ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2018Ingmar Bergman: Durch den Abgrund des Lebens

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Ingmar Bergman: Durch den Abgrund des Lebens

PP 17, Ausgabe September 2018, Seite 410

Kattermann, Vera

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Ingmar Bergman um 1980 im Alter von etwa 62 Jahren. Foto: picture alliance
Ingmar Bergman um 1980 im Alter von etwa 62 Jahren. Foto: picture alliance

Der Filmemacher und Theaterregisseur hätte vor Kurzem seinen 100. Geburtstag gefeiert. Seine Autobiografie „Laterna Magica“ zeigt die inneren Abgründe und Konflikte Ingmar Bergmans, die mit ihm eine bleibend magische Bildsprache gefunden haben.

Als ich im Juli 1918 geboren wurde, hatte Mutter die Spanische Grippe, und da es nicht danach aussah, als wenn ich überleben würde, erhielt ich noch im Krankenhaus die Nottaufe.“ Der erste Satz der Autobiografie von Ingmar Bergman umreißt schon treffend die existenzielle Spannung, die diesen großartigen Theater- und Filmregisseur durchs Leben getrieben hat. Aufgerissen zwischen den Polen von Leben und Tod wirkt sein Leben wie unter elektrischer Höchstspannung. Seine Filme strahlen wie schneidende Funken, die diese kreischende Reibung von Leben und Tod geschlagen hat. Die Lebens-chiffre, die prägende Geburtssignatur beginnt mit dem Tod und einer kranken Brust, die einfach nicht satt macht. Merkwürdig zu denken, der Säugling hätte nicht überlebt.

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Ein Meister der emotionalen Schattierungen

Die Autobiografie des Regisseurs anlässlich seines 100. Geburtstages wieder zu lesen, ist packend. Sie bewegt und geht unter die Haut. Bergman schreibt wie er filmt: dicht, fesselnd treffsicher – ein Meister des Atmosphärischen, der emotionalen Schatten und Schattierungen. 1987, zwanzig Jahre vor seinem Tod geschrieben, ergründet er schonungslos-offen sein So-geworden-Sein. Die menschliche Kontur, die uns entgegentritt, ist ebenso zeithistorisch tragisch wie seelisch anrührend.

Wieso zeithistorisch tragisch? Die Autobiografie beschreibt eine Kindheit, die heute kaum mehr vorstellbar ist. Aufgewachsen als Sohn eines schwedischen Pfarrers werden er und seine Geschwister Opfer von ausgeprägter Demütigung und Schikane. Die Erziehung der Kinder durch den Pastoren-Vater erinnert an Szenen aus Michael Hanekes Film „Das weiße Band“. Strafen kombinieren Schmerz mit Demütigung, die Kinder werden geächtet, blutig geschlagen, lächerlich gemacht. So scheint die kindliche Welt durchwirkt von Erniedrigung, Hass und Todeswünschen. Das wirkt fast schon biblisch: „Meine Schwester wird geboren, ich bin vier Jahre alt, und die Situation ändert sich radikal: eine fette, missgestaltete Figur spielt plötzlich die Hauptrolle. Ich werde aus dem Bett der Mutter vertrieben, mein Vater strahlt, wenn er das brüllende Bündel ansieht. Der Dämon der Eifersucht hat mein Herz mit seinen Krallen gepackt, ich tobe, weine, scheiße auf den Fußboden und schmiere mich voll. Mein älterer Bruder und ich, normalerweise Todfeinde, schließen Frieden und brüten Methoden aus, das widerwärtige Wese umzubringen.“ Wurden je Geschwisterrivalität und ödipale Tragik packender beschrieben? Der Bruder beauftragt Ingmar, das Baby umzubringen, und dieser versucht, sie zu erwürgen – vergeblich. Die Tat habe ihm aber starkes Wohlbehagen bereitet, schreibt er. Und sucht in der Folge Taktiken, Strafen zu umgehen und Hass zu binden: „Ich kam noch am besten davon, weil ich mich zum Lügner ausbildete. Ich schuf eine äußere Person, die mit meinem wirklichen Ich wenig zu tun hatte. Da ich Maske und Ich nicht auseinanderhalten konnte, hatten diese Schäden noch Konsequenzen, als ich längst erwachsen war, und sie beeinträchtigten auch meine Kreativität.“ Eine Ich-Spaltung als notwendige Überlebensstrategie – der Film „Persona“ von 1966 setzt sich künstlerisch mit diesem Erleben von Selbstentfremdung auseinander. Bergman beschreibt, wie ihm dieser Film half, eine tiefe Lebenskrise zu überwinden. Die Kunst als Weg der Selbstbefreiung aus quälendem seelischem Leiden – auch Bergman liefert mit seinem künstlerischen Werk ein schillerndes Beispiel dafür.

Hoch ambivalentes Verhältnis zur Mutter

Die Beziehungsschwierigkeiten, die Bergmans Leben charakterisieren, wurzeln aber nicht nur in der schwarzen Pädagogik als gleichsam frühem „Beziehungs-Horror“, sondern im hoch ambivalenten Verhältnis zur Mutter. Der Filmemacher war in seinem 89-jährigen Leben fünfmal verheiratet und zusätzlich mehrfach eng liiert, etwa mit der Schauspielerin Liv Ullman. Er beschreibt sich als notorischen Frauenhelden, so konnte er Distanz schaffen, gefühlte Einsamkeit auch real herstellen. Die Autobiografie beginnt und endet mit Beschreibungen der Mutter. Wieder genügen Bergman wenige Striche, um seine Bindung zu charakterisieren „Mein vierjähriges Herz verzehrte sich in hündischer Liebe. Das Verhältnis war trotzdem nicht unkompliziert: meine Ergebenheit störte und irritierte sie (…). Sie schickte mich oft mit einer kühlen, ironischen Bemerkung weg. Ich weinte vor Wut und Enttäuschung.“ Aber der Gequälte ersinnt Rache, die fast schon erwachsen wirkt: „Ich fand heraus, daß Mutter Gleichgültigkeit und Desinteresse nicht ertragen konnte. Das waren ja ihre Waffen. Ich lernte also, meine Leidenschaft zu zügeln, und begann ein seltsames Spiel, bei dem Arroganz und kühle Freundlichkeit die wichtigsten Bestandteile waren. (…) Das schwierigste Problem war nur, daß ich nie die Möglichkeit bekam, mein Spiel zu verraten, die Maske abzulegen und mich von erwiderter Liebe einhüllen zu lassen.“ Das Spiel der Geschlechter in seinem steinigen Urgrund – hier scheint es sehr knapp auf den Punkt gebracht. Erst am Lebensende der Mutter wird sich übrigens herausstellen, dass ein Kinderarzt der Mutter geraten hatte, „die krankhaften Annäherungen des Sohnes“ mit Festigkeit zurückzuweisen. Auch darin ist Ingmar Bergmans innere Konfliktlandschaft als ödipal Frustrierter nicht nur eine persönliche tragische, sondern auch zeithistorisch konditionierte.

Rastlos hat Bergman versucht, diese Konfliktlandschaft in seinen Filmen und Theaterstücken zu bebildern. Filmen als imaginative Selbsthilfetechnik? Wut und Hass werden in rastloses Leisten gewandelt, seine Karriere ist atemberaubend. Den Sprung vom Stockholmer Studententheater zum Theaterchef im Stadttheater Helsingborg schafft er bereits mit 26 Jahren, schon ist sein erstes Drehbuch verfilmt worden. Die Erfolge reißen seitdem nicht ab und führen folgend zu allen wichtigen Auszeichnungen der Filmbranche: Goldener Bär in Berlin 1958 für „Wilde Erdbeeren“, insgesamt drei Oscars jeweils für den besten fremdsprachigen Film, 1997 Auszeichnung bei den Filmfestspielen in Cannes als „Bester Filmregisseur aller Zeiten“. Sein Werkverzeichnis liest sich wie ein Furor des Schaffens: Seit den Sechzigerjahren brachte Bergman fast jährlich einen Film heraus, schrieb Drehbücher und inszenierte, unter anderem am Münchner Residenztheater, wo er von 1976 bis 1985 wirkte.

Innere Landschaft von Anklage, Verurteilung und Bestrafung

Die Übersiedlung nach München geschieht aus Protest des damals 58-Jährigen gegen die Anklage wegen Steuerhinterziehung in Schweden. In der Autobiografie beschreibt er seine Rolle als unwissend von seinem Finanzberater hinters Licht geführt – und als Leser ist man gern bereit, ihm das zu glauben. Durch die Anklage fühlt Bergman sich massiv erschüttert, verstört, außer sich. Seine heftige seelische Reaktion, die auch einen stationären psychiatrischen Aufenthalt nötig macht, dürfte eine Resonanz der als Kind erlebten Schikanen sein. Die Willkür und Demütigungen des Vaters haben eine innere Landschaft von Anklage, Verurteilung und Bestrafung hinterlassen, in denen Krater von Schuldgefühlen klaffen und ein Morast an Vernichtung droht: „Nachts, wenn ich keine Kraft zum Lesen habe, steht ein Zug Dämonen bereit, um mich anzugreifen. Tagsüber, innerhalb der augenscheinlichen Ordnung, herrscht ein Chaos wie in einer ausgebombten Stadt“, schreibt Bergman über sein Erleben in dieser Zeit. Überhaupt Dämonen. Die innere Erfahrung bösartiger Verfolgung quält den Regisseur von frühester Kindheit an wiederkehrend und unerbittlich. Sie suchen die Autobiografie periodisch heim und haben zwei Erscheinungsformen. Zum einen sind da die Magen-Darm-Beschwerden, die ihn schon als Jungen überfallartig heimsuchen und beschämen. Beschreibungen darüber sind in der Biografie zahlreich und schonungslos. „Es ist, als würde ich einen böswilligen Dämon in der empfindlichsten Mitte des Körpers beherbergen. Ich kann ihn mit strengen Ritualen unter Kontrolle halten. (…) In allen Theatern, in denen ich längere Zeit gearbeitet habe, hat man mir ein eigenes Klo zu Verfügung gestellt. Diese Klos sind vermutlich mein bleibender Einsatz in der Theatergeschichte“, stellt er lakonisch fest. Zum anderen bestehen die Dämonen aus heftigen depressiven Einbrüchen, die ihn existenzielle Verzweiflungszustände durchschreiten lassen und mit Selbstisolation verbunden sind. Bergman gelingt es jedoch, die Dämonen allmählich zu zähmen: „Kommt jetzt, ich kenne euch, ich weiß, wie ihr funktioniert, macht weiter, bis ihr ermüdet, ich leiste keinen Widerstand. Die Dämonen rasen immer schlimmer. Nach einiger Zeit geht ihnen die Luft aus, und dann werden sie lächerlich. Sie verschwinden, und ich kann eine Stunde schlafen.“

Die Autobiografie ist entsprechend nicht nur Verständigung mit sich selbst, Rechtfertigung vor sich selbst, sondern auch Vergewisserung über sich selbst. Ist es merkwürdig oder vielmehr treffgenau, dass sie mit einer Zwiesprache mit der Mutter endet? Diese verdammte Hassliebe zur Mutter. Bergman, dieser große Regisseur, inszeniert sich zum Ende der Autobiografie eine Wiederbegegnung mit der Mutter, als diese längst tot ist. In einer fiktiven Begegnung fragt er sie: „Warum war mein Bruder wie gelähmt, warum wurde meine Schwester zu einem Schrei zerdrückt, warum mußte ich mit einer nie verheilten, infizierten Wunde leben, die sich in meinem ganzen Körper bemerkbar machte? Ich will keine Schuld zumessen, ich bin kein Schuldeneintreiber. Ich will nur wissen, warum unser Elend hinter der zerbrechlichen Mauer des gesellschaftlichen Prestiges so entsetzlich wurde. Warum meine Geschwister so blutig getroffen, trotz Fürsorge, Unterstützung, Vertrauen? Warum blieb ich so lange Zeit unfähig zu normalen menschlichen Beziehungen? (…) Ich stürze Hals über Kopf durch den Abgrund des Lebens.“ Aber er versteht jetzt, „daß unsere Familie aus Menschen guten Willens bestand, die durch ein katastrophales Erbe mit übertriebenen Forderungen, schlechtem Gewissen und Schuld belastet waren“. Aus Vorwurf ist der Versuch geworden, sich und seine Familie in ihrer existenziellen Gewordenheit, in ihrem existenziellen Geworfensein zu verstehen.

Aber muss tatsächlich die Mutter das letzte Wort haben? Die Autobiografie endet mit einem Tagebucheintrag der Mutter anlässlich der Geburt von Ingmar: „Wenn der Junge sterben sollte, so sagt Ma, (…) solle ich wieder in meinem Beruf arbeiten. (…) Ich bete zu Gott, aber ohne Zuversicht. Man muß schon selbst zurechtkommen, so gut man kann.“

Ingmar Bergman war Filmemacher und Theaterregisseur, aber letztlich war er auch ein verdammt guter Psychologe. Und darin dann ganz schön modern. Hals über Kopf durch den Abgrund des Lebens: das Stürzen durch seine inneren Abgründe und Konflikte hat mit ihm eine bleibend magische Bildsprache gefunden. Ingmar Bergman starb am 30. Juli 2007 im Alter von 89 Jahren auf der Ostseeinsel Farö. Dr. phil Vera Kattermann

Bergman, Ingmar: Laterna Magica. Autobiographie. Alexander Verlag, Berlin 1987.

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