ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2018Migräneprophylaxe: Mit Biologika auf neuen Wegen

MEDIZINREPORT

Migräneprophylaxe: Mit Biologika auf neuen Wegen

Dtsch Arztebl 2018; 115(35-36): A-1539 / B-1301 / C-1290

Zylka-Menhorn, Vera

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Der Neurotransmitter Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) gilt als ein wichtiger Trigger der Migräne. Durch direkten Eingriff in den Entstehungsmechanismus dieser häufigen neurologischen Erkrankung eröffnen monoklonale Antikörper nun die Möglichkeit einer spezifischen Vorbeugung.

Aufbruchstimmung war zu spüren auf der 60. Jahrestagung der American Headache Society (AHS) in San Francisco. Was Kliniker und Grundlagenforscher gleichermaßen hoffnungsvoll stimmt, ist ein neues Therapieprinzip auf dem Gebiet der Migräneprophylaxe: die Immuntherapie mit Antikörpern gegen das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP). „Nach vielen Jahren der Stagnation haben wir unseren Patienten endlich neue Optionen der Vorbeugung für diese schwerwiegende neurologische Erkrankung anzubieten“, sagte Prof. Richard Lipton, Direktor des Montefiore Headache Center in New York im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Bestehende prophylaktische Therapien seien ursprünglich für andere Indikationen entwickelt worden und häufig mit schlechter Verträglichkeit und/oder unzureichender Wirksamkeit verbunden, so der renommierte Neurologe. Dies führe bei den Patienten zu hohen Abbruchraten, es bestehe daher ein ungedeckter Bedarf an neuen Vorsorgemöglichkeiten.

Mittlerweile sind 44 Genvarianten (Einzelnukleotid-Polymorphismen/SNP) auf 38 Genorten bekannt, die das Risiko für Migräne erhöhen. Einige beeinflussen die Kontraktilität von glatten Muskelzellen und damit die Regulierung des Gefäßdurchmessers. Andere stehen mit oxidativem Stress und NO-Signalwegen in Verbindung, die indirekt ebenfalls die Funktion von Blutgefäßen beeinflussen. So werden in den Arterienwänden zahlreiche Botenstoffe produziert, die die Gefäßweite und auch Entzündungsreaktionen regulieren.

Dazu gehört auch das proinflammatorisch wirksame CGRP, das als einer der stärksten Vasodilatatoren gilt. CGRP und CGRP-Rezeptoren lassen sich in anatomischen Strukturen nachweisen, die für die Entstehung der Migräne (Hirnrinde, Dura mater, Hypothalamus, Kleinhirn, Hirnstamm) und das trigeminovaskuläre schmerzverarbeitende System (Neuronen) bedeutsam sind. Da insbesondere die Zellen im trigeminalen Ganglion zur Produktion von CGRP beitragen, war eine Verbindung zur Migräne naheliegend (siehe Grafik).

CGRP-Effekte an peripheren Rezeptoren
CGRP-Effekte an peripheren Rezeptoren
Grafik
CGRP-Effekte an peripheren Rezeptoren

Diese Hypothese wurde gestärkt, als man im Blut von Patienten während Migräneattacken erhöhte CGRP-Spiegel fand, die sich nach Sumatriptan-Gabe wieder normalisierten. Umgekehrt ließen sich durch die Infusion von CGRP Migräneattacken auslösen.

Es gibt verschiedene Ansätze, den Einfluss dieses Neurotransmitters therapeutisch zu unterbinden: Es werden orale, niedermolekulare CGRP-Rezeptor-Antagonisten (CGRP-RA oder Gepante) entwickelt, die nach Studienstand für die Behandlung akuter Migräneattacken wirksam sind und bei Patienten mit Kontraindikationen gegen Triptane eingesetzt werden können.

Eine neue Entwicklung zur Migräneprophylaxe sind monoklonale IgG-Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor. Aktuell haben 4 Biologika in groß angelegten, internationalen Studien ihre Wirksamkeit belegt. Das sind:

  • Erenumab (Amgen/Novartis),
  • Galcanezumab (Eli Lilly),
  • Fremanezumab (Teva),
  • Eptinezumab (Alder Biopharm
    aceuticals).

Während Galcanezumab, Fremanezumab und Eptinezumab sich direkt gegen CGRP richten, inhibiert Erenumab den CGRP-Rezeptor. Alle monoklonalen Antikörper sind wirksamer als Placebo und im indirekten Vergleich ebenso wirksam wie die bisher eingesetzten Migräneprophylaktika. Die Substanzen zeichnen sich durch ihre hohe Spezifität, ein schnelles Ansprechen und ein sehr gutes Nebenwirkungsprofil aus. Eptinezumab wird alle 3 Monate intravenös injiziert, die anderen Antikörper werden monatlich oder im Abstand von 3 Monaten subkutan verabreicht. Sowohl die Applikationsform als auch der rasche Wirkungseintritt könnten sich günstig auf die ansonsten oft schlechte Therapieadhärenz auswirken. Hinzu kommt, dass die Verträglichkeit nach bisher vorliegenden Informationen gut ist. Die Rate der Studienabbrüche lag bei 2–4 %.

Migräne stört die produktivsten Lebensjahre eines Menschen

Warum Patienten und Ärzte auf neue Optionen der Therapie und Prophylaxe hoffen, zeigt die Statistik: Insgesamt leiden in Deutschland etwa 8–10 % der Männer und 10–25 % der Frauen an Migräne. Damit ist sie in der Altersgruppe der 15- bis 49-Jährigen die häufigste neurologische Krankheit. „Dies sind die produktivsten Lebensjahre eines Menschen, und die Patienten begegnen einer Reihe von Hindernissen. Die Erkrankung stört Ausbildung, berufliches und persönliches Leben“, so der renommierte US-Neurologe Lipton: „Migräne ist mit erheblichen Schmerzen, körperlichen Beeinträchtigungen, reduzierter Lebensqualität, Arbeitsunfähigkeit und finanziellen Belastungen verbunden – auch für die Gesellschaft.“

Auf dem AHS-Kongress in San Francisco wurden Studien vorgestellt, die das Verständnis für die Auswirkungen von Migräne auf Aspekte des persönlichen Lebens vertiefen. So erleben Menschen mit chronischer Migräne in einem erheblichen Ausmaß Störungen des Familienlebens und der Partnerschaft. Beispielsweise gebären Patientinnen mit chronischer Migräne weniger Kinder als Frauen mit episodischer Migräne respektive geben den Kinderwunsch auf, so aktuelle Auswertungen der CaMEO-Studie, einer prospektiven, longitudinalen, webbasierten Studie mit den Daten von 13 064 Befragten (1). „Wir sollten den emotionalen Auswirkungen der Migräne mehr Beachtung schenken“, forderte Professorin Dawn C. Buse, Neurologin am Albert Einstein College of Medicine der Yeshiva University in New York.

Auch die Kinder von Migränepatienten erfahren eine erhebliche Belastung. Das Leiden eines Elternteils stört die Entwicklung der Kinderbeziehung und Kinder. Auch wird mangelnde Unterstützung in Dingen des täglichen Lebens durch den kranken Elternteil beklagt, so das Ergebnis einer separaten Online-Umfrage, die vollständig von 51 Eltern und 41 Kindern im Alter von 11–17 beantwortet wurde (2).

Es wird geschätzt, dass die deutsche Bevölkerung 32 Millionen Arbeitstage durch Migräne verliert. Bereits 2016 hatte die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) die Migräne als eine der 10 Hauptursachen eingestuft, aufgrund derer Männer und Frauen jahrelang mit Einschränkungen leben müssen (3). Um so erstaunlicher ist es, dass Migräne häufig nicht diagnostiziert und/oder nur unzureichend behandelt wird (4). Allerdings: „Viele Migränepatienten weisen nicht die klassischen Symptome auf, die wir im Studium gelernt haben“, sagte Prof. Jelena Pavlovic, Montefiore Headache Center in New York, selbst Migränepatientin.

Umfrage der Fachgesellschaft deckt Versorgungslücken auf

Nach einer aktuellen Repräsentativbefragung der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) werden auch die Prophylaxemöglichkeiten kaum ausgeschöpft (5). Das beginnt bei der Kommunikation: Weniger als die Hälfte (43 %) der Migränepatienten werden beim Hausarzt oder Internisten zu vorbeugenden Maßnahmen beraten; beim Facharzt sind es nur 57 %. Letztlich erhalten nur 22 % der Betroffenen, die von einer Prophylaxe profitieren könnten, Medikamente oder Maßnahmen. Doch was kann man tun? Eine medikamentöse Migräneprophylaxe ist nach der gerade aktualisierten deutschen Leitlinie (6) indiziert bei:

  • 3 oder mehr Attacken pro Monat in einer Stärke, die die Lebensqualität beeinträchtigt,
  • Migräneattacken, die länger als 48–72 Stunden anhalten,
  • Attacken, die auf die Akuttherapie nicht ansprechen,
  • Patienten, die die Nebenwirkungen der Akuttherapie nicht tolerieren können und
  • bei Zunahme der Attackenfrequenz und Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln an mehr als 10 Tagen im Monat.

Am besten durch randomisierte kontrollierte Studien belegt ist die prophylaktische Wirkung der Betablocker Propranolol und Metoprolol, des Kalziumantagonisten Flunarizin sowie der Antikonvulsiva Valproinsäure und Topiramat. Auch das trizyklische Antidepressivum Ami-triptylin ist wirksam. Valproinsäure sollte wegen seiner ausgeprägten teratogenen Eigenschaften bei Frauen im gebärfähigen Alter nicht eingesetzt werden. Als Migräneprophylaxe nicht wirksam sind selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer.

Eine nachgewiesene Wirksamkeit der Prophylaxe der chronischen Migräne hat Onabotulinumtoxin A, das in einer Dosis von 155 oder 185 IE alle 3 Monate im Bereich der Stirn, der Schläfe, des Hinterkopfs, des Nackens und der Schultermuskulatur injiziert wird.

In den letzten Jahren wurde eine Reihe von nichtinvasiven Neurostimulationsverfahren entwickelt, die für die Prophylaxe der Migräne wirksam sind. Dazu gehört die transkutane Stimulation des N. supraorbitalis. Invasive Verfahren der Neurostimulation, wie die bilaterale Stimulation des N. occipitalis major oder die Implantation einer Elektrode in das Ganglion sphenopalatinum, die beim chronischen Clusterkopfschmerz wirksam sind, werden zur Migräneprophylaxe nicht empfohlen. Abgeraten wird von der chirurgischen Durchtrennung des M. corrugator oder anderer perikranieller Muskeln und vom Verschluss eines offenen Foramen ovale.

Die bei Patienten beliebte Akupunktur ist für die Prophylaxe der Migräne wirksam, die Homöopathie hingegen unwirksam. Einen hohen Stellenwert haben Entspannungstrainings unterschiedlicher Art erlangt. Die progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen (PMR) hat weite Verbreitung gefunden, ebenso Biofeedbackverfahren. Auch regelmäßiger Ausdauersport wird empfohlen.

Was haben die Biologika in diesem Setting zu bieten?

Im Gegensatz zu allen anderen bisher verfügbaren Prophylaktika ist die Immuntherapie erstmals spezifisch für die Migränevorbeugung entwickelt worden. Eine langsame Aufdosierung aufgrund von Unverträglichkeiten und Nebenwirkungen ist hierbei nicht erforderlich. Der Wirkeintritt ist bereits innerhalb von wenigen Tagen zu erwarten. Mithilfe der Biologika wird die Zahl der Migränetage pro Monat reduziert, und zwar in ähnlichen Größenordnungen wie bei bisherigen Prophylaktika. Den größten Nutzen haben Patienten mit erfolgloser Vortherapie.

Das Rennen um die erste Zulassung in Deutschland hat Erenumab gewonnen. Novartis wird den Antikörper als Aimovig® (70 mg) im November auf den Markt bringen. Die Patienten können sich das Biologikum selbst mittels Autoinjektor subkutan injizieren. Die Indikation zielt auf die Prophylaxe der episodischen (mindestens 4 Tage/Monat) und chronischen Migräne (mehr als 15 Tage/Monat) bei Erwachsenen.

Mehr als 3 000 Patienten sind in das klinische Studienprogramm eingeschlossen. Die Zulassung durch die EMA beruht auf 2 Studien, die 667 Patienten mit chronischer und 955 mit episodischer Migräne untersucht haben. Nach 3-monatiger Behandlung zeigten Patienten mit chronischer Migräne eine Reduktion um durchschnittlich 2,5 monatliche Migränetage im Vergleich zu Placebo. Bei Patienten mit episodischer Migräne betrug die Reduktion je nach Dosis 1,3 (70 mg) oder 1,8 Tage (140 mg). Die häufigsten Nebenwirkungen waren Injektionsstellenreaktionen, Verstopfung, Muskelkrämpfe und Juckreiz. Auf dem AHS-Kongress wurden nun weitere Daten zu Erenumab vorgestellt.

Erenumab-Extensionsstudie bei chronischer Migräne: Nach der 12-wöchigen Phase-II-Studie konnten geeignete Patienten in die Open-Label-Extensionsstudie aufgenommen werden. 451 Personen nahmen im Studienverlauf durchgehend Erenumab 70 mg oder 140 mg ein oder sie erhöhten im Verlauf von 70 mg auf 140 mg (7). Der primäre Studienendpunkt war die langfristige Sicherheit. Dabei zeigte Erenumab ein Profil, das mit den vorherigen, kürzer dauernden placebokontrollierten Studien übereinstimmte. Ausgehend von durchschnittlich 18,1 Migräne-tagen pro Monat (Baseline) erreichten die mit Erenumab behandelten Patienten eine Reduktion:

  • um 10,5 Tage (140 mg) respektive 8,5 Tage (70 mg);
  • der Migränetage/Monat um mindestens 50 %: 67 % bzw. 53 % der Patienten
  • der Migränetage/Monat um mindestens 75 %: 42 % bzw. 27 % der Patienten;
  • einen migränefreien Status: 13 % bzw. 6 % der Patienten.

Als Nebenwirkungen wurden am häufigsten beobachtet Infektionen der oberen Atemwege, Sinusitiden und Arthralgien. „Die Ergebnisse bestätigten das etablierte Sicherheits- und Wirksamkeitsprofil des Medikaments im Langzeiteinsatz über ein Jahr“, sagte Stewart J. Tepper, MD, Professor für Neurologie an der Geisel School of Medicine, Dartmouth Medical School.

Erenumab-Extensionsstudie bei episodischer Migräne: Nach einer 12-wöchigen Phase-II-Studie erhielten die Patienten anfangs 70 mg Erenumab monatlich. Eine Protokolländerung erhöhte die Dosis auf 140 mg monatlich, um die Langzeitsicherheit der höheren Dosis zu bewerten (EKG, Labor, und Vitalfunktionen). Von den 383 Patienten, die an der Open-Label-Extension teilnahmen, waren zum Zeitpunkt des Cut-off für diese Interimsanalyse 235 Patienten (61,3 %) in der Studie verblieben, die mindestens 3 Jahre lang Erenumab erhalten hatten. Die Studie wird bis zu einer Behandlungsdauer von 5 Jahren weitergeführt.

Die Ergebnisse der 3-jährigen Interimsanalyse verdeutlichten, dass das Sicherheitsprofil von Erenumab mit dem der kürzer laufenden placebokontrollierten Studien übereinstimmt. „Hierbei handelt es sich um die am längsten laufende Studie zu CGRP“, sagte Ashina in San Francisco. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Infektionen der oberen Atemwege, Sinusitiden, Influenza und Rückenschmerzen (8).

Da CGRP ein potenter Vasodilatator ist, stand die theoretische Frage im Raum, inwieweit durch die „CGRP-Hemmung“ unerwünschte kardiovaskuläre Effekte oder große Blutdruckschwankungen auftreten könnten. Dies war nicht der Fall.

Eine besondere Herausforderung in der Praxis sind Patienten, die bisherige prophylaktische Migränetherapien erfolglos abgebrochen haben. Dass dies häufig der Fall ist, belegen französische Versicherungsdaten, die in San Francisco vorgestellt wurden. Von 8 639 Migränepatienten unter Therapie hatten 36 % in den vorangehenden 3 Jahren eine Prophylaxe aufgegeben, bei 20 % waren es mindestens 3 Medikationen (9).

LIBERTY untersucht zuvor erfolglos behandelte Patienten

Dieses besondere Patientenklientel untersuchte die Studie LIBERTY, bei der 246 Teilnehmer randomisiert eine 12-wöchige doppelblinde Behandlungsphase entweder mit Erenumab 140 mg oder Placebo durchliefen (10). Zu Studienbeginn waren 39 % der Teilnehmer erfolglos mit 2 Arzneimitteln behandelt worden, 38 % mit 3 und 23 % mit 4 Medikamenten. Im Durchschnitt hatten die Teilnehmer 9 Migränetage pro Monat, bei denen sie fünfmal Akutmedikamente eingenommen haben.

„Im Vergleich zum Ausgangswert erreichten 30 % der mit Erenumab behandelten Patienten eine Reduktion der Migränetage, mindestens 50 % während des dritten Therapiemonats“, erläuterte Prof. Peter Goadsby, University of California, San Francisco, den primären Studienendpunkt. In der Placebogruppe waren es 13,7 % (95-%-KI: 2,73, 143–5,19; p = 0,002). Kein Patient der Erenumab-Gruppe brach die Behandlung wegen unerwünschter Ereignisse ab.

Konversion von chronischer zu episodischer Migräne: Nahezu alle Migränepatienten leiden zunächst an episodischen Schmerzattacken (92 %), rund 8 % direkt an der chronischen Form, definiert als mindestens 15 Kopfschmerztage pro Monat. In etwa 2,5 % der Fälle wandelt sich die episodische Migräne in eine chronische Migräne um. Allerdings ist auch der umgekehrte Fall möglich. Die 2-Jahres-Transitionsrate von chronisch auf episodisch wird in der Literatur zwischen 26 und 58 % angegeben. Unter Erenumab-Therapie wurde dies nach 3 Monaten zu 54,8 % (70 mg) respektive zu 52,4 % (140 mg) beobachtet (11).

Was bedeuten die Ergebnisse für die Versorgung?

  • Die Migräne ist eine komplexe Erkrankung, die durch unterschiedliche pathophysiologische Wege und verschiedenste Moleküle vermittelt wird.
  • Die Bedeutung des Neurotransmitters CGRP variiert dabei von Patient zu Patient. Dies erklärt, weshalb die Biologika nur bei einem Teil der Migränepatienten eine klinische Wirkung entfalten.
  • Patienten, bei denen CGRP pathophysiologisch im Vordergrund steht, profitieren – insbesondere solche, die bisherige prophylaktische Therapien erfolglos abgebrochen haben.
  • Unter der Therapie mit monoklonalen Antikörpern wird die Zahl der Migränetage pro Monat zwar signifikant reduziert, aber in einem Ausmaß, das sich nicht wesentlich von den bereits verfügbaren Prophylaktika unterscheidet.
  • Vorteilhaft ist allerdings, dass die Biologika außerhalb der Bluthirnschranke wirken und damit zentralnervöse Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel, Veränderungen von Emotionen und Gewichtszunahme nicht zu erwarten sind.
  • Die Dosierung (monatlich oder im Abstand von 3 Monaten) lässt eine gute Compliance erwarten.
  • Die Kosten für die neue Antikörpertherapie werden deutlich höher liegen als für die bisherigen Migräneprophylaktika.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3518
oder über QR-Code.

Migränesubgruppen identifiziert

Da die Migräne eine heterogene Erkrankung ist, erhofft man sich von der Identifizierung ihrer Untergruppen eine Individualisierung der Behandlung. In der CaMEO-Studie untersuchten Lipton und sein Team die Patientenprofile anhand von Komorbiditäten (12). Man identifizierte 8 zugrunde liegende Muster komorbider Gesundheitsprobleme bei Migräne. Diese Untergruppen wurden klassifiziert als: „viele Komorbiditäten“, „respiratorisch und psychiatrisch“, „respiratorisch und schmerzhaft“, „respiratorisch“, „psychiatrisch“, „kardiovaskulär“, „Schmerz“ und „wenige Komorbiditäten“.

Jede dieser Untergruppen wies unterschiedliche Kopfschmerzmerkmale und Behandlungsmuster auf. In nachfolgenden Untersuchungen sollen nun prognostische Differenzen aufgezeigt werden. „Mit solchen Ergebnissen sind die Ärzte dann in der Lage, die Reaktion des Patienten auf die Behandlung vorherzusagen und effektive Migränemanagementpläne zu rationalisieren“, sagte Peter Goadsby, Professor am King‘s College London und der Universität von Kalifornien in San Francisco, auf dem AHS-Kongress.

1.
Buse DC, et al.: Life with Migraine, Effect on Relationships: Results of the Chronic Migraine Epidemiology and Outcomes (CaMEO) Study. Data presented at 60th Annual Scientific Meeting of the American Headache Society, San Francisco, June 2018. Presentation OR-06.
2.
Seng EK, et al.: When Mom has Migraine: An Observational Study of the Burden of Parental Migraine on Children. Data presented at 60th Annual Scientific Meeting of the American Headache Society, San Francisco, June 2018. Presentation OR-07.
3.
World Health Organization (WHO): Global Health Estimates 2015: Disease burden by Cause, Age, Sex, by Country and by Region, 2000–2015. Geneva 2016.
4.
World Health Organization (WHO): Headache disorders. http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs277/en/ (last accessed on 22 August 2018).
5.
Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG): Neue Migräne-Leitlinie veröffentlicht: Patienten in Deutschland müssen besser versorgt werden. Gemeinsame Presseinformation vom 26. April 2018.
6.
Diener H-C, Gaul C, Kropp P, et al.: Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), 2018. https://www.dgn.org/leitlinien/3583-ll-030–057–2018-therapie-der-migraeneattacke-und-prophylaxe-der-migraene (last accessed on 22 August 2018).
7.
Tepper S, et al.: Assessment of the Long-Term Safety and Efficacy of Erenumab During Open-Label Treatment of Subjects With Chronic Migraine. Data presented at 60th Annual Scientific Meeting of the American Headache Society, San Francisco, June 2018. Poster.
8.
Ashina M, et al.: Long-term Safety and Tolerability of Erenumab: Three-plus Year Results from an Ongoing Open-Label Exten-
sion Study in Episodic Migraine. Data presented at 60th Annual Scientific Meeting of the American Headache Society, San Francisco, 30 June 2018. Presentation IOR 01.
9.
Donnet A, et al.: Migraine burden and costs: A nationwide Population-based controlled Cohort Study using the French EGB Database. Data presented at 60th Annual Scientific Meeting of the American Headache Society, San Francisco, June 2018. Poster PF 85.
10.
Goadsby P, et al.: Efficacy and Safety of Erenumab in Episodic Migraine Patientes with 2–4 prior preventive Failures; Results from the phase 3b LIBERTY study. Presentation IOR-08.
11.
Lipton RB, et al.: Conversion from Chronic to Episodic Migraine with Erenumab, a specific Inhibitor of the Calcitonin Gene-Related Peptide Receptor. Data presented at 60th Annual Scientific Meeting of the American Headache Society, San Francisco, June 2018. Poster PS 25.
12.
Lipton RB, Fanning KM, Buse DC, et al.: Identifying natural subgroups of migraine based on comorbidity and concomitant condition profiles: results of the Chronic Mi-graine Epidemiology and Outcomes (CaMEO) study. Presented at 60th Annual Scientific Meeting American Headache Society, San Francisco, June 28–July 1, 2018. Presentation OR17. Wolff Award Lecture CrossRef
13.
Raddant AC, Russo AF: Calcitonin gene-related peptide in migraine: intersection of peripheral inflammation and central modulation. Expert Reviews in Molecular Medicine. 2011; 13: e36. https://doi.org/10.1017/S1462399411002067.
CGRP-Effekte an peripheren Rezeptoren
CGRP-Effekte an peripheren Rezeptoren
Grafik
CGRP-Effekte an peripheren Rezeptoren
1.Buse DC, et al.: Life with Migraine, Effect on Relationships: Results of the Chronic Migraine Epidemiology and Outcomes (CaMEO) Study. Data presented at 60th Annual Scientific Meeting of the American Headache Society, San Francisco, June 2018. Presentation OR-06.
2.Seng EK, et al.: When Mom has Migraine: An Observational Study of the Burden of Parental Migraine on Children. Data presented at 60th Annual Scientific Meeting of the American Headache Society, San Francisco, June 2018. Presentation OR-07.
3. World Health Organization (WHO): Global Health Estimates 2015: Disease burden by Cause, Age, Sex, by Country and by Region, 2000–2015. Geneva 2016.
4.World Health Organization (WHO): Headache disorders. http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs277/en/ (last accessed on 22 August 2018).
5.Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG): Neue Migräne-Leitlinie veröffentlicht: Patienten in Deutschland müssen besser versorgt werden. Gemeinsame Presseinformation vom 26. April 2018.
6.Diener H-C, Gaul C, Kropp P, et al.: Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), 2018. https://www.dgn.org/leitlinien/3583-ll-030–057–2018-therapie-der-migraeneattacke-und-prophylaxe-der-migraene (last accessed on 22 August 2018).
7.Tepper S, et al.: Assessment of the Long-Term Safety and Efficacy of Erenumab During Open-Label Treatment of Subjects With Chronic Migraine. Data presented at 60th Annual Scientific Meeting of the American Headache Society, San Francisco, June 2018. Poster.
8.Ashina M, et al.: Long-term Safety and Tolerability of Erenumab: Three-plus Year Results from an Ongoing Open-Label Exten-
sion Study in Episodic Migraine. Data presented at 60th Annual Scientific Meeting of the American Headache Society, San Francisco, 30 June 2018. Presentation IOR 01.
9.Donnet A, et al.: Migraine burden and costs: A nationwide Population-based controlled Cohort Study using the French EGB Database. Data presented at 60th Annual Scientific Meeting of the American Headache Society, San Francisco, June 2018. Poster PF 85.
10.Goadsby P, et al.: Efficacy and Safety of Erenumab in Episodic Migraine Patientes with 2–4 prior preventive Failures; Results from the phase 3b LIBERTY study. Presentation IOR-08.
11.Lipton RB, et al.: Conversion from Chronic to Episodic Migraine with Erenumab, a specific Inhibitor of the Calcitonin Gene-Related Peptide Receptor. Data presented at 60th Annual Scientific Meeting of the American Headache Society, San Francisco, June 2018. Poster PS 25.
12.Lipton RB, Fanning KM, Buse DC, et al.: Identifying natural subgroups of migraine based on comorbidity and concomitant condition profiles: results of the Chronic Mi-graine Epidemiology and Outcomes (CaMEO) study. Presented at 60th Annual Scientific Meeting American Headache Society, San Francisco, June 28–July 1, 2018. Presentation OR17. Wolff Award Lecture CrossRef
13. Raddant AC, Russo AF: Calcitonin gene-related peptide in migraine: intersection of peripheral inflammation and central modulation. Expert Reviews in Molecular Medicine. 2011; 13: e36. https://doi.org/10.1017/S1462399411002067.

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