ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2018Versichertenbefragung: Persönlicher Kontakt wird geschätzt

POLITIK

Versichertenbefragung: Persönlicher Kontakt wird geschätzt

Dtsch Arztebl 2018; 115(35-36): A-1528 / B-1289 / C-1279

Beerheide, Rebecca

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Patienten vertrauen ihren Ärzten und warten bei Fachärzten länger auf Termine. Die diesjährige KBV-Versichertenbefragung zeigt auch, dass immer mehr Menschen den ärztlichen Bereitschaftdienst kennen. Aufgeschlossen, aber gleichzeitig skeptisch sind viele Befragte bei der Digitalisierung des Arzt-Patienten-Kontaktes.

Persönliche Beratung ist vielen Patienten deutlich wichtiger als digitale Anwendungen. Gleichzeitig recherchieren viele Patienten vor einem Arztbesuch im Netz. Foto: stock.adobe.com
Persönliche Beratung ist vielen Patienten deutlich wichtiger als digitale Anwendungen. Gleichzeitig recherchieren viele Patienten vor einem Arztbesuch im Netz. Foto: stock.adobe.com

Hohes Vertrauen und Zufriedenheit über die Arbeit von Vertragsärztinnen und -ärzten, aber Skepsis bei der Digitalisierung der Medizin: Die diesjährige Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zeigt sehr unterschiedliche Meinungen und Einstellungen zur Versorgungssituation in Deutschland. Bei der 10. Befragung dieser Art konnte erstmals ein Rückgang von Patienten gemessen werden, die angeben, bei einem Notfall in der Nacht oder am Wochenende ein Krankenhaus aufzusuchen. Während in den vergangenen Jahren über 40 Prozent der Befragten sich in dem Fall stationär behandeln ließen, waren dies 2018 nur noch 33 Prozent. 26 Prozent der Befragten geben an, den ärztlichen Bereitschaftsdienst zu konsultieren, das ist im Vergleich zu den Vorjahren ein Höchstwert. „Das ist eine Trendwende und wir sehen langsam die Früchte unserer Bemühungen: Das Wissen um den ärztlichen Bereitschaftsdienst und die bundesweite Rufnummer 116117 nehmen zu“, erklärte Dr. med. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV, bei der Vorstellung der Befragung Ende August in Berlin. Dafür hat das Umfrageinstitut Forschungsgruppe Wahlen zwischen April und Juni 6 043 Versicherte ab 18 Jahren zu ihrem Verhalten im Versorgungssystem telefonisch befragt.

Anzeige

Jüngere gehen ins Krankenhaus

Vor allem jüngere Menschen gehen demnach bei Notfällen ins Krankenhaus: In den Altersgruppen 18 bis 39 Jahren geben über 40 Prozent der Befragten an, dort Hilfe zu suchen. Allerdings sind es auch die 18- bis 49-Jährigen, bei denen das Wissen über den ärztlichen Bereitschaftsdienst deutlich steigt, da in dieser Altersgruppe immer mehr (plus zwölf Prozentpunkte) den ärztlichen Bereitschaftsdienst aufsuchen.

Ein Problem, das Patienten in der Versorgung immer wieder erleben und auch Gesundheitspolitiker seit Jahren beklagen, sind die Wartezeiten auf einen Termin. Die Patienten gaben an, dass sie in der Mehrheit bei Hausärzten keine längeren Wartezeiten hatten. 45 Prozent erklärten, den letzten Arztbesuch ohne Termin oder Wartezeit bekommen zu haben. Auch die Unterschiede zwischen gesetzlich und privat Versicherten ist laut der Umfrage offenbar nur gering und bei Wartezeiten von einer bis drei Wochen messbar.

Wartezeiten beim Facharzt

Deutliche Unterschiede gibt es aber beim Vergleich von Wartezeiten zwischen Haus- und Fachärzten: Während 19 Prozent der Befragten keine Wartezeit für einen Facharzttermin hatten, warteten 13 Prozent bis zu einer Woche, 18 Prozent bis zu drei Wochen und 32 Prozent über drei Wochen auf einen Termin. „Es ist seit Jahren eine Konstante, dass etwa ein Fünftel der Befragten angibt, dass sie lange Zeit auf einen Facharzttermin warten müssen“, erklärt Matthias Jung, Vorstand von Forschungsgruppe Wahlen aus Mannheim.

Ein Schwerpunkt der KBV-Versichertenbefragung 2018 ist die Digitalisierung des Arzt-Patienten-Kontaktes. Bei der Telefonbefragung gaben 16 Prozent an, dass sie das Internet nicht nutzen. Bei den 60- bis 69-Jährigen sagen 25 Prozent, sie nutzen das Netz nicht, bei den über 70-Jährigen sind es gar 50 Prozent. „Man muss diese Realität bei den Bürgern betrachten, dass gerade die Älteren das Internet nicht so nutzen wie jüngere Generationen“, sagte Meinungsforscher Jung.

Vor einem Arztbesuch informiert sich etwa ein Fünftel der befragten Internetnutzer im Netz. Allerdings teilen sie die Ergebnisse der Recherchen ihren Ärzten nicht mit. Gründe dafür konnte die telefonische Befragung nicht liefern. „Wir vermuten hier eine Kommunikationsbarriere“, so Jung.

Aufschlussreicher ist dabei die qualitative Patientenbefragung, die auch dieses Jahr ein Teil der KBV-Versichertenbefragung war. Dafür stellten Forscher der Patientenprojekte GmbH mehrere sogenannte Fokusgruppen mit Versicherten in vier Städten – Hamburg, Münster, Leipzig und Stuttgart – für Gesprächsrunden zusammen. Alle Teilnehmer nutzen das Internet regelmäßig.

Patienten „rüsten“ sich im Netz

In den Gesprächen kristallisierte sich nach Angaben von Forschungsleiter Dr. Sebastian Schmidt-Kaehler heraus, dass viele Patienten sich mit Informationen aus dem Internet für den Besuch in einer Praxis „rüsten“, aber auch die vorgeschlagene Therapie des Arztes überprüfen und abbrechen, wenn sie später andere Informationen finden. Diese „Art von digitaler Zweitmeinung“ sei weit verbreitet. „Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmern glaubten, dass es den behandelten Ärzten nicht recht ist, wenn sie sich im Netz informieren oder Gesundheits-Apps nutzen“, heißt es im Forschungsbericht.

In den Gruppeninterviews stellte sich auch heraus, dass viele Patienten den Wunsch haben, dass digitale Informationen, aber auch Anwendungen wie Apps stärker in den Arzt-Patienten-Kontakt eingebunden werden. Empfehlungen für gute Online-Informationen sowie Gesundheits-Apps wünschen sich viele Patienten von ihren Ärzten.

Trotz der Begeisterung und der Offenheit beim Thema Digitalisierung seien die Gesprächsrunden auch von „Ängsten und den Befürchtungen geprägt, digitale Technologien könnten den Zugang zu menschlicher Zuwendung erschweren und den Menschen langfristig verdrängen“, heißt es im Bericht. Automatisierte ärztliche Tätigkeiten oder ausschließlich digitale Diagnosen mit Apps lehnten die Studienteilnehmer ab.

Wohin wenden Sie sich, wenn Sie nachts oder am Wochenende ärztliche Hilfe benötigen?
Wohin wenden Sie sich, wenn Sie nachts oder am Wochenende ärztliche Hilfe benötigen?
Grafik
Wohin wenden Sie sich, wenn Sie nachts oder am Wochenende ärztliche Hilfe benötigen?

Skepsis beim Datenschutz

Aufgeschlossen zeigten sie sich bei der elektronischen Patientenakte sowie bei der Videosprechstunde: Besonders chronisch kranke Menschen versprechen sich von der Akte eine bessere Behandlungsqualität. „Sie haben die Hoffnung, dass sie ihre Krankheitsgeschichte nicht bei jedem Arztbesuch neu erzählen müssen“, so Schmidt-Kaehler. Bei Videosprechstunden wurde kritisch geäußert, dass die Qualität der Kommunikation sich hier deutlich verändert, wenn nicht gar verschlechtert. Ebenso sagten viele Versicherte, dass sie eine Sprechstunde per Video deutlich öfter wahrnehmen würden, als einen „analogen“ Praxistermin. Die skeptische Einstellung vieler Deutscher bei der Digitalisierung und dem Schutz eigener Daten wurde auch 2018 bei der KBV-Versichertenbefragung deutlich: Telefonisch wie bei den Einzelbefragungen bewerten zwar über 60 Prozent die geplante elektronische Patientenakte als positiv – ein Drittel der Befragten findet die Anwendung aus Datenschutzgründen nicht gut. Es gebe den großen Wunsch nach Zugriff auf die eigenen Daten, aber auch die Kontrolle, wohin diese künftig fließen werden.

„Die Umfrage zeigt eine Veränderung der ärztlichen Arbeit, nicht nur bei der Digitalisierung. Ärzte werden für pflegende Angehörige quasi Schnittstelle zu Serviceangeboten für Pflegende.“ Adelheid Kuhlmey, Charité Berlin. Foto: Peitz / Charité
„Die Umfrage zeigt eine Veränderung der ärztlichen Arbeit, nicht nur bei der Digitalisierung. Ärzte werden für pflegende Angehörige quasi Schnittstelle zu Serviceangeboten für Pflegende.“ Adelheid Kuhlmey, Charité Berlin. Foto: Peitz / Charité

Pflege verändert Arztalltag

Die KBV-Umfrage belegt auch eine weitere Veränderung der Arbeit von niedergelassenen Ärzten: So haben in der Telefonumfrage deutlich mehr Menschen als bislang angegeben, dass sie im vergangenen Jahr einen Angehörigen gepflegt haben oder in Pflege involviert waren. „Einer von fünf deutschsprachigen Erwachsenen pflegt aktuell jemanden aus dem Familienkreis oder hat dies in jüngster Vergangenheit getan“, erläuterte Prof. Dr. phil. Adelheid Kuhlmey von der Berliner Charité, deren Institut die KBV-Befragung seit zehn Jahren berät. Die Belastungen durch die Pflegezeit in der Familienarbeit nimmt deutlich zu. Bei der Befragung 2018 haben deutlich mehr Menschen angegeben, dass ihre körperliche wie auch gefühlsmäßige Belastung im Pflegefall bei einem Angehörigen gestiegen ist. Im Jahr 2014, als diese Frage schon einmal gestellt wurde, fühlten sich hier noch weniger Menschen stark oder sehr stark belastet. „Die Ansprechpartner werden in zunehmendem Maße Hausärztinnen und Hausärzte“, so die Direktorin des Institutes für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft. In der Umfrage haben 71 Prozent der Befragten angegeben, dass sie vom Hausarzt auf Hilfen oder Unterstützungsangebote aufmerksam gemacht wurden. „Diese Beratung verändert auch die ärztliche Arbeit.“ Rebecca Beerheide

Die KBV-Umfrage ausführlich im Internet:
www.kbv.de/html/versichertenbefragung.php

Wohin wenden Sie sich, wenn Sie nachts oder am Wochenende ärztliche Hilfe benötigen?
Wohin wenden Sie sich, wenn Sie nachts oder am Wochenende ärztliche Hilfe benötigen?
Grafik
Wohin wenden Sie sich, wenn Sie nachts oder am Wochenende ärztliche Hilfe benötigen?

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige