ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2018Blinddarmentzündung: Aktive Entscheidung
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Nach sorgfältigem Studium des Artikels stellt sich für mich die Frage auf, ob man so mit der Vielzahl von literaturbegründeten Abwägungen tatsächlich in einen partizipativen Entscheidungsprozess mit dem Patienten, oder schwieriger noch, mit den Eltern von betroffenen Kindern ohne Weiteres eintreten kann. Nach der eigenen 37-jährigen klinisch-chirurgischen Erfahrung, davon 17 Jahre in Endverantwortung, ist weder die Ätiologie noch der natürliche Verlauf der Appendizitis verstanden. Die aktuellen Überlegungen zur womöglich vermehrt konservativen Antibiotikabehandlung dieser Erkrankungsentität basieren auf der Ex-ante-Feststellung einer „unkomplizierten“ Appendizitis. Bildgebung durch Sonografie und kurzfristige Verlaufsbeobachtung sollen diese Einschätzung möglichst verlässlich machen.

Wer allerdings, gerade bei einem Kind, mehrmals erleben musste, wie diese kleinen wehrlosen Menschen nach zu spät erkannter, dann doch komplizierter Appendizitis unter erheblichen Qualen knapp dem Tode entronnen sind, der schaudert bei dem Gedanken, so etwas durch liberalisierten Umgang mit Operationsindikation mehr als unbedingt erforderlich erneut erleben zu müssen.

Wenn man, wie in unserer Klinik, mit einem hohen Prozentsatz überproportional häufig betroffener Heranwachsender, gerade durch den Segen der minimalinvasiven Appendektomie (n = 2000 von 2001 –18) so extrem gute Erfahrungen mit der chirurgischen Problemlösung gemacht hat – so gehen besonders bei unkomplizierten Appendizitiden die Kinder nach laparoskopischer Appendektomie am 2. Tag weitgehend unbeeinträchtigt und ihres Problems definitiv entledigt nach Hause – fragt man sich, ob die im Artikel beschriebenen differenzierten Behandlungsstrategien bei dieser weitgehend unverstandenen Erkrankung tatsächlich zielführend sind.

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Natürlich muss bei unklaren Unterbauchbeschwerden chirurgisch-klinisch sorgfältig abgewogen und müssen die Behandlungsalternativen speziell mit den Eltern in Ruhe besprochen werden. Angesichts verschwindend geringer chirurgischer Komplikationsraten, explizit bei der unkomplizierten Appendizitis, darf die Entscheidung zur Operation aber auch gut begründet im Zweifel gegen den Angeklagten (Appendix) fallen. Wer einmal die Erleichterung der fürsorglichen Eltern oder der betroffenen erwachsenen Patienten im Moment der Festlegung zum Eingriff und vor allem am nächsten Morgen einen weitgehend beschwerdefreien Patienten mit der Gewissheit der abgewendeten Bedrohung erlebt hat, wird den liberaleren Umgang mit der OP-Indikation leicht verstehen. Hier obsiegt dann eben die Magie der aktiven Entscheidung über oft genug quälend fortbestehende Ungewissheit.

Priv.-Doz. Dr. med. Joachim W. Heise, 52222 Stolberg

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