ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2018Von schräg unten: Praxis zu verschenken

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Praxis zu verschenken

Dtsch Arztebl 2018; 115(37): [120]

Böhmeke, Thomas

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Es stand in einer Wochenzeitschrift: Praxis zu verschenken! Ein Kollege aus dem ländlichen Raum hat vergeblich versucht, einen Nachfolger für seine Praxis zu finden. Er ist bereit, auf einen Obolus bei Übernahme zu verzichten. Das ist traurig für seine Patienten. Und es ist beschämend, dass seine Lebensleistung, der Aufbau seiner Praxis, weniger Wert hat als der Inhalt einer Restmülltonne.

Nur ein bedauerlicher Einzelfall, eine Kasuistik, eine Groteske. Wirklich? Ich muss das nach allen Regeln der Kunst hinterfragen und eile in die Praxis. Meine erste Fachangestellte, die nicht schnell genug weg ist, wird zur Studienassistentin befördert. Wir machen eine wissenschaftliche Untersuchung, wir erregen internationales Aufsehen, versuche ich ihre an ihrem rotatorischen Nystagmus erkennbare Skepsis zu zerstreuen. Telefonieren Sie alle Kassenärztliche Vereinigungen ab! Fragen Sie, wie viele Praxen nicht mehr übernommen werden, erfragen Sie die Altersstruktur, den Versorgungsgrad ...

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Noch ganz beseelt von der Erwartung hochwissenschaftlicher Würden stelle ich mich den täglichen Herausforderungen. Die zweite Fachangestellte stürzt ins Sprechzimmer. Was ist, Patient mit Verdacht auf Herzinfarkt? „Nein, mehrere Anfragen vom medizinischen Dienst, die Sie dringend beantworten müssen!“ Dieses Papiergemetzel lässt einen schneller siechen als ein Schneeglöckchen in der Sahara.

Was gibt’s Neues von meiner frisch ernannten Studienassistentin? „Also, die KVen in NRW habe ich erreicht: Zwischen 44 und 252 Praxen können sofort übernommen werden.“ Heiliger Versorgungsauftrag! „Herr Doktor, hier ist aber …“ noch etwas Wichtiges? Ein Patient mit Verdacht auf Beinvenenthrombose, Lungenembolie? „Nein, er fragt, ob Sie für seinen Hilfsmittelantrag noch etwas schreiben könnten. Der Hausarzt hat sich zwar schon geäußert, aber es käme doch gut, wenn Sie …“ Himmel! Ich bin doch kein Schreibbüro! „Ach ja, und das Versorgungsamt will die überfälligen Auskünfte für die Anträge auf Schwerbehinderung.“ Noch mehr? „Auf die Anträge auf Kostenübernahme für Gerinnungsmessgeräte warten …“ Ich warte die ganze Zeit auf einen wahrhaftigen Patienten mit realen Beschwerden! Ich will nicht länger diesen bürokratischen Blasebalg bedienen! „Die Qualitätssicherung der KV will für alle Patienten, bei denen Sie einen Herzkatheter durchgeführt haben, die zehnstelligen Patientenziffern.“ Ein Traum! Qualität ist, wenn man es schafft, zehn Ziffern in einen PC einzugeben. Noch was? „Neben den zehnstelligen Patientenziffern müssen Sie noch die achtstelligen Krankenkassenkennziffern eingeben …“ Es reicht! Das ist furchtbar, mein Blutdruck knackt schon die Vierhunderter-Grenze!

Ich brauche aus therapeutischen Gründen dringend eine Übersprungshandlung, also: Was hat meine Studienassistentin noch herausgefunden? „Der Altersdurchschnitt der Niedergelassenen liegt bei über 50 Jahren.“ Unfassbar! Aber die Patienten wird’s freuen, dass sich die behandelnden Ärzte zunehmend besser mit Rollatoren, Unter-, Oberkiefer- und sonstigen Prothesen auskennen. „Ich habe die größeren Ärztenetze angerufen, genaue Zahlen konnten sie nicht sagen, aber überall schließen Praxen aus Altersgründen, es finden sich keine jungen Ärzte mehr, diese weiterzuführen.“

Schrecklich! Und das ist erst der Anfang, wo werden wir erst in zehn Jahren stehen?! Dabei ist doch das Leben als niedergelassener Arzt das Allerschönste, was man sich vorstellen kann! Kein Beruf macht so viel Freude, nirgendwo kann man sich so voller Empathie um Menschen kümmern, sich für ihr Wohl aufopfern … oder habe ich da was übersehen?

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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