ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2018Künstliche Befruchtung: Hypertonie nach Laborzeugung

MEDIZINREPORT

Künstliche Befruchtung: Hypertonie nach Laborzeugung

Dtsch Arztebl 2018; 115(37): A-1596 / B-1346 / C-1334

Lenzen-Schulte, Martina

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Bei Kindern, die mittels In-vitro-Fertilisation oder anderen Infertilitätstherapien behandelt worden sind, scheinen die Gefäße schneller zu altern als bei natürlich gezeugtem Nachwuchs. Das legt eine Studie nahe, die eine Erhöhung des Hypertonierisikos bereits im Teenageralter festgestellt hat.

Reproduktionsmedizinische Techniken (assisted reproductive technologies, ART) zur Überwindung der Infertilität gehen offenbar mit ungünstigen Auswirkungen auf die Arterien und den Blutdruck der so gezeugten Nachkommen einher. Das legt eine im „Journal of the American College of Cardiology“ (JACC) erschienene Studie der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. med. Urs Scherrer aus dem Universitätsspital in Bern nahe (1).

Die Schweizer verfolgen seit vielen Jahren das Schicksal einer ART-Kohorte, die inzwischen im Teenager- und jungen Erwachsenenalter ist. Die jüngste Analyse umfasst 54 Teilnehmer, 15 nach IVF und 39 nach ICSI (intrazytoplasmatische Zellinjektion). Bei der ICSI wird ein Spermium in eine Eizelle injiziert, als IVF bezeichnet man eine künstliche Befruchtung, bei der die Eizelle noch aktiv von einem der sie in der Petrischale umgebenden Spermien penetriert wird.

Schon früh beobachteten die Forscher, dass die ART-Gruppe multiple Anzeichen für eine verfrühte Alterung der Arterien aufwies. „Wir wollten sehen, ob dies zu weiteren Risikokonstellationen führt“, erläutert Scherrer die Intention für die jüngste Auswertung. Die 24-Stunden-Blutdruckmessung bei den völlig gesund erscheinenden jungen ART-Probanden ergab eine mehr als 6-fache Prävalenzerhöhung einer bereits behandlungsbedürftigen arteriellen Hypertonie. 8 aus der ART-Gruppe aber nur eine der Kontrollen (n = 43) erfüllten die Kriterien für eine Hypertonie (p = 0,041 ART vs. Kontrollen).

„Hier zeigt sich zum ersten Mal eine klinisch manifeste Folge der vorzeitigen Gefäßalterung im ART-Kollektiv“, erläutert Scherrer. Dieser Befund sei umso beunruhigender, da dies nicht aufgrund anderer Risikofaktoren erklärbar sei. Zwar ist bekannt, dass Präeklampsie, ein niedriges Geburtsgewicht und Frühgeburt gehäuft mit einer künstlichen Befruchtung einhergehen. Diese Umstände stellen ihrerseits eigene kardiovaskuläre Risikofaktoren dar. Allerdings wurde die Berner Kohorte bewusst so ausgewählt, dass diese ungünstigen Faktoren ausgeschlossen werden konnten. Die Teilnehmer stellen also eine ART-Population mit geringem kardiovaskulären Risiko dar.

„Vom Mausmodell wissen wir, dass die durch IVF oder ICSI induzierten epigenetischen Veränderungen auf Schadensereignisse in der vulnerablen Phase von der Keimzellgewinnung bis zur Implantation des Embryos zurückzuführen sind“, hält Scherrer fest. Da auch die pulmonale Strombahn nicht von den arteriellen Veränderungen verschont bleibt und sich ebenfalls abzeichnet, dass der Metabolismus der ART-Kinder durch eine Neigung zur Insulinresistenz gefährdet ist, hält Scherrer eine Aufklärung aller Beteiligten für wichtig. Absehbar würde erst in der erwachsenen Population das volle Ausmaß der Einflüsse sichtbar. „Die pränatale Anamnese sollte zum Bestandteil jeder Anamnese werden“, so der Forscher aus Bern. Vor allem könnte man so nachhaltig darauf einwirken, mögliche andere Risikofaktoren frühzeitig präventiv anzugehen, etwa Übergewicht und Diabetes. Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Thomas Haaf, Leiter des Institutes für Humangenetik in Würzburg

Erhärtet sich der Verdacht, dass die ART-Manipulationen spätere Schäden mit verursachen?

Es gibt viele Hinweise, insbesondere aus Tiermodellen, dass eine ART die Entwicklung des so gezeugten Individuums beeinflussen kann. Allerdings ist es beim Menschen schwierig – vor allem bei Studien mit kleinen Fallzahlen – auseinanderzuhalten, welche Effekte den Maßnahmen der ART, den ungünstigen elterlichen Faktoren oder anderen Ursachen zuzurechnen sind.

Wäre ein Screening der ART-Population sinnvoll?

Um die mit einer ART assoziierten Risiken für kardiovaskuläre und andere Krankheiten besser schätzen zu können, sind Langzeit-Follow-up-Studien an einer großen Zahl von ART-Kindern unbedingt notwendig. Voraussetzung hierfür ist jedoch eine systematische Dokumentation der elterlichen und pränatalen Risikofaktoren sowie der zur assistierten Reproduktion verwendeten Methoden und Reagenzien, etwa der Kulturmedien, da diese sich von Zentrum zu Zentrum unterscheiden können.

Soll man Eltern über solche ART-Folgen aufklären?

Paare, die ART in Anspruch nehmen, unterscheiden sich von durchschnittlichen Eltern, etwa durch ihr höheres Alter und Fertilitätsprobleme. Kinder, die durch ART gezeugt werden, haben erhöhte Risiken für medizinische Probleme bei der Geburt und im späteren Leben. Man sollte darüber aufklären, ohne von der Verwirklichung des Kinderwunsches „abzuschrecken“.

1.
Meister TA, Rimoldi SF, Soria R, et al.: Association of Assisted Reproductive Technologies With Arterial Hypertension During Adolescence. JAAC 2018; 72 (11): 1267–74 CrossRef
1.Meister TA, Rimoldi SF, Soria R, et al.: Association of Assisted Reproductive Technologies With Arterial Hypertension During Adolescence. JAAC 2018; 72 (11): 1267–74 CrossRef

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