ArchivDeutsches Ärzteblatt26/1996Kassenärzte: Druck von allen Seiten

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Kassenärzte: Druck von allen Seiten

Dtsch Arztebl 1996; 93(26): A-1733 / B-1466 / C-1366

Maus, Josef

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LNSLNS Es geht doch nichts über ein solides Feindbild. Während immer mehr Kassenärzte die Sorge um die wirtschaftliche Existenzfähigkeit ihrer Praxis umtreibt, viele KV-Vorsitzende gar vor einer drohenden Pleitewelle warnen, philosophiert ein hochrangiger Gewerkschaftsfunktionär über die "Abkassiermentalität" der Ärzte.
Die Gesundheitspolitik, ließ Lutz Freitag, Bundesvorstandsmitglied der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG), verlauten, werde von den Ärzten zunehmend als reine Einkommenspolitik für die eigene Tasche betrachtet. Als Beleg für seine These verweist der DAG-Sozialexperte auf die Mengenentwicklung bei den im ersten Quartal dieses Jahres abgerechneten kassenärztlichen Leistungen. Die "Abkassiermentalität" vieler Ärzte habe hier zu einer "wundersamen Vermehrung" geführt, meinte Freitag hämisch. Auf derartige (ideologisch geprägte) Attacken muß man nicht unbedingt näher eingehen. Anders verhält sich die Sache jedoch, wenn sich zu dem hochrangigen Gewerkschaftsfunktionär ein mindestens ebenso hochrangiger Kassenrepräsentant wie Dr. med. Eckart Fiedler, Vorstandsvorsitzender der Barmer Ersatzkasse, gesellt. In einem Interview mit der Bild-Zeitung wirft Fiedler den Kassenärzten zwar keine Geldgier vor, er stellt sie aber dennoch an den Pranger. Auf die Frage, ob die Ärzte sparen könnten, hat der Barmer-Chef laut Bild geantwortet: "Ja. 30 Prozent der jetzt von den Ärzten abgerechneten Leistungen sind überflüssig." Gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt hat Dr. Fiedler diese Aussage zwar relativiert ("Ich habe nicht gesagt, daß die Kassen für dieses Mehr an Leistungen aufkommen müssen."), im Prinzip bleibe er aber bei seiner Darstellung.
Fiedler, der als früherer Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) selbst einmal die niedergelassenen Ärzte vertrat, macht die wachsende Existenzangst der Kassenärzte für die Mengentwicklung verantwortlich. Diese Angst sei "zunehmend rational, denn es wird finanziell tatsächlich enger", räumte der Barmer-Vorsitzende ein.
Krokodilstränen? "Wenn die Ärzte künftig beispielsweise 20 Prozent weniger Leistungen erbringen würden", hält der KBV-Vorsitzende, Dr. Winfried Schorre, Fiedler entgegen, "würden die Krankenkassen aufgrund der Klagen ihrer Versicherten sehr bald wieder bei uns vorstellig werden, um eine Erhöhung des Leistungsvolumens anzumahnen."
Schorre bringt damit die Sache auf den Punkt: Leistung und Geld stehen in der ambulanten Versorgung nicht mehr in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander. Über kurz oder lang werden sich auch die Krankenkassen diesem Problem stellen müssen. JM
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