ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2018Gewalt in Praxen und Kliniken: Ärzte beklagen Verrohung

POLITIK

Gewalt in Praxen und Kliniken: Ärzte beklagen Verrohung

Dtsch Arztebl 2018; 115(35-36): A-1522 / B-1282 / C-1274

Korzilius, Heike

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Beschimpfungen, Drohungen, körperliche Gewalt: Fast jeder Arzt macht in seiner Laufbahn Erfahrungen mit aggressiven Patienten. Doch systematische Erhebungen über das Ausmaß des Problems fehlen.

Foto: luna/stock.adobe.com
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Arzt in Offenburg erstochen – Motiv des Messerstechers unklar“ titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 16. August in ihrer Online-Ausgabe. Ein Patient hatte einen Allgemeinarzt in seiner Praxis unvermittelt mit einem Messer angegriffen und tödlich verletzt. Eine Praxismitarbeiterin erlitt leichte Verletzungen. Der Tatverdächtige befindet sich inzwischen in Haft und schweigt.

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Der Angriff veranlasste den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) Ende August, in einer Resolution die langjährige Forderung der Ärzteschaft nach mehr Schutz für Ärzte und Angehörige anderer Gesundheitsberufe zu bekräftigen und sich für mehr Gewaltprävention auszusprechen. Dazu gehöre neben mehr Wertschätzung der ärztlichen Arbeit auch die gesellschaftliche Ächtung jeglicher Gewalt gegen Ärzte oder anderes Gesundheitspersonal. Erreicht werden könne dies zum Beispiel mithilfe von Aufklärungskampagnen. „Wir erleben derzeit eine Verrohung bei einigen Patienten und ihren Angehörigen gegenüber medizinischem Personal“, erklärte BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. „Das bekommen wir als Ärzteschaft alleine nicht in den Griff. Die Politik muss dringend einen Kulturwandel befördern, damit man wieder begreift, dass diese Menschen Retter und Helfer sind. Wir brauchen die Solidarität aller Bürgerinnen und Bürger.“ Die BÄK werde jetzt analysieren, welche Maßnahmen zur Gewaltprävention die Lan­des­ärz­te­kam­mern bereits umsetzen. Auf dieser Grundlage werde man die weiteren Schritte beraten. Schon jetzt stehe die Bundes­ärzte­kammer darüber im Austausch mit der Bundesregierung.

Überzogenes Anspruchsdenken

Mit der Bluttat in Offenburg ist das Thema „Gewalt gegen Ärzte“ auch in die Schlagzeilen zurückgekehrt. Zuletzt hatten im Februar in Frankfurt am Main etwa 200 Rettungskräfte gegen Gewalt und Beleidigungen demonstriert. Vorausgegangen waren gezielte Angriffe auf Polizei und Rettungskräfte in der Silvesternacht, die öffentlich für Empörung sorgten. In Zeitungsberichten über Gewalt gegen Helfer wird seither ein genereller gesellschaftlicher Werteverlust beklagt, der durch den rauen Ton in den sozialen Medien befördert werde. Für die Gewaltbereitschaft wird dort aber auch ein überzogenes Anspruchsdenken der Patienten verantwortlich gemacht. Doch systematische Erhebungen über das Ausmaß der Gefahren, denen Ärzte in Krankenhäusern und Praxen in ihrem Berufsalltag ausgesetzt sind, gibt es kaum. Erstmals befragten im Jahr 2015 Wissenschaftler der Technischen Universität München 1 400 Hausärzte über ihre Gewalterfahrungen (, Heft 10, 2015). 90 Prozent der Ärzte waren demnach im Laufe ihres Berufslebens mit aggressivem Verhalten von Patienten konfrontiert, in den letzten zwölf Monaten waren es 73 Prozent. Das Spektrum reichte von Beschimpfungen und Beleidigungen bis hin zu Angriffen mit Gegenständen oder Waffen. Schwere Gewalt erlebten der Umfrage zufolge 23 Prozent der Befragten im Laufe ihrer Berufstätigkeit und elf Prozent innerhalb der vergangenen zwölf Monate. Die Analyse der Fälle, die die Befragten als am gravierendsten beschrieben, ergab, dass in etwa bei der Hälfte Alkohol, Drogen oder psychische Erkrankungen der Patienten eine Rolle spielten.

Mit dem Thema Gewalt befasst sich in diesem Jahr erstmals auch der Ärztemonitor der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des NAV-Virchow-Bundes, für den seit Februar rund 11 000 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte telefonisch befragt wurden.

Ärztebashing untergräbt Respekt

Erste Trends zeigen nach Angaben der KBV, dass es täglich zu mindestens 75 Fällen von körperlicher Gewalt gegen niedergelassene Ärzte und ihre Praxisteams kommt. Jeder vierte Vertragsarzt habe in seinem Berufsleben Erfahrung damit gemacht. Wesentlich häufiger sind dem Ärztemonitor zufolge jedoch die Fälle verbaler Gewalt. Täglich komme es zu 2 870 Fällen; vier von zehn Ärzten seien Opfer von Beleidigungen und Beschimpfungen geworden. „Wenn Ärzte verbal und mitunter auch körperlich angegriffen werden, sollte das auch diejenigen nachdenklich stimmen, die populistisches Ärztebashing betreiben und einen kompletten Berufsstand verbal kriminalisieren. Auch dadurch werden immer öfter die Grenzen des Respekts und des Anstands gegenüber Ärztinnen und Ärzten überschritten“, warnte der KBV-Vorsitzende Dr. med. Andreas Gassen. Die KBV weist im Zusammenhang mit den Zahlen aus dem Ärztemonitor darauf hin, dass jährlich rund eine Milliarde Arzt-Patienten-Kontakte und mehr als 600 Millionen ambulante Behandlungsfälle verzeichnet werden.

„Es ist zwingend notwendig, dass sich die Datenlage über Gewalt in Praxen und Krankenhäusern verbessert“, fordert Dr. med. Melanie Rubenbauer. Die Radiologin aus Bayreuth leistet seit mehr als 13 Jahren regelmäßig Notarztdienst und beschäftigt sich sowohl im Vorstand des Marburger Bundes als auch im Vorstand der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer mit dem Thema. Ihr Engagement geht auf den Fall einer Kollegin zurück, die bei einem Notarzteinsatz mit dem Messer attackiert und so schwer verletzt wurde, dass sie bleibende Schäden davontrug. „Ich hatte bisher Glück und wurde nur bedroht ohne grobe Tätlichkeiten“, erklärt Rubenbauer. Drastisch sei die Situation insbesondere in den Notaufnahmen und beim Rettungsdienst. Da habe man häufig mit Patienten zu tun, die unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stünden oder die nach einer Schlägerei, noch unter Adrenalin stehend, ihren Frust und ihre Aggression herausließen. „Nicht umsonst bieten viele Kliniken inzwischen Sicherheitspersonal auf“, sagt Rubenbauer. Auch in ihrer Klinik wurden die Sicherheitsvorkehrungen in der Notaufnahme durch Sicherheitsglas und verschließbare Türen verschärft und die Anschaffung eines Notrufknopfs in die Polizeizentrale diskutiert. Außerdem organisiere die Klinik inzwischen Selbstverteidigungskurse, die den Schwerpunkt auf das Deeskalationstraining legten. Dort lerne man, potenziell gefährliche Situationen zu erkennen, „den eigenen Risikoradar zu erweitern“, Abstand zu halten und es gar nicht erst zum Gewaltausbruch kommen zu lassen, erläutert die Notärztin. Die Trainings hätten zusammen mit den baulichen Maßnahmen bei den Mitarbeitern ein größeres Gefahrenbewusstsein geschaffen. „Dieses bewusste Umdenken hat schon etwas gebracht“, meint Rubenbauer. „Dennoch sind Randale, Pöbeleien und Aggression durch Patienten weiterhin an der Tagesordnung.“

Warnhinweise erlauben

Zur Abschreckung potenzieller Täter wird häufig über eine härtere Bestrafung diskutiert. Das allein nützt nach Ansicht von Rubenbauer allerdings nichts, „denn dann ist schon was passiert“. Sie setzt vielmehr auf Prophylaxe. Wenn beispielsweise ein Patient bei einem Rettungseinsatz schon einmal als gewalttätig aufgefallen sei, müsse es der Rettungsleitstelle ermöglicht werden, den Helfern einen Warnhinweis zu geben. Das sei zurzeit aber datenschutzrechtlich nicht erlaubt. „Da wird der Datenschutz höher angesetzt als der Personenschutz“, kritisiert Rubenbauer. Ihrer Kollegin hätte ein solches Vorgehen möglicherweise viel Leid erspart, ist sie überzeugt. Der Patient, der mit dem Messer auf sie losging, hatte im Jahr zuvor einen Sanitäter bei einem Rettungseinsatz die Treppe hinuntergestoßen. Heike Korzilius

Fokus: Deeskalation

Auch die Charité – Universitätsmedizin Berlin erlebte vor zwei Jahren einen Fall von roher Gewalt: Am 26. Juli 2016 wurde ein sehr geschätzter Oberarzt an seinem Arbeitsplatz in der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie erschossen. Der Täter tötete sich danach selbst. „Das war ein großer Schock damals“, sagt Charité-Sprecherin Manuela Zingl. Für die Klinikleitung sei trotz der Trauer klar gewesen, dass die Charité als Krankenhaus weiterhin offen für alle Hilfesuchenden, Besucher, Angehörige, Studierende und Mitarbeiter bleiben müsse. Denn vor so einer Tat könne man sich nicht wirklich schützen.

Die Tat war ein Extremfall, doch der Umgang mit aggressiven Patienten ist auch an der Charité Alltag. Besonders das Personal in den Notaufnahmen sei häufig Beleidigungen und Übergriffen ausgesetzt, berichtet Zingl. Deshalb würden die Mitarbeiter in Deeskalationstrainingseinheiten darin geschult, Konflikte zu entschärfen. Anlass für den Start der Schulungen war eine Umfrage im Jahr 2012 unter Mitarbeitern der Notfallbereiche. 95 Prozent der 350 Teilnehmer gaben an, dass sie in den letzten sechs Monaten Beschimpfungen oder Bedrohungen ausgesetzt waren. Von körperlicher Aggression berichteten 33 Prozent. Da sich 70 Prozent der Befragten zudem nicht ausreichend auf eskalierende Situationen vorbereitet fühlten, etablierte die Charité das Deeskalationstraining für Beschäftigte in den Notfallbereichen. Dazu gab es flankierende Maßnahmen, wie verbesserte Zugangsregelungen mit Türschließanlagen, aber auch optimierte Wegeleitungen für Patienten. Für kollegiale Ersthilfe und Nachsorge bei traumatisierenden Ereignissen durch Übergriffe wurde ein verbindlicher Handlungsleitfaden in der Charité erstellt. ER

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