ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2018Literarische Orte: Tatort Twann

KULTUR

Literarische Orte: Tatort Twann

PP 17, Ausgabe September 2018, Seite 428

Jachertz, Norbert

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In Friedrich Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“ lässt Kommissär Bärlach einen Mörder erneut einen Mord begehen. Um der Gerechtigkeit willen?

„Patriotische Kitschpostkarte“: Vier Jahre lang lebte Dürrenmatt mit Blick auf den Bieler See, die Kirche von Ligerz und die St. Peter-Insel. Fotos: picture alliance
„Patriotische Kitschpostkarte“: Vier Jahre lang lebte Dürrenmatt mit Blick auf den Bieler See, die Kirche von Ligerz und die St. Peter-Insel. Fotos: picture alliance

Unter dem Namen Gastmann hat sich im Dorf Lamboing hoch über dem Bieler See ein Verbrecher zur Ruhe gesetzt. Welcher Verbrechen er sich schuldig gemacht hat, erzählt Friedrich Dürrenmatt in seinem Roman „Der Richter und sein Henker“ nicht. Das ist ihm egal, ihn scheren auch nicht kriminalistische Methoden oder psychologische Analysen, wie sie heutige Krimis kennzeichnen. Und doch hat es dieser erste Kriminalroman von Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) mit seinem bieder-unheimlichen Kommissär Bärlach in sich. Dürrenmatt versteht es nämlich, dramatische und beklemmende Szenen aufzubauen, in denen Ermittler, Verbrecher und Mörder aufeinanderprallen. Hier zeigt sich im Krimi der später so berühmte Dramatiker.

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Die Dialoge kreisen meist um die Frage nach der Gerechtigkeit und wie sie herzustellen ist. Der Pfarrerssohn Dürrenmatt, der gläubige Atheist und skeptische Realist erörtert dabei, krimimäßig verpackt, Grundfragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Scheinbar nebenbei bildet Dürrenmatt, der auch ein begabter Maler war, die Gegend, in der die Handlung spielt, genau ab: Das Dreieck der Dörfer Lamboing auf der Hochebene des Tessenberges, Ligerz und Twann am Bieler See spielt eine Hauptrolle im Roman wie im Leben des Autors. Es ist eine Idylle, in der Dürrenmatt, der „Meister der verstörten Idylle“ (Peter Rüedi), Böses geschehen lässt.

Der Kommissär ist todkrank

Der Verbrecher Gastmann hat beste Verbindungen in die gute Gesellschaft und in die Schweizer Politik. Bärlach verkehrte mit Gastmann einst fast kameradschaftlich, er weiß von dessen krimineller Karriere, aber er konnte ihm nie etwas nachweisen. Vor Jahrzehnten haben die beiden eine Wette abgeschlossen: Er werde Gastmann zur Strecke bringen, so Bärlach damals, Gastmann hielt dagegen. Nun aber, im November 1948 pressiertʼs, denn Bärlach ist todkrank. Er lässt Ulrich Schmied, einen jungen Polizeileutnant undercover bei Gastmann recherchieren. Doch Schmied wird ermordet. Eines Morgens wird er auf der Straße, die von Lamboing hinunter nach Twann führt, vom Dorfpolizisten Clenin in seinem Wagen erschossen aufgefunden. Clenin denkt nicht an Spurensicherung, sondern hievt den Toten auf den Beifahrersitz, schnallt ihn fest und setzt sich ans Steuer. Da dem Wagen der Sprit ausgegangen ist, lässt Clenin ihn über die steile Straße bergab bis Twann rollen, tankt beim „Bären“ und schafft die würdig nickende Leiche nach Biel. Die Ermittlungen übernimmt schließlich Bärlach von der Kriminalpolizei in Bern. Ihn stören die Ermittlungsfehler des Dorfpolizisten merkwürdigerweise nicht. Wie sich im Roman später herausstellt, geht Bärlach von Anfang an einer anderen Spur nach.

„Der Kriminalroman macht mir viel Spaß“: Dürrenmatt schrieb seine Krimis offenbar nicht nur aus finanziellen Gründen.
„Der Kriminalroman macht mir viel Spaß“: Dürrenmatt schrieb seine Krimis offenbar nicht nur aus finanziellen Gründen.

Gastmann wird verdächtigt. Er hat aber mit dem Mord nichts zu tun; doch er weiß davon und auch, dass Bärlach, der im Twanner Mordfall ermittelt, nur noch ein Jahr zu leben hat. Gastmann sucht Bärlach des Abends in dessen Wohnung in Bern auf. Selbstgefällig hält er ihm vor: „Immer wieder tauchte ich in deiner Laufbahn auf wie ein graues Gespenst, immer wieder trieb mich die Lust, unter deiner Nase sozusagen immer kühnere, wildere, blasphemischere Verbrechen zu begehen, und immer wieder bist du nicht imstande gewesen, meine Taten zu beweisen. Die Dummköpfe konntest du besiegen, aber ich besiegte dich.“

Kommissär Bärlach beschließt, Gastmann auch ohne Beweise zur Strecke zu bringen. Der Zufall kommt ihm zu Hilfe. Er weiß nämlich, wer seinen Polizeileutnant ermordet hat, er kennt den Mörder gut und setzt ihn auf Gastmann an. Bärlach hat sogar die Stirn, Gastmann seinen Mörder zu avisieren: „Der Henker, den ich ausersehen habe, wird heute zu dir kommen. Er wird dich töten, denn das muss nun eben einmal in Gottes Namen getan werden.“ Der „Henker“ tut sein Werk. Bärlach eröffnet ihm bei einem makabren Festessen nach der Tat, dass er ihn in die Falle gelockt hat. Wer der Henker war und was ihn bewegte, zwei Morde zu begehen, möge der Leser in Dürrenmatts Krimi nachlesen.

„Der Richter und sein Henker“ erschien 1950 als Fortsetzungsroman im „Schweizerischen Beobachter“. Dürrenmatt hatte den Auftrag angenommen, weil er ziemlich pleite war und eine Familie zu ernähren hatte. Seine frühen Erfolge als Erzähler und Dramatiker hatten nicht lange vorgehalten. 1948 musste er deshalb mit Frau und Sohn in dem Weiler Schernelz oberhalb von Ligerz bei seiner Schwiegermutter unterschlüpfen. Sie bewohnte dort mit ihrer Freundin ein altes Winzerhaus. Als Dürrenmatts Familie um ein Töchterchen wuchs (und wohl auch, weil Dürrenmatts Frau mit der lesbischen Liaison ihrer Mutter nicht klarkam), zog man im Jahr darauf hundert Meter weiter in die „Festi“, ein Landgütchen in den Weinbergen.

Kunst, wo niemand sie vermutet

Die Besitzerin, die Textilkünstlerin Elsie Giauque, hatte den Dürrenmatts eine geräumige Wohnung frei gemacht. In Schernelz ob Ligerz entstanden der „Richter und sein Henker“ (1950) und der andere Bärlach-Krimi, „Der Verdacht“ (1951). 1952 siedelte die Familie nach Neuchâtel um. Hier lebt Dürrenmatt bis zu seinem Tode. Seine Frau Lotti stirbt 1983, ein Jahr darauf heiratet er die Filmemacherin Charlotte Kerr. Dürrenmatts Biograf Peter Rüedi glaubt nicht, dass der „Richter und sein Henker“ (und auch nicht „Der Verdacht“) allein aus finanziellen Gründen geschrieben wurde. Tatsächlich kündigte Friedrich Dürrenmatt seinem Freund Walter Muschg schon 1948 an, er dürfe sich nicht wundern, ihn „nun bald (wahrscheinlich) als Kriminalschriftsteller kennenzulernen“. Die Kriminalromane hätten ihn herausgefordert, „Kunst da zu tun, wo niemand sie vermutet“, zitiert Rüedi den Autor, sie seien ihm „Fingerübungen in Realismus“ gewesen.

„Der Kriminalroman macht mir viel Spaß, besonderes Vergnügen finde ich darin, daß ich in ihm die Gelegenheit habe, die ganze Bielergegend so en passant kriminalistisch auszuwerten“, schreibt Dürrenmatt in einem weiteren Brief an Walter Muschg (1949). Die „Bielergegend“ war Dürrenmatt aus den Jahren bei der Schwiegermutter vertraut. Wenn er aus dem Fenster sah, ging sein Blick über weite Weinhänge und den fast senkrecht unter ihm liegenden See. Im See die St. Peter-Insel. Inmitten der Weinberge die Kirche von Ligerz. In ihr hatte Dürrenmatts Vater seinen Sohn und Lotti Geißler 1946 getraut. Hinter Schernelz und der „Festi“ ragen die weißen Jurafelsen auf, dahinter wellt sich die Hochebene des Tessenberges. Dürrenmatt spricht ironisch von „einer patriotischen Kitschpostkarte“. Die Gegend muss ihm gleichwohl gefallen haben. Lesen wir nur die Beschreibung einer Autofahrt Bärlachs von Schernelz, zur Straße Biel-Neuenburg: „Sie fuhren gegen Ligerz hinunter, hinein in ein Land, das sich ihnen in einer ungeheuren Tiefe öffnete. Weit ausgebreitet lagen die Elemente da: Stein, Erde, Wasser. Sie selbst fuhren im Schatten, aber die Sonne, hinter den Tessenberg gesunken, beschien noch den See, die Insel, die Hügel, die Vorgebirge, die Gletscher am Horizont und die übereinandergetürmten Wolkenungetüme, dahinschwimmend in den blauen Meeren des Himmels.“

Die Stelle, wo der Mörder parkte

Wir gehen zu Fuß von Schernelz nach Ligerz hinunter und weiter über den „Pilgerweg“ nach Twann, zum Tatort. Vom „Bären“, wo auch Bärlach gern einkehrte , blicken wir hoch zu jener Stelle an den weißen Jurafelsen, wo die Straße von Lamboing aus dem Walde der Twannbachschlucht hervortritt. An dieser Stelle hat Ulrich Schmied gestoppt, um einen Anhalter mitzunehmen, seinen Mörder. Schmied öffnete die Beifahrertür, der Mörder schoss und verschwand in die Schlucht, denn jenseits, nahe Schernelz, hatte er seinen Wagen geparkt. Die Twannbachschlucht ist gut begehbar. Ein Steg führt hinüber. Richtung Schernelz. In dem Weiler wird ausgiebig und verwirrend an Friedrich Dürrenmatt erinnert. Schließlich haben wir raus, wo die Schwiegermutter und wo die Textilkünstlerin und mit ihnen Familie Dürrenmatt vier glückliche Jahre verbracht haben. Auch die Stelle im Twannbachwald, wo der Mörder parkte, ehe er die Schlucht überquerte, um Schmied aufzulauern, konnten wir identifizieren. Mutmaßlich. Beim Schießplatz. Norbert Jachertz

1.
Friedrich Dürrenmatt: „Der Richter und sein Henker“, als Diogenes-Taschenbuch (mit Kommentaren und Fotos), 192 Seiten, als Hörbuch und eBook oder als Rowohlt-Taschenbuch, 116 Seiten, auch als Hörbuch.
2.
Peter Rüedi: Dürrenmatt oder die Ahnung vom Ganzen, Biographie, 960 Seiten, Zürich (Diogenes) 2011.
1.Friedrich Dürrenmatt: „Der Richter und sein Henker“, als Diogenes-Taschenbuch (mit Kommentaren und Fotos), 192 Seiten, als Hörbuch und eBook oder als Rowohlt-Taschenbuch, 116 Seiten, auch als Hörbuch.
2.Peter Rüedi: Dürrenmatt oder die Ahnung vom Ganzen, Biographie, 960 Seiten, Zürich (Diogenes) 2011.

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