ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2018Künstliche Intelligenz: Kritische Vernunft
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Für Dr. Ed (Health Bridge Ltd.) braucht man weiterhin Ärzte, „um gesunden Menschenverstand darauf anzuwenden, welches medizinische Problem vorliegt, und um den empathischen Kontakt mit dem Patienten aufrechtzuerhalten“.

Welch ein groteskes Missverständnis! Gesunder Menschenverstand schadet nie, aber hier braucht man kritische Vernunft. Was sich – völlig übertrieben – heute künstliche „Intelligenz“ (KI) nennt, bewegt sich innerhalb von digitalisierten Algorithmen. Damit bewegt man sich in vorbestehenden oder neu entwickelten Ordnungssystemen. Unser ganzes Studium, unsere klinische Erfahrung, alle klinischen Studien dienen dem Verständnis dieser Systematik unserer Krankheitsbilder. Daraus entwickelt man Evidence Based Medicine (EBM) und die medizinisch-wissenschaftlichen Indikationen. Hier ist KI sicher umfassender, schneller und korrekter als Menschen, hier kann sie eine große Hilfe sein. Handlungstheoretisch befinden wir uns nach T. Parsons und N. Luhmann auf der Ebene des Verstandes und des situationsgerechten Verhaltens. Wir sprechen also von der üblichen Routine in der ärztlichen Tätigkeit.

Richtig spannend wird es, wenn ein Patient mit seiner Erkrankung nicht algorithmisierbar ist, wenn er also zum Beispiel einen eigenen Willen hat, wenn er zum Beispiel eine schwer diagnostizierbare, seltene Erkrankung hat, wenn zum Beispiel seine Therapie aus irgendwelchen Gründen nicht leitliniengerecht sein kann, wenn wir seine Krankheit nicht in die Schubladen der EBM einsortieren können. Dann müssen wir nachdenken und befinden uns jetzt auf der Ebene der Vernunft. Leider ist die sehr langsam: Man muss Informationen sammeln, mit Kollegen sprechen, Schlüsse ziehen, Alternativen abwägen. Was dem Patientenwohl dienen könnte, erfährt man nur im Gespräch mit dem Patienten und seinen Angehörigen. Daraus entwickelt man eine ärztlich-patientenorientierte Indikation (auf der Basis der EBM), die der Patient in seinem Umfeld mittragen kann. Da genügt es keineswegs, „den empathischen Kontakt mit dem Patienten aufrechtzuerhalten“. Es ist die Entwicklung einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung ebenso wie kritische Vernunft gefragt.

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Solange KI-Experten nicht verstehen können oder wollen, wie patientenorientierte Medizin im Sinne des Patientenwohls tatsächlich arbeitet, wird sich iDoc schwer tun.

Prof. Dr. med. Dr. med. habil. Michael Schmidt, 97204 Höchberg

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