ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2018Gewaltprävention: Aufklären, Bewusstsein schaffen

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Gewaltprävention: Aufklären, Bewusstsein schaffen

Dtsch Arztebl 2018; 115(35-36): A-1513

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Mit den vergangenes Wochenende eskalierten Ausschreitungen in Chemnitz hat die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Gewalt eine neue Stufe erreicht. Ist das ein Thema, mit dem sich diese Zeitschrift, dieser Berufsstand befassen muss? Wie stark wirkt die Eskalation von Gewalt auf die spezifischen Aufgaben und Pflichten von Medizinern?

Wer mit einem bedingungslosen „Nein“ reagiert, weil abgesehen von Nothilfe ja jeder Bürger selbst entscheiden kann, wie er sich in Gewaltsituationen verhält – sei es mit vernunftbewehrter Zivilcourage, mit sich selbst genügender Zurückhaltung oder auch mit anders motivierter Reaktion –, greift argumentativ zu kurz. Denn wer mit der Wahrung von Sicherheit, Rettung oder der gesundheitlichen Versorgung von Bürgern betraut ist, kann genau das nicht.

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Ärztinnen und Ärzte haben durch die Berufswahl, durch den Entschluss, Menschen gesundheitlich zu versorgen, eine besondere ethische Verpflichtung. Es ist Bestandteil ihres Berufsbildes, anderen zu helfen – unabhängig von deren akuter psychologischer oder körperlicher Verfasstheit. Natürlich müssen sie das, wie Polizisten, Feuerwehrleute oder Rettungshelfer auch, mit der gebotenen und angemessenen Vorsicht tun. Aber sie müssen sich der Situation stellen, im Rettungseinsatz, im Krankenhaus oder in der Praxis.

Für die Ärzteschaft selbst waren es aktuell aber nicht die Ereignisse in Chemnitz, die die Dringlichkeit zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema erneut verdeutlicht haben. Es war der erschütternde Todesfall eines Arztes im baden-württembergischen Offenburg, der Mitte August in seiner Praxis erstochen wurde. Die Motivlage des mutmaßlichen Täters ist bisher unbekannt. Es ist gerade diese scheinbare Beliebigkeit der Gewaltausbrüche, die die Menschen fassungslos macht. Rat tut not: Auch wenn es noch keine abschließende Datenlage zum Thema gibt, weiß man aus den bisher vorliegenden Zahlen, dass Übergriffe physischer oder auch angedrohter Gewalt längst keine Einzelerscheinungen mehr sind.

Der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer hat am 23. August eine Resolution verabschiedet, die fordert, dass nicht die Ärzteschaft allein, sondern die Gesamtgesellschaft sich mit dem Thema Gewalt auseinandersetzen muss. Wer die zum Überleben einer Demokratie notwendige Infrastruktur erhalten will, soll sich nicht nur der akuten Gefahrenabwehr stellen, sondern auch dafür sorgen, dass alle Bürger verstehen, warum man Helfer weder angreifen noch beim Helfen stören darf. Nicht zu Unrecht werden die Stimmen lauter, dass es hier auch um die gesellschaftliche Anerkennung der Berufe geht, die wir zum Schutz der Allgemeinheit brauchen.

Viele Fragen, die sich zum Gewaltphänomen stellen, sind nicht neu. Sie sind in Teilen schon beantwortet. Aber praktikable Lösungsansätze müssen von der Gesellschaft mitgetragen werden. Hier reicht es nicht, die jeweiligen Berufsstände damit allein zu lassen, sie zu bitten, das selbst zu regeln. Viele Vorkehrungen sind ohnehin bereits getroffen: Ausbildung in Deeskalation oder Verteidigung, psychologische Prävention, zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen sind schon fester Bestandteil des Handelns in der deutschen Gesundheitsversorgung (siehe Berichte ab Seite 1522 dieser Ausgabe). Was fehlt, ist die breite Unterstützung aus der Bevölkerung, aus der Politik, das Bewusstmachen, dass man Helfer möglichst ohne Gefahr helfen lassen muss.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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