ArchivDeutsches Ärzteblatt46/1999Integrierte Versorgung: Der Teufel steckt im Detail

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Integrierte Versorgung: Der Teufel steckt im Detail

Dtsch Arztebl 1999; 96(46): A-2965 / B-2509 / C-2353

Gerst, Thomas

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LNSLNS Die Barmer Ersatzkasse hatte zu einem Kongreß über die Zukunft der integrierten Versorgung geladen, und viele der an neuen Versorgungsformen beteiligten Experten nutzten die Gelegenheit zum Meinungsaustausch.

Verschiedenes fiel auf bei diesem Kongreß: Die Diskussion über Managed Health Care beschränkt sich in Deutschland vorerst auf vernetzte Arztpraxen. Die US-amerikanischen Modelle, in der Regel profitorientiert, sind hierzulande zur Zeit nicht konsensfähig. Erstaunlich war auch, daß die Ärztenetze, obwohl immer noch in der Erprobungsphase, in breiter Übereinstimmung als geeignetes Modell für die Zukunft der medizinischen Versorgung gehandelt wurden. Bemerkenswert war zudem, daß die Gesundheitsreform und die dort vorgesehenen Bestimmungen zu integrierten Versorgungsformen in der Diskussion keine Rolle spielten. Böse Zungen könnten behaupten, daß für die meisten Teilnehmer der Gesetzentwurf ohnehin schon bald vom Tisch ist. Andererseits sollte man allen Beteiligten jedoch das Bemühen attestieren, über tagespolitische Auseinandersetzungen hinaus zukunftsweisende Konzepte zu erörtern.
Bisherige Erfahrungen müssen genutzt werden
Die bisher vorliegenden Erfahrungen mit Praxisnetzen zeigen, daß zu Euphorie vorerst noch kein Anlaß besteht. Für Dr. med. Michael C. Müller, der für die Unternehmensberatung Roland Berger und Partner die Planungsphase für die Medizinische Qualitätsgemeinschaft München (MQM) begleitet hat, gibt es derzeit noch eine Reihe von Schwachstellen. Diese werden sich erst allmählich im Zuge einer professionelleren Realisierung solcher Versorgungsformen abbauen lassen. Zentrale Probleme sieht er zur Zeit noch bei der Meßbarkeit der Ergebnisse von Praxisnetzen, und zwar sowohl in bezug auf den Rationalisierungseffekt als auch in bezug auf die angestrebte Qualitätssteigerung. Zudem stehe gegenwärtig bei der Vorbereitung und Durchführung eines Praxisnetzes noch die Diskussion über die Organisationsstruktur im Vordergrund, wohingegen inhaltliche Themen - zum Beispiel die Behandlung bestimmter Krankheitsbilder - zu wenig berücksichtigt würden. Auch eine zufriedenstellende EDV-Vernetzung sei noch nicht erreicht, was nicht zuletzt auf die strengen Datenschutzbestimmungen zurückzuführen sei. Müller betrachtet die ärztlichen Praxisnetze wie mittelständische Unternehmen, zu deren Führung mehr als die ärztliche Kernkompetenz benötigt werde. Professionelles Netzmanagement als eine freie Dienstleistung stellt für ihn ein zukunftsträchtiges Konzept dar. Die wesentliche Schwachstelle bestehender Modellprojekte könnte allerdings unter den herrschenden Bedingungen auch ein solcher Dienstleister nicht beseitigen. Diese Schwachstelle ist - und das wurde in vielen Redebeiträgen deutlich - die fehlende oder unzureichende Kooperation zwischen dem ambulanten und dem stationären Bereich. Die Grenzen des Systems seien per Gesetz zementiert, eine gesteuerte medizinische Versorgung über alle Leistungsbereiche hinaus sei derzeit eine Utopie, führte Dr. med. Eckart Fiedler, Vorstandsvorsitzender der Barmer Ersatzkasse, aus. Die Überwindung der bestehenden Grenze sei ohne gesetzliche Neuregelungen nicht möglich. Allerdings könne die Realisierung integrierter Versorgungsformen nicht von oben befohlen werden. Die Barmer vertraue auf Initiativen von seiten der Ärzteschaft und sei bereit, Modellprojekte weiterhin zu fördern. Dabei sollte nicht allein die Beseitigung von Unwirtschaftlichkeiten im Vordergrund stehen, sondern diese Projekte sollten zur Erhöhung der Patienten-Zufriedenheit beitragen. Als Sprecher der Patienten forderte Jürgen Matzat, Leiter der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen in der Psychosomatischen Klinik in Gießen, bei der Evaluierung von Modellprojekten ärztlicher Praxisnetze die Erfahrungen der Patienten einzubeziehen. Anderenfalls laufe man Gefahr, die ökonomischen Aspekte zu stark zu betonen.
Initiative ging von den Ärzten aus
Für Dr. med. Jürgen Bausch, den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, bedeuten vernetzte Arztpraxen ein wichtiges Element innerhalb der durch den Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigungen vorgegebenen Versorgungsstrukturen. Die Modellversuche in Hessen hätten deutlich gemacht, daß die integrierten Versorgungsformen zur medizinischen Qualitätssicherung beitragen würden, auch weil damit ein innerärztlicher Dialog in Gang gesetzt werde. Bei einem Scheitern der Gesundheitsreform sollten die Netzstrukturen, deren bisherige Entwicklung durch Initiativen von Ärzten getragen worden ist, in Abstimmung mit den Krankenkassen weiterentwickelt werden. Ein Gegenmodell zu den ärztlichen Praxisnetzen präsentierte Matthias Einwag, Referent bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Gerade wegen der rasant zunehmenden Altersmorbidität sei das Krankenhaus das ideale integrierte Dienstleistungszentrum. Es biete ortsnahe und interdisziplinäre medizinische Rundumversorgung. Für die Realisierung sei allerdings eine Gesetzesänderung nötig, die den Krankenhäusern ambulante Versorgungsformen - fachärztliche Ambulanz, vor- und nachstationäre Behandlung - zugestehe. Dr. Thomas Gerst

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