ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2018Kinderschutz: Zu jeder Zeit erreichbar

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Kinderschutz: Zu jeder Zeit erreichbar

PP 17, Ausgabe September 2018, Seite 409

Bühring, Petra

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Die vor einem Jahr eingeführte Medizinische Kinderschutzhotline wird gut angenommen. Qualifizierte Mitarbeiter beraten Angehörige der Heilberufe in allen Fragen rund um den Kinderschutz.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) will die Medizinische Kinderschutzhotline über 2019 hinaus für weitere drei Jahre finanziell fördern. „Die Hotline ist im Juli 2017 ins Leben gerufen worden und kommt gut an. „Rund 97 Prozent der Anrufer erleben die Auskünfte der Hotline-Mitarbeiter als hilfreich. Das wollen wir weiter unterstützen“, sagte Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Franziska Giffey bei dem Fachtag „Beratung und fachlicher Austausch im Kinderschutz“, der am 24. August im BMFSFJ stattfand.

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Ärzte, Psychotherapeuten, Zahnärzte, Pflegekräfte oder Rettungskräfte aus ganz Deutschland können sich seit Juli vergangenen Jahres rund um die Uhr bei Verdachtsfällen auf Kindeswohlgefährdung, auch in Not- und Akutsituationen, telefonisch beraten lassen. Am Telefon der Hotline (www.kinderschutzhotline.de) sitzen neben in Kinderschutzfragen ausgebildeten Beratern auch Assistenzärzte aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Pädiatrie und der Rechtsmedizin. Betrieben wird die Medizinische Kinderschutzhotline vom Universitätsklinikum Ulm zusammen mit dem DRK-Klinikum Berlin-Westend und dem Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Freiburg.

Jugendämter beraten eigentlich

Grundsätzlich stehen die Jugendämter Ärzten, Psychotherapeuten und anderen Heilberufen beratend zur Seite, wenn sie einen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung haben und dann vor der Frage stehen, ob eine Durchbrechung der Schweigepflicht zum Schutz des Kindes gerechtfertigt ist. Mit dem Bundeskinderschutzgesetz 2012 wurde die Möglichkeit für Heilberufe geschaffen, eine „insoweit erfahrene Fachkraft“ beim zuständigen Jugendamt zu kontaktieren, um sich beraten zu lassen. Tatsächlich bestehe aber wenig Kontakt zwischen den Heilberufen und den Jugendämtern, betonte Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert, Leiter des Kompetenzzentrums Kinderschutz in der Medizin Baden-Württemberg, auf dem Fachtag.

Die Kinderschutzhotline ergänzt nun die bestehenden Strukturen. Fegert zog bei dem Fachtag Bilanz nach einem Jahr. Am häufigsten riefen Ärztinnen und Ärzte bei der Hotline an, dabei standen Kinder- und Jugendärzte an der Spitze, gefolgt von Kinder- und Jugendpsychiatern und Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie. „Wir sind froh, die Erwachsenenpsychiater, die sich Sorgen um die Kinder ihrer Patienten machen, mit dem neuen Angebot erreicht zu haben“, sagte der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm. Auf die Ärzte folgten in der Häufigkeit der Anrufenden Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Psychologische Psychotherapeuten und dann andere Heilberufe. 77 Prozent der Anrufer waren Frauen.

Inhaltlich drehten sich die Beratungen um ein mögliches Vorgehen im Kontext der Jugendhilfe, um Fragen der Gesprächsführung mit Eltern, um rechtliche Fragen sowie um Befunde und Dokumentation. „76 Prozent der Anrufer hatten vor dem Anruf keinen Kontakt zu den Hilfesystemen im Kinderschutz – diese erreichen wir jetzt“, betonte Fegert. Sehr häufig wurden Fragen gestellt zu Rippenfrakturen von Säuglingen, zum Thema Schweigepflicht und zur sogenannten Befugnisnorm nach Paragraf 4 KKG (Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz) sowie zum Schütteltrauma bei Säuglingen und Kleinkindern. Die Fragen, die bei der Medizinischen Kinderschutzhotline gestellt werden, zeigen Fegert und seinem Team auch, wo noch Fortbildungsbedarf besteht. Es bestehe eine enge Rückkopplung mit dem E-Learning-Grundkurs Kinderschutz, der für alle Heilberufe zugänglich ist (https://grundkurs.elearning-kinderschutz.de). Aktuell solle der Kurs um das Thema Schütteltrauma erweitert werden.

Schütteltrauma im Fokus

Die Folgen dieser schweren Form der Kindesmisshandlung von Säuglingen, die mit einer Sterblichkeit von 30 Prozent oder schweren Langzeitfolgen einhergehen, sind noch nicht bei allen so bekannt, wie es wünschenswert wäre. Nach einer aktuellen Repräsentativbefragung, die Dipl.-Psych. Andreas Witt et al. vom Universitätsklinikum Ulm durchgeführt haben, wissen vor allem jüngere Männer (unter 25 Jahre) mit einem eher niedrigen Bildungslevel wenig über die Gefahren des Schüttelns von Säuglingen. „Den neuen Freund der Mutter, aber auch Schüler und Studenten als Babysitter müssen wir als Adressaten von Präventionskampagnen verstärkt ins Auge fassen“, betonte Witt. Petra Bühring

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