ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2018Kommunikation: Humor im Team und unter Kollegen

MANAGEMENT

Kommunikation: Humor im Team und unter Kollegen

Dtsch Arztebl 2018; 115(35-36): A-1556 / B-1314 / C-1302

Ullmann, Eva; Hansmeier, Katrin

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Für viele ist Humor unter Kollegen im Praxis- oder Klinikalltag schwer vorstellbar. Dabei lässt sich so manche Situation mit Konfliktpotenzial durch eine charmante Erwiderung entspannen.

Foto: jacoblund/iStockphoto
Foto: jacoblund/iStockphoto

Viele Ärzte arbeiten mit Leidenschaft. Sie machen ihre Arbeit gern und sind motiviert. Sie legen Wert auf gute Kommunikation, denn sie wissen, wie schnell man zum Beispiel Widerstände entspannen kann, wenn man die Kunst des aktiven Zuhörens beherrscht. Trotz allem kostet es sie tagtäglich Kraft, wenn es unter Kollegen oder mit Vorgesetzten nicht gut läuft. Man pflaumt sich an, „Ober sticht unter“, da wird nicht diskutiert. Oder man gerät unter Kollegen aneinander, weil eher der andere „schuld“ ist. Man lernt, damit zu leben, aber das hat Auswirkungen auf die gesamte Arbeitsatmosphäre, auf die eigene Gesundheit und auf Arbeitsprozesse.

Anzeige

Wohldosierter Humor in der Kommunikation im Team und unter Kollegen kann die Arbeitsatmosphäre positiv verändern, Konflikte reduzieren, Missverständnisse und daraus resultierende Fehler verringern, die Motivation erhöhen und gesund halten. Wie bei einem Medikament braucht es beim Humor den passenden Einsatz und die richtige Dosis.

Situationen entspannen durch positive Umdeutung

Häufig machen Ärzte lieber gar keinen Humor, weil sie befürchten, sich angreifbar zu machen oder denken, die vermeintlich humorvolle Antwort würde abwerten und bloßstellen. Es hält sich auch hartnäckig der Glaubenssatz, dass Humor dem Status schadet. Viele Ärzte sind sich nicht bewusst, dass es auch einen Humor gibt, der sehr ungefährlich, wohltuend und entspannend ist, der uns sympathisch rüberkommen lässt. Aber natürlich gibt es auch Kollegen, über deren Humor niemand lachen kann. Woran liegt das?

Humor kann auf- oder abwertend sein, er kann sozial oder aggressiv sein, wie im letzten Humor-Artikel im Deutschen Ärzteblatt dargelegt wurde. Je nachdem welchen Humorstil man wählt, erzielt man eine unterschiedliche Wirkung. Der Oberarzt sagt zum Assistenzarzt: „Sie haben eine Stunde gebraucht, um diesen Entlassbrief zu schreiben. Das mach ich in fünf Minuten.“ Der Assistenzarzt könnte mit einem Grinsen antworten: „Na, als Oberarzt kann man sich Schlamperei wohl leisten …“ Oder er könnte sagen: „Dann freu ich mich, dass ich noch einiges von Ihnen lernen kann!“ Die erste Antwort ist aggressiver, abwertender Humor, die Wirkung wahrscheinlich eskalierend, also viel gefährlicher. Die zweite Antwort nutzt aufwertenden, sozialen Humor. Sie sorgt für eine Entspannung der Situation. Eine sehr ungefährliche Antwort, mit der man trotzdem nicht sprachlos bleibt.

Auch beziehungsweise gerade als Oberärztin oder Praxisleitender fährt man mit sozialem Humor am Sichersten. Ein Beispiel zum leidigen Thema Personalmangel: Eine Ärztin und ihr Team müssen einen Tag in der Praxis mit zu vielen Patienten und zu wenig Personal überstehen. Am Ende des anstrengenden, arbeitsreichen Tages sagt die Chefin zu ihrem Team: „Das hat ja super geklappt heute! Das machen wir jetzt immer so.“ Das Team findet das nicht sonderlich lustig. In dieser angespannten Situation wäre sozialer Humor hilfreich: „Ihr habt heute alle Eure Superheldenkräfte hervorgeholt. Das war tolle Arbeit! Aber das werden wir in der Form so schnell nicht wiederholen.“

Es ist ein Unterschied, ob der Anästhesist auf den Kommentar vom Chirurgen „Ihr trinkt ja den ganzen Tag nur Kaffee!“ antwortet „Besser Kaffee trinken, als steril verdursten“ oder mit einem Schmunzeln erwidert: „Ja stimmt! Ich habe grad meinen Sevofluran-Verdampfer zum Kaffeevollautomaten umgebaut und nehme an der Barista-WM in Italien teil.“

Die Oberärztin zum Assistenzarzt: „Warum sind die drei Zugänge immer noch nicht aufgenommen?“ Der Assistenzarzt könnte angriffslustig antworten „Ich erkundige mich gerade, wie Fließbandarbeit richtig funktioniert“ oder charmant erwidern: „Ich sehe, Sie haben hier alles gut im Blick.“ Zwei Antworten, unterschiedliche Wirkungen.

Natürlich könnte die Oberärztin eingangs auch mit einem Schmunzeln sagen: „Sie hatten bestimmt Wichtiges zu tun und verraten mir jetzt, wie Sie die drei Patienten vor der Tür ‚verschwinden‘ lassen.“

In der Arbeit mit Humor beschäftigt uns oft, wie man Verhalten in angespannten Situationen verändern kann, um zur Gelassenheit zurückzufinden. Der erste Schritt ist: weiteratmen! Wenn das geschafft ist, kann der Neocortex wieder „Luft holen“ und auf humorvolle Gedanken kommen. Die Technik, die wir in den oben angeführten Beispielen nutzen, ist die positive Umdeutung beziehungsweise die Begeisterung für Probleme und unfaire Angriffe. Klingt paradox, ist es auch. Sonst wäre es nicht witzig und auch nicht überraschend. Diese Technik kann und darf jeder anwenden, egal ob Chefärztin oder PJler. Es ist ungewohnt, sich selbst oder andere aufzuwerten. Wir sind es eher gewohnt, uns selbst und anderen „eins auf den Deckel zu geben“.

Störungen als Angebote für Humor

Peter McGraw, ein amerikanischer Psychologe und Humorforscher, definiert Humor wie folgt: Eine Situation ist dann humorvoll, wenn sie 1. ein Verstoß ist und 2. als harmlos wahrgenommen wird. Wenn man also humorvoller handeln und mehr witzige Einfälle haben möchte, muss man Störungen „verharmlosen“ und den Mut haben, mit Missgeschicken spielerisch umzugehen. Der humorloseste Arzt wäre nach dieser Definition ein Arzt, bei dem nichts harmlos ist, der sich also über alles aufregt.

Ein PJler ruft einer Person im weißen Kittel auf einige Entfernung zu: „Können Sie bitte bei Herrn Meier die Infusion aufdrehen?“ Kurze Zeit später kommt der Kollege zum PJler und fragt: „Haben Sie noch eine Aufgabe für mich? Sonst würde ich jetzt in die OA-Visite gehen.“ Der PJler stutzt verlegen und der OA zieht schmunzelnd von dannen.

Wichtig ist, dass man selber entscheidet, welche Verstöße harmlos sind und welche man nicht verharmlosen möchte. Humor, gut dosiert und gezielt eingesetzt, kann so die Souveränität erhöhen und die eigene Stimmung positiv beeinflussen. Das steckt auch Kollegen an.

Man sollte darüber nachdenken, wo im Klinik- und Praxisalltag schon Humor produziert wird und wo er noch mehr zugelassen oder gefördert werden könnte. Dabei sollte man eher auf sozialen als auf aggressiven Humor bauen und zum Beispiel positive Umdeutungen nutzen, um beim Alltagsstress auch mal ein Grinsen auf Gesichter zu zaubern. Eva Ullmann

Katrin Hansmeier

Humortipps für den (Arbeits-)Alltag

Humortagebuch: Hier lassen sich jeden Abend drei humorvolle Ereignisse des Tages eintragen. Durch das gelegentliche Blättern im Tagebuch lässt sich das Humorreservoir wieder auftanken. Das Tagebuch kann auch im Team geführt werden.

Verzögerte Schlagfertigkeit: Kein Mensch hat immer sofort eine passende Antwort parat. Und viele kennen den Ärger, wenn zwei Stunden später eine witzige Antwort einfällt. Dabei ist das ein Grund, froh zu sein. Ideen, die zu spät kommen, sind trotzdem noch Ideen. Ärgerliche Ereignisse können fortan im Freundes- oder Bekanntenkreis einfach mit lustigem Ausgang geschildert werden – und nicht die ärgerliche Real-Variante, die die Emotionen zum 500. Mal hochkochen lässt. Nach einer kurzen Pause fügt man schelmisch hinzu: „Es wäre schön, wenn es so gewesen wäre.“ Das wird mit großer Sicherheit einen Lacher geben. Es ist ein Vergnügen für den Kopf, sich zumindest vorzustellen, man wäre schlagfertig gewesen.

Positiv umdeuten: Schon Shakespeare schrieb: „An sich ist nichts weder gut noch böse. Das Denken macht es erst dazu.“ Darum sollte man einmal am Tag bewusst etwas umdeuten.

Eigene Humorpflege: Es lohnt die Überlegung, welche Menschen aus dem privaten und beruflichen Umfeld einem gut tun und mit diesen mehr Zeit zu verbringen. Oder sich ins Gedächtnis zu rufen, welche Filme, Cartoons, Comedy-Shows man lustig findet. Um die eigenen Reserven wieder aufzufüllen, sollte man sich ein bisschen humorvolle Ablenkung gönnen.

Humorseminar: Die „Arzt mit Humor“-Seminare für Ärzte und Pflegekräfte aller Fachrichtungen sensibilisieren für Kommunikation und Humor in alltäglichen Gesprächssituationen.

www.arztmithumor.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige