ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2018Arzneimittelsicherheit: Krankgespart

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Arzneimittelsicherheit: Krankgespart

Dtsch Arztebl 2018; 115(33-34): A-1453 / B-1227 / C-1219

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Deutschlands Ärztinnen und Ärzte verordnen weit über 10 000 verschiedene Arzneimittel mit mehr als 2 400 Wirkstoffen. Der Jahresumsatz an Arzneimitteln in Krankenhäusern und Apotheken machte im vergangenen Jahr 41,5 Milliarden Euro aus. Davon wurden 37,7 Milliarden über die gesetzlichen Krankenversicherer abgerechnet, deren Aufwand sich unter Einrechnung der Rabatte auf letztlich 22 Milliarden Euro belief. Es geht um viel Geld, das man, wo es geht, weiter reduzieren will.

Die von der Politik eingeforderte Wirtschaftlichkeit des Gesundheitswesens hat hier deutlichen Druck mit inzwischen unübersehbaren Folgen geschaffen: Aus der einstigen „Weltapotheke“ Deutschland ist inzwischen ein Land geworden, das vier Fünftel der hier eingesetzten Wirkstoffe aus Billiglohnländern bezieht. Ein System aus Rabattverträgen und Reimportgeboten sorgt dafür, dass wiederum hohe Kosten durch Kontrollmaßnahmen zum Schutz der Patienten entstehen.

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Die in jüngerer Zeit immer wieder aufkommenden Havarien im System rufen inzwischen Kritik auf den Plan, die Kurskorrekturen einfordert: Der Produktionsstandort Deutschland soll wieder gestärkt werden, die Sicherheit und Überwachung der Qualitätsstandards soll deutlich gesteigert werden. Selbst Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn hat anlässlich des jüngsten Debakels um den Blutdrucksenker Valsartan Konsequenzen angekündigt: „Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Medikamente ordentlich und ohne Verunreinigung hergestellt werden“, erklärte er gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

Dabei sind die vom Valsartan-Ausgabestopp betroffenen gut 900 000 Patienten nur Teil einer Serie von Vorfällen. Die aktuellen Lieferengpässe des Medikaments, das in Chargen aufgrund schon vor Jahren in chinesischen Unternehmen erfolgter Produktionsumstellungen durch den mutmaßlichen Krebserreger NDMA verunreinigt ist, ist letztlich Teil einer Reihe von Unregelmäßigkeiten, die rigoroser Sparsamkeit geschuldet sind. Der deutlich schwieriger zu kontrollierende internationale Markt gibt Raum für kriminelle Machenschaften und produziert Unsicherheiten in Bereichen, die von Fürsorge und nicht vom Sparzwang bestimmt sein sollten.

Dass es bei den Schwierigkeiten mit diesem einen Hersteller, der zu Chinas 500 bedeutendsten Unternehmen zählt, bleiben könnte, lässt sich laut Experteneinschätzung nicht vermuten. Es sind, wie die jüngste Vergangenheit zeigt, keine Einzelfälle. Schon jetzt warnt beispielsweise die Europäische Arzneimittelagentur vor politisch bedingten Lieferschwierigkeiten, die im Zuge notwendiger Neulizensierungen zu erwarten sind, wenn die Engländer im kommenden Frühjahr die EU verlassen: Es geht um immerhin 88 für den Humangebrauch bestimmte Medikamente, die auf den britischen Inseln produziert werden, aber dann ohne zeitaufwendige Neulizensierungen nicht mehr angeboten werden können.

Auch wenn die derzeitigen Schwierigkeiten noch aufgefangen werden können (durch Alternativpräparate, Aufklärung et cetera), muss das Geschehen doch wachmachen. Oder muss man abwarten, bis dieses Gesundheitssystem tatsächlich krankgespart ist? Die Patienten werden jedenfalls zunehmend aufmerksamer. Und sie wissen, dass nicht die Leistungserbringer im System die Urheber dieser Schwierigkeiten sind.

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