ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2018Philosophie: Kritische Auseinandersetzung mit der Öko­nomi­sierung des Vertrauens

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Philosophie: Kritische Auseinandersetzung mit der Öko­nomi­sierung des Vertrauens

Dtsch Arztebl 2018; 115(35-36): A-1550 / B-1312 / C-1300

Kuhl, Wolfgang

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Warum das Buch einer Philosophin und Soziologin in einer Ärztezeitschrift vorstellen? Vertrauen hat einen hohen Stellenwert in der Arzt-Patienten-Beziehung, der nicht in Geldwerten aufgerechnet werden kann. Den Einfluss der Öko­nomi­sierung auf dieses Vertrauensverhältnis (und das Gesundheitswesen insgesamt) erleben wir Ärzte täglich und er bereitet vielen von uns zunehmend Unbehagen. Die Autorin liefert das erforderliche Hintergrundwissen, um verstehen zu können, warum und wie Öko­nomi­sierung sich ganz konkret auf unser aller Leben auswirken kann. Unter diesen Bedingungen wird auch Vertrauen beziehungsweise das, was als Vertrauen bezeichnet wird, problematisch.

Was verändert sich, wenn Patienten zu Kunden, Ärzte zu Dienstleistern und zugehörige Institutionen zu strategischen Wettbewerbern werden? Wie kann es sich auf die Qualität von Entscheidungen und Entscheidungsfindungsprozessen auswirken, wenn ökonomisch-strategische Interessen zunehmend im Vordergrund stehen? Verständlich und mit klarer Begrifflichkeit analysiert die Autorin die Strukturen und Wandlungen von Vertrauensverhältnissen in den verschiedensten Lebensbereichen, die unter dem Einfluss der gegenwärtigen Öko­nomi­sierung stehen. Dabei wird auch deutlich, dass sogenanntes „Vertrauen“ zu einem Instrument der Wertschöpfung sowie der Legitimation strategischer Entscheidungen, Sanktionen und Abhängigkeitsverhältnisse wird.

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Anhand ihrer Analyse deckt die Autorin auf, dass Öko­nomi­sierung den Spielraum freiheitlich menschlicher Entwürfe und Entscheidungen einengt und durch ein rein rechnerisches Denken ersetzt. Ihr gelingt es, auf diese Weise eine Basis zu generieren, von der aus eine denkende Aussicht möglich wird auf das, „was das maßgeblich geltende rechnende Denken“ (mit seinem Totalitätsanspruch) „nicht denken kann“. Das Buch rüttelt auf, sich daran zu erinnern, dass wir Ärzte den Umgang mit dem Gut „Gesundheit“ mitgestalten können und müssen – Leben, Krankheit und Sterben hängen unmittelbar mit der Würde des Menschen zusammen, der wir verpflichtet sind. Man kann Öko­nomi­sierung kritisch betrachten, ohne als unrealistisch oder unwirtschaftlich zu gelten – die Autorin bietet die dafür nötige argumentative Basis.

All jenen Kolleginnen und Kollegen, die das Bedürfnis an einem Nachdenken über die unreflektierten (und scheinbar unreflektierbaren) Bedingungen ihres ärztlichen Ethos haben, sei diese bahnbrechende Arbeit einer jungen Philosophin empfohlen. Wolfgang Kuhl

Michaela I. Abdelhamid: Die Öko­nomi­sierung des Vertrauens. Eine Kritik gegenwärtiger Vertrauensbegriffe. transcript, Bielefeld 2018, 242 Seiten, kartoniert, 32,99 Euro

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