SPEKTRUM: Leserbriefe

Robert Schumann: Fehldiagnose

Dtsch Arztebl 1999; 96(46): A-2940 / B-2510 / C-2330

Mehl, Vera

Zu dem Beitrag "Eine anrüchige Diagnose?" von Dr. med. Ulrich Skubella in Heft 40/1999:
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Sie räumen einer einseitigen Betrachtungsweise zuviel Platz ein und geben dieser Darstellung durch das Titelbild ein zu großes Gewicht. Wenn auch ein Fragezeichen hinter der - auch heutzutage noch - "anrüchigen" Diagnose steht, so vermittelt doch die in sich schlüssige und auf den ersten Blick plausibel erscheinende Darstellung mit dem nachfolgenden Kommentar den Eindruck, daß es sich um eine wahre Diagnose handelt.
Mir erscheint die Darstellung indes zurechtgezimmert auf die vorgestellte Diagnose, die meines Erachtens eine Fehldiagnose ist. Der Verfasser glaubt, die aufgeführten Symptome des Musikers auf eine einzige Diagnose - nämlich die Syphilis (Lues) - zurückführen zu können oder zu müssen. Selbst wenn einiges dafür spräche, könnte man im übrigen einen derart phantastischen Komponisten doch in Ruhe ruhen lassen, zumal sich nach so langer Zeit eine Todesursache mit letzter Sicherheit nicht mehr feststellen läßt. Muß man jetzt noch eine Diagnose finden, die ihn quasi nachträglich - und wohl zu Unrecht - abstempelt? Schumanns Schicksal war schlimm genug! "Fernhalten eines Makels?" - Ja!
Im vorliegenden Bericht fehlt der Hinweis, daß in Schumanns Familie mehrere Mitglieder an Tuberkulose litten; zumindest ein Sohn starb meines Wissens daran. Es ist nun naheliegend anzunehmen, daß auch der in seiner Resistenz geschwächte R. Schumann von dieser Infektionskrankheit nicht verschont geblieben ist. Der Obduktionsbericht spricht meines Erachtens sehr für eine abgelaufene tuberkulöse Meningo-Enzephalitis; in typischer Weise sind dabei die basalen Hirnabschnitte besonders betroffen, auch die knöcherne Schädelbasis kann angegriffen sein. Die Exazerbation dieser Infektion kann zu Schumanns frühem und schließlich auch relativ raschem Tod geführt haben. Die geschilderten abnorm weiten Pupillen Schumanns sprechen eher gegen eine Lues. Es mag schlicht und einfach eine zeitweilig erhöhte Sympathikusaktivität vorgelegen haben; es kann aber auch ein pathologischer Prozeß an der Schädelbasis (via Schädigung des N. oculomotorius) dafür verantwortlich gewesen sein.
Die im Laufe des Lebens bestehenden Beschwerden (Depressionen, autistische Verhaltensweisen, Schwindel, Tinnitus, Hörstörungen, schizophrene Symptomatik) lassen sich eher (und allesamt!) auf eine - leider unbekannte, aber weitverbreitete - Stoffwechselstörung, nämlich die Pyrrolurie, zurückführen. Die Pyrrolurie verursacht hauptsächlich einen gravierenden Mangel an Vitamin B6 und Zink, da diese zur "Entsorgung" der im Übermaß anfallenden Pyrrolringe (Bestandteile des Blutfarbstoffs Häm) benötigt werden (zur Komplexbildung und Ausscheidung über den Urin) und dem Organismus dadurch verlorengehen. In den vergangenen Monaten habe ich interessehalber etliche, zumeist hochmusikalische Patienten mit ähnlicher, allerdings schwächerer Symptomatik (dabei auch Depressionen, psychomotorische Störungen, Kopfschmerzen, vermehrte cerebrale Erregbarkeit und Tinnitus!) auf diese Stoffwechselstörung hin untersuchen lassen: alle haben eine Pyrrolurie, alle fühlen sich unter Substitution der fehlenden Vitamine (hauptsächlich Vitamin B6) und Spurenelemente (hauptsächlich Zink) und diätetischen Maßnahmen (Reduktion unverträglicher Eiweiße) inzwischen besser. Interessanterweise leiden/litten zwei dieser Patienten passager auch unter den bei Schumann erwähnten Sprachstörungen, die man ebenfalls bei MS-Kranken des öfteren antrifft. Nebenbei bemerkt, läßt sich im übrigen bei MultipleSklerose-Kranken die Stoffwechselstörung Pyrrolurie besonders häufig finden. Da ein extremer Zinkmangel zu einer Infektabwehrschwäche führt, könnte dieser die Ursache für eine besondere Tuberkuloseanfälligkeit gewesen sein. Das paßt doch auch alles zusammen. Ich hoffe, die Diagnose des Verfassers erschüttert zu haben.
Dr. med. Vera Mehl, Birkenweg 3, 91054 Buckenhof
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