ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2018Psychotherapie in Europa: Tschechien – Es gibt keine etablierten Qualitätsstandards

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Psychotherapie in Europa: Tschechien – Es gibt keine etablierten Qualitätsstandards

PP 17, Ausgabe September 2018, Seite 406

Sonnenmoser, Marion

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Unter der Herrschaft der Kommunisten durfte Psychotherapie nur eingeschränkt ausgeübt werden. Forschung und Lehre wurden der marxistischen Ideologie untergeordnet. Heute ist Psychotherapie fester Bestandteil der Gesundheitsversorgung, die Akzeptanz in der Bevölkerung ist aber gering.

Foto: cge2010/stock.adobe.com; mirkomedia/stock.adobe.com [m]
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Bereits im 16. Jahrhundert wurden in den Ländern der Böhmischen Krone, zu denen unter anderem Böhmen und Mähren gehörten, philosophische Überlegungen zum Menschen angestellt. Später wurden Einflüsse aus Österreich und Ungarn sowie aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich maßgebend für die Entwicklung der noch jungen Psychologie auf tschechischem Gebiet. Mit der Eröffnung der Psychiatrischen Abteilung 1886 an der Universität Prag wurde schließlich der Grundstein für die spätere Psychotherapie gelegt. Die Epoche, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann, vom Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde und mit dem Zweiten Weltkrieg endete, war einerseits von experimenteller Forschung und der Entwicklung von psychologischen Testverfahren, andererseits von der Psychoanalyse geprägt. Zu den Pionieren der Psychologie in dieser Zeit gehörten unter anderem der Mediziner Jaroslav Stuchlík (1890–1967), der der bekannteste Psychoanalytiker seiner Zeit war. Er traf Sigmund Freud (der aus Mähren stammte), Eugen Bleuler und Carl Gustav Jung und brachte die Psychoanalyse 1921 in die Tschechoslowakei. Darüber hinaus beschäftigte er sich mit Hypnose und Sprache und arbeitete mit dem Rorschach-Assoziations- und Baumtest. Weitere Pioniere waren zum Beispiel Jan Šimsa (1865– 1945), der sich mit Alkoholismus, natürlichen Heilverfahren, Suggestion und Hypnose befasste, sowie Vilém Forster (1884–1934), der als erster Nichtmediziner als Psychotherapeut und Psychoanalytiker tätig war.

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Psychoanalytiker emigrierten

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten 1939 bis 1945 wurde das Betreiben von Psychoanalyse und anderen psychotherapeutischen Verfahren verboten. Die Nazis merzten psychisch Erkrankte systematisch aus, trieben viele Psychoanalytiker in die Emigration und ermordeten einige von ihnen in den Konzentrationslagern. Diejenigen Psychoanalytiker, die im Land blieben, arbeiteten weiter, jedoch im Untergrund.

Als 1948 die Kommunisten in der Tschechoslowakischen Republik an die Macht kamen, verbesserte sich die Lage nicht wesentlich. Die Kommunisten hielten Psychologie und Psychotherapie für redundant und für Pseudowissenschaften. Sie sahen die Psychoanalyse als Konkurrenz zum Marxismus und verboten sie. Auch westliche Literatur und Psychologie, insbesondere der Behaviorismus, wurden abgelehnt, während Hypnose, autogenes Training, rationale Psychotherapie und Gruppentherapie erlaubt waren. Forschung und Lehre wurden auf das Studium des zentralen Nervensystems und die Lehren Pavlows reduziert. Psychische Erkrankungen wurden als rein biologisch angesehen und behandelt. Psychologie und Psychotherapie durften nur sehr eingeschränkt ausgeübt werden und mussten sich an der marxistischen Philosophie, insbesondere am dialektischen Materialismus, orientieren. Psychologen, die sich ideologisch nicht anpassten, konnten zwar in Forschungslaboren und anderen Einrichtungen arbeiten, wurden aber verfolgt und ausspioniert. Viele hatten Angst, ihre Arbeit zu verlieren. Ihre Familien wurden schikaniert und ihre Schriften verboten. Einige landeten auch im Gefängnis. Trotzdem gab es weiterhin therapeutische Sitzungen und psychoanalytische Ausbildungen. Die Beteiligten agierten jedoch im Verborgenen.

In den 1950er-Jahren war das kommunistische Regime geschwächt und weniger repressiv. Es erlaubte die Ausübung von Psychologie und Psychotherapie und rehabilitierte die Psychoanalyse und ihre Vertreter. Das führte zu einem erneuten Aufschwung: Fachgesellschaften wurden neu oder erneut ins Leben gerufen, erste Fachzeitschriften wurden herausgegeben und drei Universitäten (Prag, Brno, Olomouc) boten Studiengänge in Psychologie an. 1959 trafen sich erstmals amerikanische und sowjetische Psychotherapeuten und Psychiater auf einem Kongress.

Einflüsse aus dem Westen

In den 1960er-Jahren wurden Einflüsse aus dem Westen immer maßgeblicher. So wurden etwa die Ansätze und Verfahren von Frankl, Rogers, Jung und Moreno populär. Gleichzeitig wandten sich Psychologen und Psychotherapeuten vom Marxismus ab und interessierten sich für die Philosophie von Husserl und Heidegger. In dieser Zeit wurden die Kinderpsychologie und -psychotherapie und therapeutische Gruppen für neurotische Patienten gegründet. Man beschäftigte sich außerdem mit Psychosen und Eheberatung, integrativer Psychotherapie, Hypnotherapie, Halluzinogenen (LSD), nonverbalen Methoden (Psychogymnastik) und mit der Daseinsanalyse. Lediglich die Verhaltenstherapie schaffte es nie, in der Tschechoslowakei anerkannt zu werden. Daneben entstanden zwei spezielle tschechische Therapieschulen (Integrierte Psychotherapie von Knobloch, SUR-Trainingsprogramm), in denen die meisten tschechischen Therapeuten ausgebildet sind. Die Öffnung zum Westen hin wurde Ende der 60er-Jahre von einem Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm der Regierung begleitet, das unter anderem Meinungsfreiheit garantierte und Auslandsreisen erlaubte. Das nutzten einige Psychotherapeuten und nahmen an einem internationalen Psychotherapiekongress in Wiesbaden teil.

Diese Blütezeit endete jedoch 1968 mit dem Prager Frühling. Die Verschlechterung der politischen Situation in der Phase der Normalisierung zeigte sich unter anderem in starker Zensur, Unterdrückung der Opposition und massiven Repressalien und wirkte sich auch auf Psychologen und Psychotherapeuten aus. Einige von ihnen wurden aufgefordert, das Land zu verlassen. Psychoanalytische Schriften wurden aus den Bibliotheken entfernt, und Psychoanalyse und Psychosomatik wurden diskreditiert. Offiziell durften nur ideologisch harmlose Themen wie Lernprozesse und zentrales Nervensystem behandelt werden. Forschung und Lehre wurden erneut der marxistischen Ideologie untergeordnet. Der Kontakt zu westlichen Psychologen und Psychotherapeuten wurde stark eingeschränkt und es gab wenig Möglichkeiten, in den Westen zu reisen oder ausländische Literatur zu beschaffen. Erneut arbeiteten viele Psychologen und Psychotherapeuten im Untergrund weiter.

Verstärkte Zusammenarbeit

Trotz dieser Einschränkungen gab es in den 1970er- und 1980er-Jahren einige Fortschritte. Beispielsweise etablierte sich die Psychotherapie als ein selbstverständlicher Teil der Behandlung in psychiatrischen Einrichtungen. Darüber hinaus wuchs das Interesse an psychologischen Studien und an Ausbildungen in Psychotherapie und Psychosomatik. In Folge davon boten immer mehr Institutionen psychotherapeutische Qualifizierungsmöglichkeiten für Psychologen an und eröffneten spezialisierte Psychotherapiezentren. Trotz gekappter Verbindungen in den Westen und des starken Einflusses der Sowjet-Ideologie hielt die Gemeinschaft der Psychologen und Psychotherapeuten zusammen und kompensierte den fehlenden Westkontakt durch eine verstärkte Zusammenarbeit mit Kollegen aus den Ostblockstaaten.

Nach der Samtenen Revolution 1989 erfolgte erneut eine Öffnung nach Westen. Gleichzeitig wurden aus losen Gruppierungen offizielle Institutionen. Die Psychotherapie konnte sich als bedeutsames Verfahren zur Behandlung psychischer Erkrankungen etablieren und wurde professioneller und institutionalisierter. Zusätzlich wurden immer mehr Ausbildungsangebote geschaffen, etwa für Gestalttherapie, Logotherapie und Daseinsanalyse. Darüber hinaus wurde die Psychotherapie nicht nur als Behandlungsverfahren, sondern auch dazu genutzt, persönliche Probleme zu lösen und inneres Wachstum zu fördern.

Private Institute bilden aus

Heute sind Psychologie und Psychotherapie feste Bestandteile innerhalb der Gesundheitsversorgung und entsprechen den europäischen Standards. Allerdings gibt es einige Besonderheiten. So besteht zum Beispiel für Psychotherapeuten in Tschechien keine Pflicht, sich einer Kammer, Vereinigung oder einem Berufsverband anzuschließen. Etwa 2 000 Psychotherapeuten sind Mitglied eines Berufsverbandes und damit offiziell registriert, allerdings ist die wirkliche Zahl an Psychotherapieanbietern unbekannt.

Die Ausbildung zum Psychotherapeuten erfolgt ausschließlich an privaten Instituten, da es keine Ausbildungsangebote an Universitäten gibt. Einige Institute sind offen für jeden Interessenten, andere treffen eine Auswahl. Die meisten Institute pflegen keine Kontakte zur akademischen Welt und machen keine Unterschiede in der Ausbildung von Erwachsenen-, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten.

Voraussetzung für eine psychotherapeutische Ausbildung ist ein Universitätsabschluss in Medizin oder Psychologie. Es werden aber auch Krankenschwestern und Personen mit verwandten Berufen zugelassen. Die Weiterbildung zum Psychotherapeuten ist im Gegensatz zur Berufsbezeichnung staatlich geregelt. Die Ausbildung dauert je nach Therapieschule vier oder fünf Jahre und umfasst neben Theorie auch Praxis und Supervision. Zugelassene und anerkannte Therapierichtungen sind zum Beispiel psychodynamische Psychotherapie, Psychoanalyse, kognitive Verhaltenstherapie, Gestalttherapie, Familien- und Gruppentherapie sowie integrative, psychosomatische, systemische und personzentrierte Therapie. In diesen Verfahren ausgebildete Psychotherapeuten sind später in Gesundheitseinrichtungen tätig oder haben eine eigene Praxis. Früher waren dies vor allem Psychiater, mittlerweile hat die Zahl der Allgemeinmediziner und Psychologen unter den Psychotherapeuten jedoch zugenommen.

In Bereichen, in denen es nicht um psychische Erkrankungen, sondern zum Beispiel um Ehe- oder Erziehungsprobleme geht, sind unter anderem Psychologen, Sozialarbeiter, Pädagogen, Lehrer und Ausbilder psychotherapeutisch und beratend tätig. Für ihre Qualifikation gibt es jedoch keine Richtlinien und Kontrollen.

Neben vielen Errungenschaften in den vergangenen 29 Jahren gibt es einige Probleme, die noch nicht gelöst wurden. Der Psychologe Jiří Motl von der Karls-Universität in Prag bemängelt, dass es keine etablierten Qualitätsstandards für Psychotherapie gibt. „Zudem ist die Bezeichnung ‚Psychotherapeut‘ nicht gesetzlich geschützt und Psychotherapie ist keine staatlich anerkannte eigenständige Profession“, so Motl. Das hat zur Folge, dass sich Personen ohne eine qualifizierte Ausbildung „Psychotherapeuten“ nennen können, „Psychotherapie“ anbieten dürfen und dass diese Angebote nicht überwacht werden. Außerdem gibt es keine Standards für die Kosten von Psychotherapie und die mächtigen Versicherungen verweigern teilweise die Übernahme von psychotherapeutischen Behandlungskosten. Auch die geringe Akzeptanz der Psychotherapie in der Bevölkerung, ein „Erbe aus der Sowjetzeit“, ist etwas, an dem noch gearbeitet werden muss. Marion Sonnenmoser

Psychotherapeutische Versorgung in Tschechien

Den meisten versicherten Patienten entstehen keine Kosten für Psychotherapie, da die Versicherungen ambulante und stationäre Behandlungen in der Regel bezahlen. Patienten, die mit Verfahren behandelt werden wollen, die von der Versicherung nicht anerkannt werden, oder die eine bevorzugte Behandlung wünschen, wie etwa einen bestimmten Therapeuten oder einen früheren Termin, müssen sich hingegen in spezielle Behandlungszentren begeben und dort bar bezahlen. Ebenfalls bar bezahlen müssen Nichtversicherte und Patienten, deren Therapeut keinen Vertrag mit bestimmten Versicherungen hat. Für Psychotherapie im ambulanten und stationären Bereich gibt es keine generellen Richtlinien, aber Standards für Einzel-, Gruppen- und Familientherapie.

Stationäre Behandlung wird von psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken und Rehabilitationszentren angeboten. Es gibt keine Einschränkungen, was die Therapieschule und -form angeht. Traditionell werden Gruppen- und Kunsttherapie angeboten. Außerdem werden Einzel- und Gruppentherapie und spezielle Behandlungen kombiniert, wobei kognitive Verhaltenstherapie und psychodynamische Psychotherapie am häufigsten eingesetzt werden.

Auch in der ambulanten Behandlung gibt es keine Einschränkung der Therapieform. Die verbreitetsten Therapieformen hier sind kognitive Verhaltenstherapie, eklektische, integrative und dynamische Psychotherapie, Gestalt- und Familientherapie. Die häufigste Indikation sind neurotische Erkrankungen und Depressionen.

1.
Motl J, Vaněčková A, Müller M, Studenovský D: History of psychotherapy in the Czech lands. European Journal of Mental Health 2015; 10: 79–93.
2.
Řiháček T, Kahancová M, Jennings L, Roubal J, Vybíral Z: Czech master therapists. In: Jennings L, Skovholt TM (eds.): Expertise in counseling and psychotherapy: Master therapist studies from around the world. New York: Oxford University Press 2016: 19–52.
1.Motl J, Vaněčková A, Müller M, Studenovský D: History of psychotherapy in the Czech lands. European Journal of Mental Health 2015; 10: 79–93.
2.Řiháček T, Kahancová M, Jennings L, Roubal J, Vybíral Z: Czech master therapists. In: Jennings L, Skovholt TM (eds.): Expertise in counseling and psychotherapy: Master therapist studies from around the world. New York: Oxford University Press 2016: 19–52.

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