne, dass Dr. Müller heute Morgen wieder so richtig laut geworden sei. Wir haben einen jungen Assistenten, der seit wenigen Tagen bei uns ist. Er konnte in der Übergabe eine Frage von Dr. Müller nicht sofort beantworten. Das hat dieser zum Anlass genommen, alle anwesenden Mitarbeiter als inkompetente Nullen zu bezeichnen. Anschließend verließ er die Türe knallend den Raum.

Das Team ist wütend – und das zu Recht. Erst in der letzten Woche haben die Mitarbeiter die Erkrankung von drei Kollegen exzellent kompensiert. Die Zusammenarbeit mit der internistischen Abteilung und den Niedergelassenen läuft prima. Das Team hätte eigentlich ein ,Danke‘ verdient. Um mit der Situation umzugehen, schottet das Team seinen Chef nun gezielt von Problemen ab. Im Augenblick will keiner mit ihm reden. Oberarzt Meier hat eine Art Ersatz-Chef-Funktion übernommen und hält das Team zusammen – an seinem direkten Vorgesetzten vorbei. Dr. Müller merkt das, wird misstrauischer und geht immer leichter hoch. Ein Teufelskreis. Ich fürchte, wir haben demnächst die ersten Kündigungen auf dem Tisch.“

Eine ganze Abteilung in Schwierigkeiten

Nach einer längeren Pause und zwei Schluck Kaffee fragte ich ihn, wie lange er denn schon von der Sache wisse. Er meinte, das Ganze ziehe sich schon seit fünf bis sechs Monaten. Er vermutete, Dr. Müller habe privat Stress. Das dürfe zwar kein Grund sein, eine ganze Abteilung in Schwierigkeiten zu bringen. Doch leider sei Dr. Müller mit dem Aufsichtsrat der Klinik gut vernetzt, der wiederum Dr. Müller sehr schätze. Wenn er sich gegen Dr. Müller stelle, müsse er sich also zeitgleich mit dem Aufsichtsrat auseinandersetzen. Einige der Herrschaften seien schwer zu steuern. Ein Konflikt werde ihn richtig Zeit kosten, sagte mein Klient weiter. Andererseits merke er, dass er das Team in der Orthopädie verliere, wenn er nichts mache. Das sei eine richtig blöde Situation. Schließlich fragte er mich, ob ich denn eine Idee hätte.

Nun kennen wir uns bereits recht lange und gut. Ich lächelte ihn an und sagte ihm, ein Mensch mit dem Namen Fushan Yuan habe mal geschrieben, dass zu einer Führungspersönlichkeit drei Dinge gehören: Menschlichkeit, Klarheit und Mut. Wenn eine Führungskraft für etwas keine Lösung finde, fehle es ihm oder ihr üblicherweise an mindestens einer dieser drei Dinge. Dann fragte ich ihn, was ihm gerade fehle: Menschlichkeit, Klarheit oder Mut? Der Ärztliche Direktor stutzte, sah mich an und sagte nach einer kurzen Pause: „Mist.“ Damit war die Pause beendet und unser Gespräch auch.

Führung ist halt nichts für Feiglinge

Vor wenigen Monaten traf ich den Ärztlichen Direktor bei einem Kongress wieder. Er kam auf mich zu und wir plauderten ein wenig. Lachend fragte er mich, ob ich mich noch an die Sache mit Menschlichkeit, Klarheit und Mut erinnerte. Damit hätte ich ihn ja ganz schön erwischt. Es habe ihm mindestens an der Klarheit gefehlt, räumte er ein. Und so richtig mutig sei er auch nicht gewesen. Er schilderte, wie er sich nach unserem Gespräch überlegt hatte, was er erreichen wolle. Schließlich habe er mit der Klarheit angefangen. Dazu gehörten für ihn:

  • Er wollte weiter an der Klinik arbeiten und einen Aufsichtsrat, der weiß, was los ist, und sich nicht von einem Mitarbeiter manipulieren lässt.
  • Er wollte, dass Dr. Müller entweder wieder zu seiner alten Form zurückfindet oder seine Führungsarbeit aufgibt.
  • Er wollte, dass das Team der Orthopädie weiter gefördert wird.

Ab dem Moment der Klarheit war die Sache mit dem Mut für ihn kein Problem mehr: Sehenden Auges Unfug zu machen, fühle sich viel schlechter an, als die Idee zu tun, was sinnvoll ist, sagte er.

Mit Klarheit und Mut zur strategischen Lösung

In den folgenden Wochen verbrachte der Ärztliche Direktor viel Zeit damit, die Situation strategisch zu lösen:

  • Er verbesserte seine Beziehungen zum Aufsichtsrat, die er bisher wenig aktiv gepflegt hatte.
  • Er führte Gespräche mit Dr. Müller und machte ihm klar, dass er so nicht weitermachen könne. Letztlich wurde Dr. Müller durch die deutliche Rückmeldung meines Klienten klar, dass es auch für ihn so nicht weiter gehenkonnte. Seine Frau hatte sich von ihm getrennt und die drei Kinder mitgenommen. In dieser Zeit war Dr. Müller am Tag wütend, am Abend betrunken.

Nach längerem Nachdenken ging Dr. Müller offen auf das Team zu, berichtete über seine Situation und entschuldigte sich. Ab diesem Moment hatte er die Sympathie seiner Mitarbeiter wieder. Er ging für drei Monate in eine Klinik und Oberarzt Dr. Meier übernahm die Führung des Teams. Nach seinem Klinikaufenthalt entschied sich Dr. Müller, die Chefarztstelle aufzugeben, und äußerte den Wunsch, nur noch ärztlich tätig sein zu wollen. Dr. Meier übernahm den Chefarztposten und hat mit Dr. Müller nun einen erfahrenen Kollegen an der Seite, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, aus den Assistenzärzten „richtige Ärzte“ zu machen. Und das scheint exzellent zu funktionieren.

Nachdenklich schaute mein Klient vor sich hin. „Wissen Sie Frau Schuster, zu jedem Betrunkenen gibt es immer noch einen Menschen, der diesem ein Bier bringt, wenn er nicht mehr laufen kann. Die gleiche Funktion haben Führungskräfte, wenn sie Probleme nicht lösen. Das kann eigentlich nicht sein.“ Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: „Übrigens ist Schwester Anne jetzt unsere Stationsleitung in der Orthopädie. Neulich kam sie mit einem Führungsproblem zu mir. Ich habe sie gefragt, was ihr denn gerade fehle: Menschlichkeit, Klarheit oder Mut? Jetzt hat sie ganz schön was zu denken“, schmunzelte er.

Dipl. Psych. Gabriele Schuster

Geschäftsführerin

Athene Akademie GmbH

97072 Würzburg

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